Kämpfer für das alte Gymnasium

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Als Teenie ist das Leben anstrengend: Die erste Liebe, die neue Clique, all das braucht Zeit und Energie. In der fünften und sechsten Klasse hingegen sind die Schüler meist noch nicht in der Pubertät und lassen sich deshalb eher für Musik, Naturwissenschaften oder alte Sprachen begeistern.

Das jedenfalls ist die Meinung Christiane Bertrams, Elternvertreterin am Luisen-Gymnasium. "Aber wer hat in der siebten Klasse mit 13 Jahren noch Lust, eine Geige in die Hand zu nehmen und als Anfänger leere Saiten zu kratzen?", fragt die Gegnerin der geplanten Schulreform, durch die die Klassen fünf und sechs, die sogenannte Unterstufe, von den Gymnasien an die Grundschulen (dann "Primarschulen") verlegt werden.

Bertram saß gemeinsam mit dem Berliner Bildungsforscher Rainer Lehmann und dem Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Hans-Jörg Schmidt-Trenz auf dem Podium im Luisen-Gymnasium und diskutierte unter dem Motto "Gymnasium: Zukunfts- oder Auslaufmodell?" über die Schulreform. "Wir wollen, dass an dieser Schule bleibt, was gut ist. Und hier ist eben besonders die Unterstufe sehr gut. Sie würde uns durch die Reform genommen", fasst Bertram die Ängste der Eltern zusammen.

Dass sich jedoch etwas im Schulsystem ändern muss, davon ist Rainer Lehmann, Wissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität, überzeugt. "Es ist töricht, alles so lassen zu wollen, wie es ist", sagt er. Die Hamburger Reform sei aber keine Lösung.

"Es gibt Belege dafür, dass schwache Schüler eine andere Schulform brauchen als starke Schüler", sagt der Wissenschaftler. Die sechsjährige gemeinsame Primarschulzeit aller Kinder, die die bisherigen vier Grundschuljahre ersetzen soll, hält er deshalb für einen schlechten Kompromiss: "Ein ähnliches Modell haben bereits Berliner Schulen versucht und sind damit gescheitert."

Laut Lehmann beeinflusst auch der soziokulturelle Hintergrund der Schüler stark ihre Leistung. Familien aus höheren Bildungsschichten seien klar im Vorteil: "Wenn der Mathelehrer so schlecht ausgebildet ist, dass er Mühe hat, sein Wissen zu vermitteln, dann ist es eben hilfreich Vater oder Mutter zu Hause zu haben, die das besser können." Deshalb müsse in erster Linie in die Lehrerausbildung investiert werden. Allerdings sei der Plan der Reformer, neben den Gymnasien auch Stadtteilschulen anzubieten, die verschiedene Abschlüsse ermöglichen, sinnvoll.

Aus ganz Hamburg waren Väter, Mütter und Lehrer zur Diskussion ins Luisen-Gymnasium gekommen. "Mein Sohn ist wegen des altsprachlichen Zweigs am Johanneum in Winterhude. Der würde dann ja wegfallen", zeigt sich Kaufmann Hubert Knigge, Vater dreier Kinder, enttäuscht. "Ich finde diese Reform nicht gut", sagt Carola Wollenhaupt, Kieferorthopädin aus Bergedorf. Die vierfache Mutter will, dass mehr Geld in die Frühförderung kleiner Kinder fließt: "So könnten Bildungsunterschiede früh ausgeglichen werden." Dirk Kowalczyk, Vater zweier Kinder, freut sich über den von der Reform in Aussicht gestellten individualisierten Unterricht. Jedoch würde eine ideale Welt an den Schulen versprochen, deshalb bleibt der Vater skeptisch: "Mal schauen, ob das auch Wirklichkeit wird."

( (pcs). )

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