Tierpark

Aufstand: Hagenbeck-Mitarbeiter fordern Absetzung des Chefs

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Der Geschäftsführer vom Tierpark Hagenbeck, Dirk Albrecht, steht in der Kritik. (Archivbild)

Der Geschäftsführer vom Tierpark Hagenbeck, Dirk Albrecht, steht in der Kritik. (Archivbild)

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Streit bei Hagenbeck eskaliert weiter. Die Vorwürfe der Mitarbeiter und die Reaktion des Geschäftsführers im Wortlaut.

Hamburg. Der Streit im traditionsreichen Hamburger Tierpark Hagenbeck hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. In einem offenen Brief, der dem Abendblatt vorliegt, fordern die Mitarbeiter die Absetzung des Geschäftsführers Dirk Albrecht, denn „unter der aktuellen Geschäftsführung haben sich die Arbeitsbedingungen und der Umgang mit den Kolleginnen und Kollegen in eine unerträgliche Richtung entwickelt“, schreiben die Angestellten. Gegenüber dem Abendblatt wies Albrecht die Vorwürfe zurück: Er sprach erneut von falschen Behauptungen und einer „Kampagne“ gegen ihn.

Tierpark Hagenbeck: Mitarbeiter fordern Absetzung ihres Chefs

Der Tierpark habe sein menschliches Miteinander verloren, so die Angestellten in dem Schreiben. „Respektlosigkeit, Demütigungen, Diffamierungen, Diskriminierung und Bossing sind Bestandteile eines patriarchischen Führungsstils, dem wir nicht länger ausgeliefert sein wollen“, heißt es weiter. Es herrsche „ein Klima der Angst“. Der Umgang mit den Tieren sei inzwischen besser, „als der Umgang mit uns“, schreiben die Mitarbeiter und fordern: „Doch auch wir wollen „artgerecht“ behandelt werden.“ Mit der Absetzung Albrechts wollen sie den Tierpark wieder zu „dem schönen Familienunternehmen machen, das er einmal war.“

Tierpark Hagenbeck: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Chef

Damit hat der Zwist von Belegschaft und Geschäftsführung einen neuen Höhepunkt erreicht. Seit Albrecht im Jahr 2020 eigentlich in Friedensmission als alleiniger Geschäftsführer angetreten ist, rumort es. Während sich zuvor die beiden Familienstämme Hering-Hagenbeck und Weinlig-Hagenbeck als Doppelspitze unerbittlich bekriegt hatten, schwappte der Streit unter Albrechts Ein-Mann-Ägide in die Belegschaft. Die Mitarbeiter warfen ihm einen autoritären Führungsstil und Behinderung der Betriebsratsarbeit vor. Am Ende leitete sogar die Staatsanwaltschaft gegen Albrecht ein Ermittlungsverfahren ein: Es besteht ein Anfangsverdacht, dass er vertrauliche Briefe an den Betriebsrat geöffnet haben könnte.

Seitdem hätten viele Kolleginnen und Kollegen den Tierpark verlassen, „weil sie es nicht mehr ausgehalten haben“, heißt es nun in dem offenen Brief. Zuletzt habe Cheftierpfleger Walter Wolters nach 40 Jahren das Unternehmen verlassen, eine Schlüsselposition im Zoo und eine Personalie, die nun das „Fass zum Überlaufen gebracht“ habe. Denn Wolters kümmerte sich um die Personalplanung, koordinierte sämtliche Arbeitseinsätze und war mit den Zootierärzten für das Wohl der Tiere zuständig. Zuerst berichtete die „Mopo“ über den offenen Brief, der mit „Die Hagenbecker“ unterzeichnet ist.

Hagenbecks Tierpark: Albrecht denkt weiter nicht an Rückzug

Angesprochen auf die schweren Vorwürfe sagte Albrecht, es handele sich um eine anonyme, aber kleine Gruppe von Mitarbeitenden, die gezielt gegen ihn vorgingen. Es gebe keine allgemein schlechte Stimmung oder gar dramatische Arbeitsbedingungen. „Dieses Vorgehen ist auch getrieben von einer Gewerkschaft, die Tarifverhandlungen vorbereiten will“, sagt Albrecht. Der Einnahmeverlust durch Corona betrage inzwischen zehn Millionen Euro – einzelne Beschäftigte wollten diese Realität und die damit verbundenen Folgen aber nicht anerkennen.

Ähnlich reagiert Albrecht bereits seit dem Sommer 2020 auf zunehmende Kritik an ihm, die bereits kurz nach seiner Ernennung einsetzte. Er sei ein Anhänger von „straffer Führung“, aber auch ein „Teamplayer“, behauptete Albrecht stets. Auch wenn unklar ist, welcher Anteil der Belegschaft tatsächlich hinter dem offenen Brief steht, berichteten zahlreiche Insider gegenüber dem Abendblatt von einem vergifteten Klima und einer völlig unangemessenen Führung durch Albrecht.

Tierpark-Mitarbeiter bitten um „Befreiung“ von ihrem Chef

Die vielen gegangenen Mitarbeiter würden es inzwischen „regelrecht als Befreiung empfinden, nicht mehr unter dieser Geschäftsführung arbeiten zu müssen“, heißt es in dem aktuellen Schreiben. Die Situation sei so unerträglich geworden, „dass wir uns nicht anders zu helfen wissen, als den Weg in die Öffentlichkeit zu wagen, denn interne Hilferufe an die Gesellschafter blieben bisher leider ungehört“. Bereits jetzt seien negative Auswirkungen auf den Tierpark nicht auszuschließen“, so die „Hagenbecker“ abschließend.

Bereits vor dem Amtsantritt von Dirk Albrecht hatte es jahrelange und erbitterte Streitigkeiten zwischen den verfeindeten Stämmen der Hagenbeck-Familie gegeben. Beide Seiten äußern sich nicht zum Widerstand gegen den Geschäftsführer. Wie es aus dem Umfeld der Eigentümer hieß, solle Albrecht den langjährigen Patt im Tierpark beenden und vor allem die Modernisierung des Betriebs voranbringen.

Geschäftsführer von Hagenbecks Tierpark arbeitet an Reaktion

Dirk Albrecht versendete am Mittwochnachmittag eine Stellungnahme, um die aus seiner Sicht falschen Behauptungen zu widerlegen – und auch ein vom ausgeschiedenen Cheftierpfleger Wolters unterschriebenes Memo, in dem versichert wird, dass dessen Abgang allein aus persönlichen Gründen erfolgt sei und nichts mit „internen Unstimmigkeiten“ zu tun habe.

Für Mitarbeiter war die Reaktion des Tierpark-Chefs, einen Rückzug abzulehnen absehbar. „Mit Vernunft braucht man gar nicht mehr zu rechnen“, heißt es. „Die Tage hier sind einfach nur noch fürchterlich.“

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