Themen: KaDeWe-Gruppe insolvent +++ Ein neuer Name für die Hindenburgstraße +++ Bahnstreik endet vorzeitig.

Gendern polarisiert

30. Januar: „Wenn alle reden und keiner zuhört. Über die Gesprächskultur in einem Land, das immer hysterischer wird, obwohl der Kanzler genau das nicht will“

An kaum einer anderen Debatte lässt sich der Verfall der Diskussionskultur und die Polarisierung der Gesellschaft schöner exemplifizieren als beim Gender-Thema, wobei angesichts der Vielzahl der Gestaltungsmöglichkeiten von „dem Gendern“ kaum gesprochen werden kann. Die eine Fraktion befürwortet Sternchen, Gaps oder Doppelpunkte und wird als intellektuelle und bevormundende Bildungsbürgerelite beschimpft. Wer hingegen das Gendern ablehnt, wird als ewig gestrig und hoffnungslos reaktionär gegeißelt. Mehr Schaum vorm Mund war selten. Hinzu kommt, dass gerne übersehen wird, dass für Fragen der Orthografie der Rat für Deutsche Rechtschreibung zuständig ist, der auch Aspekte wie Barrierefreiheit und Vermittelbarkeit der deutschen Sprache im Blick hat, dem aber schon deshalb von vielen Diskutanten die Autorität in diesen Fragen abgesprochen wird, weil sein bisheriges Votum in Sachen Gendern tendenziell ablehnend ausfällt. Orthografie und Grammatik sind aber keine Gewissensfrage und schon gar kein Ausdruck von Individualität. Dabei liegt mit der gendersensiblen Sprache der Kompromiss auf der Hand: Die Wahl von geschlechtsneutralen Bezeichnungen und – wo nötig – die Nennung beider Geschlechter. So viel Zeit muss sein, Kolleginnen und Kollegen.

Dr. Tim Schurig

Den Wahnsinn stoppen

30. Januar: „KaDeWe-Gruppe insolvent – was passiert mit dem Alsterhaus?“

Nachdem das Unternehmen im Jahr 2000 als Zweimannbetrieb von René Benko gegründet wurde und seit 2006 unter dem Namen Signa rasant wuchs und unter anderem die Kaufhauskette Karstadt-Kaufhof erwarb, ist diese inzwischen mehr als halbiert worden und insolvent. Seit heute ebenso auch der Edelbereich der deutschen Kaufhäuser KaDeWe Berlin, Alsterhaus Hamburg und Oberpollinger München. Damit ruiniert dieser Unternehmer Benko mit seiner Firma Signa inzwischen fast die gesamte deutsche Kaufhausbranche. Und damit nicht genug. Inzwischen schafft „Benko“ durch seinen nahezu ungebremsten „Größenwahn“ und die scheinbar vermutlich kaum richtig vorgeprüft und abgesicherten Planungen von gigantischen Bauvorhaben in Hamburg seine weiteren Pleiten und Insolvenzen auch die Silhouette von Hamburg zu zerstören. Die Stadt hat inzwischen auf vielen „Filet“-Grundstücken Brachland-Baustellen, so z.B. mit dem Elbtower oder dem Gänsemarktareal. Wann wird dieser Wahnsinn in Hamburg endlich gestoppt? Der Hamburger Senat ist jetzt „mehr“ als nur gefordert, sich massiv gegen diese Zerstörung einzusetzen.

Hans-Jürgen Vogt

Kein Schild für Hindenburg

30. Januar: „Ein neuer Name für die Hindenburgstraße. Polizei-Gewerkschaft schlägt Pionierin Rosamunde Pietsch vor“

Vor 91 Jahren hat ein kaisertreuer alter Mann den Nazis an die Macht geholfen und damit indirekt die junge deutsche Demokratie zerstört. Zu Recht gehört sein Name nicht auf ein Straßenschild, welches damit ein dauerhaftes Erinnern an diese Person schafft. Als Gegenpol böte sich an, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“ als Namensgeberin auszuwählen, die nicht unerheblich mithalfen, ein neues demokratisches Deutschland aufzubauen. Bisher gibt es meines Wissens in Hamburg nur eine dieser Frauen, der diese Ehre zu Teil wurde.

Lothar Gramer

Straßenschild zum Nachdenken

Nun haben es die Bilderstürmer doch wieder geschafft, das Thema „Hindenburg“ erneut zu beleben. Abgesehen von den Kosten und Umständen für eine Umbenennung für alle Anlieger und Planer, ist diese Art von Vergangenheitsvernichtung einfach destruktiv. Geschichtsvergessenheit wird so gezüchtet, wo wir doch gegenwärtig das „remember“ so sehr pflegen sollten. Die Namensnennungen sollten nicht als „Ehrung“ be- oder verurteilt werden, sondern als Anregung zum Nachdenken und Nachforschen. Kleine Plaketten als Zusatz zu den Straßenschildern, eventuell mit Hinweisen auf das Internet, wären im Sinne einer Geschichtserinnerung konstruktiver. Derartige Zusatzschilder gibt es doch an andernorts bereits.

Herbert Nölting

Ein weiser Arbeiterführer

29. Januar: „Bahnstreik endet vorzeitig – Staus durch Trecker drohen“

Adolph von Elm, der erfolgreichste Arbeiterführer im vergangenen Jahrhundert, handelte u.a. einen neuen Tarifvertrag für die Bäcker und Müller aus. Der neue Tarif war für viele Arbeitnehmer nicht zufriedenstellend. Dazu erklärte Adolph von Elm: „Gewiss – wenn man an das zu Gewährende den Maßstab des Wünschenswerten anlegt, sind die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in den Konsumvereinen auch noch keine Ideale; die Genossenschaften aber müssen sich in der heutigen kapitalistischen Welt selbstverständlich nach der Decke strecken; sie können die Forderungen ihrer Arbeiter und Angestellten auch nur in soweit bewilligen, als die ihre Konkurrenzfähigkeit mit den Privatbetrieben zulässt.“ Adolph von Elm war ein weiser und kreativer Arbeiterführer. Er gründete u.a. die Versicherungsgruppe Volksfürsorge, die Konsumgenossenschaft Produktion, ferner die Hamburger Pensionskasse usw. Von der Klugheit dieses Mannes ist Herr Weselsky Lichtjahre entfernt.

Klaus Albers

Ungleiche Berichterstattung

29. Januar: „Triumph für den ,roten Baron‘. Südtiroler Jannik Sinner ringt Daniil Medwedew nieder. Damentitel für Belarussin Aryna Sabalenka“

Der Artikel über Herrn Sinner ist ganz ausgezeichnet sowie auch das ganze Spiel sehr mitreißend und spannend war. Was ich schlecht finde, ist die Gewichtung zwischen Damen und Herren Sportberichterstattung, die hier ganz besonders auffällt: Frau Sabalenka bekommt 12 Zeilen, während Herr Sinner eine halbe Seite bekommt. Die Damen dürften schon auch mehr Beachtung finden. Ich finde das sehr ungerecht und nicht mehr in die heutige Zeit passend.

Margret Sauer

Glücklich über Stilbruch

27./28. Januar: „Sozialkaufhäuser schließen – jetzt Ausverkauf“

Wie ist es möglich, dass eine ,sozial-grüne‘ Hamburger Regierung diese Schließung aus sogenannten Kostengründen zulässt? Warum wird gerade an so einer segensreichen Einrichtung wie diese Kaufhäuser der Sparstift angesetzt, während z.B. für den xten Umbau des Jungfernstiegs noch mal riesige Summen ausgegeben werden, von vielen anderen Projekten ganz zu schweigen. Es wird immer wieder von der Bevölkerung erwartet, einander zu helfen, nun, diese Sozialkaufhäuser sind genau das: Gute, noch erhaltenswerte Dinge werden abgegeben, von Hilfskräften für einen Mini-Lohn – aber als Eingliederung in einen Arbeitsprozess für sie sehr hilfreich – sortiert und ausgegeben, und Menschen mit schmalem Budget können dort etwas erstehen. Ich habe lange gut erhaltene Kleidung an Oxfam gegeben – nur dort geht der Gewinn nach Afrika. Mein Ziel ist es aber, hier der Bevölkerung zu helfen, es gibt genug Menschen, die es brauchen. Daher war ich über die Einrichtung Stilbruch sehr glücklich. Und wo bleibt die wichtige Idee des „Recycling“? Wie geht das besser, als dass gut erhaltene Ware weiter benutzt wird, statt im Müll zu landen? So viele Hilfskräfte verlieren ihre Arbeit, die ihnen eine Struktur im Tagesablauf gab, sie vielleicht sogar von der Straße holen konnte. Hat der Senat mit diesem Sparplan die Auswirkungen bis zu Ende gedacht?

Renate Kring, Hamburg

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