Hamburg

Im Grindelviertel die Synagoge virtuell erleben

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Elisabeth Jessen
Aktion auf dem Joseph-Carlebach-Platz.

Aktion auf dem Joseph-Carlebach-Platz.

Foto: Elisabeth Jessen

Gedenken an die Pogromnacht 1938. Heute können Besucher mit einer VR-Brille erfahren, wie die Bornplatzsynagoge einmal aussah.

Hamburg. Bis die Bornplatz-Synagoge eines Tages wieder aufgebaut ist, wird noch viel Zeit vergehen. Einen Eindruck, wie es dann auf dem Platz im Grindelviertel aussehen könnte, können sich die Besucher heute bis 18 Uhr verschaffen. Anlässlich des 83. Jahrestages der Pogromnacht am 9./10. November 1938 stellt der World Jewish Congress (WJC) damals zerstörte oder schwer beschädigte Synagogen in den Mittelpunkt. An deren Standorten werden digital rekonstruierte Gebäude gezeigt – auf Bildschirmen und mithilfe von 3D-Brillen, um den Betrachtern einen virtuell realen Eindruck der damaligen Synagogen zu zeigen. Das Projekt umfasst 18 Synagogen, 13 in Deutschland und fünf in Österreich.

Shlomi Zchwiraschwili von WJC reicht Ella Jukin eine der fünf VR-Brillen. Die 85-Jährige ist mit ihrem Mann Anatoli (85) gekommen, um sich die nur eintägige Ausstellung auf dem Joseph-Carlebach-Platz anzusehen. Als sie die Brille wieder abnimmt, sagt sie: „Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie schön die Synagoge war. Leider konnte man die Räume nicht von innen sehen.“ Als ihr Mann sich die Visualisierung ansieht, sagt er anschließend: „Man kann sich nicht vorstellen, wie man so etwa zerstören kann.“ Bevor Zchwiraschwili die Brillen an eine Gruppe von Schülern weiterreicht, werden sie desinfiziert. Die Jugendlichen sind begeistert und tun es laut kund.

Synagoge in Hamburg virtuell erleben

Die Visualisierung ist tatsächlich beeindruckend. Der Betrachter steht vor der Synagoge Hamburg Bornplatz, die am 13. September 1906 von der jüdischen Gemeinde eingeweiht wurde. Man kann das Gotteshaus aus vier Blickrichtungen betrachten. Der Innenraum der Synagoge bot Platz für 1200 Menschen. Ihr angegliedert war auch ein Gemeindehaus. Der Betrachter erfährt etwas über den Stil des Backsteinbau (Neoromanik), der neben Synagogen im maurischen Stil die Hauptstilrichtung im 19. Jahrhundert für jüdische Gotteshäuser in Deutschland war. Man betrachtet die mächtige Kuppel und die großen Fensterrosetten. Im Westen unter einer der Rosetten befand sich der Eingang, wie man auch noch erfährt.

Weitergehend sind die Informationen, die die begleitende Ausstellung auf dem Platz liefert. Da erfährt man, dass die Kuppel aus braun glasierten Ziegeln versehen und der Davidstern auf deren Spitze golden war. Die Inhalte der Ausstellung hatten Schüler der benachbarten Joseph-Carlebach-Schule erarbeitet.

Gedenken an Bornplatz-Synagoge: Mahnwache um 15.30 Uhr

Heute Nachmittag um 15.30 Uhr gibt es auf dem Joseph-Carlebach-Platz eine Mahnwache mit Vertretern der jüdischen Gemeinde. Die Nationalsozialisten hatten die Bornplatz-Synagoge am 9. November 1938 angezündet. Unter dem Motto „Grindel leuchtet“ stellen die Menschen in der Stadt Kerzen neben die Stolpersteine, die vor den Häusern auf die ehemaligen jüdischen Bewohner hinweisen. Am 9. November 1938 hatten die Nationalsozialisten Synagogen in ganz Deutschland angezündet. Die Bornplatz-Synagoge war bis 1938 das Wahrzeichen jüdischen Lebens in der Hansestadt und soll nun wieder aufgebaut werden.

Landesrabbiner Shlomo Bistritzky sagt nach dem Blick durch die VR-Brille: „Der Traum fängt an, wahr zu werden.“

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