Encrochat

Drogen-Chat – Polizei und Justiz von Verbrechen überrollt

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Gehackte Encrochat-Daten bereiten der Polizei und der Justiz viel Arbeit. Die Hamburger Soko „HHammer“ kam dank der Daten etwa auf die Spur von Danny D. aus Duvenstedt.  Im Mai 2021 nahm ein Spezialeinsatzkommando Europas Kokain-Paten fest (Symbolbild).

Gehackte Encrochat-Daten bereiten der Polizei und der Justiz viel Arbeit. Die Hamburger Soko „HHammer“ kam dank der Daten etwa auf die Spur von Danny D. aus Duvenstedt. Im Mai 2021 nahm ein Spezialeinsatzkommando Europas Kokain-Paten fest (Symbolbild).

Foto: Michael Arning

Geknackte Encrochat-Daten haben Ermittlern in Hamburg und bundesweit viele Erkenntnisse gebracht – und einen Haufen Arbeit.

Hamburg/Berlin. Pseudonyme, Codewörter für die Übergabe, Fotos von Drogen oder Waffen – bei ihrer Kommunikation mit verschlüsselten Kryptohandys wähnten sich Kriminelle in Sicherheit. Vor rund zwei Jahren jedoch gelang es europäischen Ermittlern, die Daten des Anbieters Encrochat zu knacken. Seitdem ringen Polizei und Justiz bundesweit mit einer Datenflut – auch in Hamburg und Schleswig-Holstein.

Hamburg und Bremen zählen wegen ihrer Häfen neben Berlin zu den Hauptumschlagplätzen der Drogenkriminalität. Nach einer Umfrage des Richterbundes waren in Hamburg bereits im vergangenen November mehr als 200 Encrochat-Verfahren bei den Staatsanwaltschaften in Bearbeitung, in Bremen waren es knapp 150.

Drogen-Chat – erste Verurteilungen in Schleswig-Holstein

Erste Verurteilungen aufgrund sichergestellter Encrochat-Daten gab es inzwischen etwa in Schleswig-Holstein, wo das Landgericht Kiel nach Angaben des Landeskriminalamts vor kurzem Haftstrafen zwischen viereinhalb und fast sieben Jahren gegen drei Männer verhängte.

Besonders viel Arbeit bereiten die Encrochat-Daten, die es zu knacken gilt, Berlin. Allein dort geht es laut Staatsanwaltschaft um rund 1,6 Millionen Chatnachrichten und knapp 750 Nutzer. „Mit etwa 15 Prozent stammen überproportional viele Encrochat-User aus Berlin“, sagt Oberstaatsanwalt Thorsten Cloidt, Leiter einer Abteilung für Organisierte Kriminalität.

Drogen-Chat: Daten führten Hamburger Ermittler zu Europas Kokain-Paten

In 40 Fällen hat die Berliner Staatsanwaltschaft bislang Anklage erhoben, etliche davon werden inzwischen beim Landgericht verhandelt. Mehr als 100 weitere Verfahren mit mindestens einem identifizierten Verdächtigen stehen nach Behördenangaben an, in weiteren neun Fällen müsse noch der Täter ermittelt werden. Auch in Hamburg gehören solche Prozesse inzwischen zum Alltag, in zwei Verfahren geht es etwa um den Schmuggel von mehreren Tonnen Kokain.

Gehackte Encrochat-Daten hatte die Hamburger Soko „HHammer“ etwa auf die Spur von Danny D. aus Duvenstedt gebracht. Er gilt als einer der größten Strippenzieher im europäischen Drogenhandel, mutmaßlich beteiligt an Lieferungen im Tonnenbereich. Jahrelang jagten die Ermittler Danny D., im Mai 2021 hatten sie Erfolg: Ein Spezialeinsatzkommando nahm den mit europäischem und einem Hamburger Haftbefehl gesuchten 46-Jährigen im nordrhein-westfälischen Kurort Bad Oeynhausen fest. In dem Ferienhaus entdeckten die Beamten rund 70.000 Euro Bargeld, Goldbarren, Schmuck, Luxusuhren – und 18 mutmaßlich gefälschte Ausweise.

Encrochat-Verfahren – meistens geht es um Drogenhandel

„Das Gros der Verdächtigen in den Verfahren sind Personen, die wir noch nicht auf dem Schirm hatten“, sagt Staatsanwalt Cloidt, der in der Hauptstadt seit langem für Clan- und Rockerkriminalität zuständig ist. Einen Bezug zur Clankriminalität gebe es weniger, Rocker seien häufiger betroffen. Meist gehe es um Drogenhandel. Auffällig sei die hohe Taktung der Taten, weniger die Mengen des Rauschgifts. „Die Leute waren sich offensichtlich sicher, dass die Daten nicht entschlüsselt werden können“, so Cloidt.

„Das System war für Kriminelle gedacht“, sagt sein Kollege Reiner Pützhoven. Der Oberstaatsanwalt leitet die Schwerpunktabteilung, die zu Jahresbeginn bei der Berliner Staatsanwaltschaft eingerichtet wurde, um der Datenflut Herr zu werden. Zuvor hatte die Polizei in den Niederlanden und Frankreich im Frühjahr 2020 die Software der Firma Encrochat geknackt und einige Monate lang insgesamt mehr als 20 Millionen geheime Chat-Nachrichten abgeschöpft. Zwischenzeitlich hat der Bundesgerichtshof (BGH) entschieden, dass diese in Deutschland verwertet werden dürfen, wenn es um die Aufklärung schwerer Straftaten geht.

Entschlüsselte Chats von Kriminellen – „Segen und Fluch“

Die Daten seien eine „wahre Goldgrube“ als Ansatz für diverse Ermittlungsverfahren, sagt der Berliner Landessprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Benjamin Jendro. „Wir hatten selten zuvor mit einer derart offenen Kommunikation von kleinen und großen Fischen aus der Organisierten Kriminalität zu tun, so dass eine geöffnete Ermittlung schnell zu einem Stich ins Wespennest wird und wir Probleme bekommen, alles auch in der gegebenen Zeit zu beackern.“

Ermittler und Justiz sind sich einig: Wegen der vielen Verfahren und der großen Datenmengen ist die Entwicklung „Segen und Fluch“ zugleich. Denn die Ermittlungen müssen zügig geführt werden, weil die Verdächtigen in Untersuchungshaft sitzen, was zeitlich nur begrenzt möglich ist. Bundesweit haben Polizei und Justiz reagiert und spezielle Abteilungen eingerichtet sowie Personal aufgestockt. In Hamburg etwa wurden nach Angaben des Deutschen Richterbundes befristet 28 neue Stellen für Richterinnen, Staatsanwälte und Servicepersonal geschaffen.

Staatsanwalt rechnet in Encrochat-Verfahren mit langen Haftstrafen

„Kryptohandys werden uns die nächsten Jahre beschäftigen“, ist Cloidt überzeugt. Die nächsten kniffeligen Verfahren rollen bereits auf die Ermittler zu: Im Frühjahr hatte es erste Berichte gegeben, dass die EU-Polizeibehörde Europol Ende 2020 die Verschlüsselung des Kommunikationssystems Sky ECC geknackt und viele Millionen Chat-Nachrichten von Nutzern aus der ganzen Welt gesichert habe. Der Datenbestand soll bis zu viermal so groß sein wie der bei Encrochat.

Der Berliner Staatsanwalt Cloidt rechnet in den meisten Encrochat-Verfahren mit langen Haftstrafen. Angesichts der freigiebigen Unterhaltungen in den Chats sei die Beweislage oft eindeutig. „Da bleibt dem Beschuldigten nur noch eine Schadensminimierung, indem er umfassend aussagt“, erklärt Cloidt. Auf dieser Basis könnten sich die Prozessbeteiligten dann auf eine niedrigere Strafe verständigen – und auf diese Weise lange Hauptverhandlungen vermeiden. „Das ist unsere Hoffnung“, so Cloidt.

( dpa/HA )

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