Hamburger für Haifa: Von Eric Warburg bis Aydan Özoğuz

Der Hamburger Bankier Eric M. Warburg (1900 bis 1990) während eines Telefongesprächs an seinem Schreibtisch in seinem Hamburger Büro. Er gründete den Förderkreis der Universität Haifa.

Der Hamburger Bankier Eric M. Warburg (1900 bis 1990) während eines Telefongesprächs an seinem Schreibtisch in seinem Hamburger Büro. Er gründete den Förderkreis der Universität Haifa.

Foto: Carl Schütze/Hamburger Abendblatt

Sonja und Manfred Lahnstein managen den Förderkreis für die israelische Uni, die so ganz anders tickt – mit überraschenden Ideen.

Hamburg. In dieser Geschichte schwingt so viel Geschichte mit, dass es schier unglaublich ist. Sie beginnt bei dem legendären Hamburger Bankier Eric M. Warburg. Er floh 1938 vor den Nazis in die USA, kehrte nach dem Krieg zurück, nahm in Blankenese zeitweilig 300 Kinder aus Bergen-Belsen auf und gründete die Atlantik-Brücke, bevor er vor 50 Jahren begann, mit einer Hamburger Runde in Israel eine Universität zu fördern: in Haifa. Sie tickt so ganz anders als das, was man sich unter einer renommierten Hochschule vorstellt.

Und diese Geschichte ist heute längst nicht zu Ende bei einer unerschrockenen Hamburgerin, die dieser Tage jedoch erschüttert ist, geradezu mitgenommen von Gräueltaten und Propagandagewalt gegen Ukrainer. Sonja Lahnstein, die impulsive Vorsitzende des prominenten Förderkreises der Uni Haifa, hat nach dem Einmarsch von Wladimir Putins Truppen sofort Geld gesammelt für geflüchtete jüdische Akademikerinnen.

Hamburger Förderkreis der Uni Haifa – 100.000 Euro für geflüchtete Ukrainerinnen

Sie ist schmerzlich berührt von den Kriegslügen, die Putin und seine Schergen verbreiten. „Perfide“ nennt sie das russische Narrativ von der „Entnazifizierung“. Das Holocaust-Gedenken entwürdigt, Millionen Menschen vertrieben – Sonja Lahnstein schrieb an Hamburgs Haifa-Förderer: „Das Leid der ukrainischen Bevölkerung ist uferlos und es zerreißt einem das Herz.“

In kurzer Zeit konnte sie 100.000 Euro Spenden einsammeln, um „jungen ukrainischen Akademikerinnen, die alles verloren haben, ein Stückchen ihrer Zukunft wieder zu gewinnen“. Zu den Ersthelfern zählten Persönlichkeiten wie Michael Otto oder Beate und Gunnar Heinemann.

Die Hamburg-Haifa-Brücke trägt Wissenschaftlerinnen, die wie insgesamt rund 200.000 Menschen aus der Ukraine nach Israel flohen. Mit Stipendien sollen sie ihre Arbeit fortsetzen können. „Viele werden sicher bleiben“, sagt Sonja Lahnstein, „aber sie sind doppelt und dreifach traumatisiert.“

Haifa wird ihnen wie ein sicherer Hafen vorkommen. Die Uni ist eine Art Reallabor für das Zusammenleben von arabischen und jüdischen Israelis. 18.000 Studenten, Hunderte Wissenschaftler, die für ihre Forschungen zum Klimawandel, zur Archäologie, Medizin oder Neurowissenschaften internationale Aufmerksamkeit erregt haben.

"Stars der arabischen Gesellschaft"

Es gibt ein Jewish-Arab Community Leadership Program, das das soziale Umfeld der Hochschule in den Blick nimmt. Aus Hamburg kommen Hilfen dazu von der Joachim Herz Stiftung. Das Werner-Otto-Stipendium fördert Wissenschaftlerinnen wie Prof. Mouna Maroun. Sie leitet das Labor für Neurobiologie der Emotionen. Ihre Eltern verließen nach der vierten Klasse die Schule. Die Forscherin hat eine Botschaft an junge Frauen: „Ihr könnt die Stars der arabischen Gesellschaft werden – und wir brauchen euch.“

Haifas Meeresforscher arbeiten mit dem Geomar in Kiel zusammen, mit den Wissenstauchern der Uni in Miami. Sie haben im Verbund mit deutschen und anderen Experten herausgefunden, dass Quallen aus dem Meer in Kläranlagen Mikroplastik binden können. Sie haben Haie mit Sensoren ausgestattet, um zu erforschen, wie Klimawandel und Meereserwärmung die Schwärme steuern.

Um den Nukleus der Haifa-Hilfen aus Hamburg hat sich durch intelligente Vernetzung ein Kosmos der Möglichkeiten für das jüdisch-arabische Leben in Nordisrael entwickelt. Der Spirit von Haifa atmet die pulsierende, junge Multi-Kulti-Gesellschaft mit ihrem Start-up-Gedanken des Aufbaus. Und das inmitten jahrhundertealter Konflikte in Nahost.

Youtube: Tour der Universität Haifa

Max Warburg: Die Hälfte der unterstützten arabischen Studenten sind Frauen

Bankier Max Warburg sagte dem Abendblatt: „Die Umstände der Gründung des Hamburger Förderkreises durch meinen Vater vor 50 Jahren sind mir noch sehr präsent. Die Idee entstand in Gesprächen meines Vaters mit seinem Cousin Prof. Gabriel Warburg, einem Historiker mit Schwerpunkt islamische Geschichte.“ Gabriel Warburg sei von London nach Haifa gegangen, wo er 1974 Rektor wurde. Er habe zur Bedingung gemacht, mindestens 20 Prozent der Studienplätze an palästinensische Israelis zu vergeben.

Max Warburg sagte: „Dies war auch für meinen Vater das Kernanliegen. Ich habe dieses wichtige Engagement dann in den 1980er Jahren von meinem Vater übernommen, und es ist für mich seitdem und bis heute ein echte Herzensangelegenheit. Ich darf sagen, mit Erfolg: Die Universität Haifa hat heute mit rund 40 Prozent den mit Abstand höchsten Anteil an palästinensischen Studenten in Israel. Und die Hälfte der vom Förderkreis unterstützten arabischen Studenten sind Frauen.“

Eric Warburg (1900–1990) kann es nicht geahnt haben. Aber ein solches Umfeld, dieses spannungsgeladene Klima war ihm nicht fremd. Obwohl seine Familie wohlhabend, Vater Max Moritz Warburg noch ein Berater von Kaiser Wilhelm II. war, spürte er den Antisemitismus in seiner Heimat. Auch er wurde ein Vertriebener, entkam Deportation und Schlimmerem, ist zurückgekehrt, hat angepackt. Mit seiner Haifa-Idee hat Warburg Dutzende Hamburger inspiriert, es ihm gleichzutun.

Reeder Nikolaus W. Schües kauft Werke junger Künstler

Christa und Nikolaus Schües sind so ein Beispiel. Mit ihrer Stiftung kaufen sie regelmäßig Werke von jungen Künstlerinnen und Künstlern der Hamburger Hochschule für bildende Künste. „Für sie ist es wichtig, dass ihre Werke in einer Sammlung sind“, sagte Nikolaus Schües. Er und seine Frau sind Mitglieder der Hamburger Delegation, die im Juni nach Haifa reist, und werden auch dort den Kunstnachwuchs unterstützen. „Was Daniel Barenboim in der Musik macht, schafft die Uni Haifa seit Jahren in der Wissenschaft.“

Die „Zeit“-Stiftung ist ebenfalls mit an Bord. Ein Vortrag im Jubiläumsprogramm läuft unter dem Titel des Gründungs-Verlegers Gerd Bucerius.

Wie Henry Kissinger oder Yitzhak Rabin hat natürlich Helmut Schmidt den Ehrendoktor der Uni erhalten – aber eben auch Joschka Fischer. Als Außenminister war der einstige Turnschuh-Grüne im Juni 2001 in Tel Aviv, als es vor seinem Hotel hinter der Uferstraße einen Anschlag auf eine Diskothek am Strand gab: 21 Tote, mehrere Hundert Verletzte. Fischer sah mit eigenen Augen, was Fanatismus und Terror anrichten. Deutschlands Chefdiplomat war danach ein anderer. Den Israelis gilt Fischer als Freund. Im Hause Lahnstein hörte er sich beim Haifa Dinner an, wie Araber und Juden gemeinsam studieren können.

Angela Merkel: Ehrendoktorwürde aus Haifa

Als Angela Merkel im Jahr 2018 qualifiziert war für den Ehrendoktorhut aus Haifa, sagte sie in Jerusalem angesichts der deutschen Geschichte und des Holocaust: „Das Vertrauen, das ich hier erfahre, gleicht ja einem Wunder.“ Sie hatte sich erbeten, mit Studentinnen und Studenten zu diskutieren. Und sie bohrte nach: Wie ist das nun mit den Frauen an der Uni? Nein, nicht die Studentinnen – wie viele werden denn Professorinnen? Die Kanzlerin wusste, wo der Schuh auch mal drückt.

Den Umhang für die Zeremonie hat ihr Manfred Lahnstein umgelegt. Er war 2001 der erste Deutsche und Nicht-Jude, der als Chairman den Aufsichtsrat der Uni leitete. Der Uni-Senat, so berichtet er es, habe aufgewühlt debattiert, ob eine derart herausragende Position in Israel so zu besetzen sei, solange noch Holocaust-Opfer lebten. Psychologie-Professor Shlomo Bresnitz soll aufgestanden sein und gesagt haben: „Es hat 300 Jahre gedauert, bis Harvard seinen ersten jüdischen Präsidenten hatte. Da müssen wir als liberale, zukunftsorientierte Uni ein anderes Signal senden und denjenigen wählen, der ,the best for the job‘ ist.“

52 Voten für Lahnstein, einmal nein, eine Enthaltung. „Einer der emotionalsten Momente für meinen Mann und mich im Leben“, sagt Sonja Lahnstein. Ihr Mann blieb die maximale Zeit von zwei Amtsperioden.

Manfred Lahnstein: Eng verbunden mit Helmut Schmidt

Was viele nicht mehr wissen: Manfred Lahnstein, heute 84, war lange Zeit nur einen Herzschlag von der Macht entfernt. Er war Chef des Bundeskanzleramtes in der Ära Helmut Schmidt, später Finanzminister. „Der Kanzler schätzt sein selbstsicheres Auftreten“, schrieb das Abendblatt, als er das Ministerium übernahm. Mit der Wende zur schwarz-gelben Regierung von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher nahm Lahnstein 1983 das Angebot an, in den Vorstand der Bertelsmann AG zu wechseln. Das Abendblatt sah in ihm damals einen potenziellen Schmidt-Nachfolger und schrieb: „Mit ihm geht eine Hoffnung der Sozialdemokratie.“

Ein halbes Jahrhundert nach Eric M. Warburg haben es die Lahnsteins auf ihre kluge, elegant-beharrliche Art geschafft, im Ozean geopolitischer Konflikte ein geschütztes Becken für Wissenschaftler einer spannungsreichen Region zu erhalten. Die Uni Haifa und ihr deutscher Förderkreis bleiben ein Refugium für unkonventionelles Denken. Auf der Suche nach einer geeigneten Rednerin für die Jubiläums-Veranstaltung und die Bucerius Lecture am 19. Juni wählte Sonja Lahnstein eine mutige Muslima. Aydan Özoğuz (SPD), frühere Staatsministerin für Integration in Angela Merkels Kanzleramt, ist mittlerweile Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.

Aydan Özoğuz hält die Bucerius Lecture

Sie sagte dem Abendblatt: „Wir haben aus Israel viel gelernt, was Konzepte für Einwanderung und Integration betrifft. Kaum ein Land auf der Welt hat mit so vielen unterschiedliche Sprachen und Kulturen zu tun.“ Özoğuz ist in Hamburg-Lokstedt aufgewachsen. Angriffe gegen sie vom rechten Rand gehören beinahe zum Tagesgeschäft. AfD-Mann Alexander Gauland wollte sie „in Anatolien entsorgen“. „Die Ideen der Uni Haifa passen auch gut zu meiner Biografie. Verständigung und Versöhnung sind Themen, die mich schon mein Leben lang begleiten“, sagte sie.

Von Eric Warburg bis Aydan Özoğuz – auch das ist ein Hamburger Weg. Er ist noch nicht zu Ende.