Hamburger Kulturdenkmal

Ist der Schellfischtunnel noch vor dem Verfall zu retten?

| Lesedauer: 6 Minuten
Matthias Schmoock
CDU-Politikerin Anke Frieling (l.) mit der städtischen Beschäftigten Ines Hinrichs beim Südportal des Tunnels. Hier ist die historische Bausubstanz noch gut zu erkennen.

CDU-Politikerin Anke Frieling (l.) mit der städtischen Beschäftigten Ines Hinrichs beim Südportal des Tunnels. Hier ist die historische Bausubstanz noch gut zu erkennen.

Foto: Michael Rauhe / Funke Foto Services

CDU-Initiative möchte das historische Bauwerk wieder erlebbar machen. Ein baldiges Comeback des Tunnels ist dennoch unwahrscheinlich.

Hamburg.  Er gilt als bedeutendes Hamburger Kulturdenkmal – und ist gleichwohl fast völlig aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwunden: der Schellfischtunnel. Nun hat die CDU-Fraktion eine neue Initiative gestartet, um ihn wieder für Hamburgerinnen und Hamburger erlebbar zu machen. Die Aussichten, dass es klappen könnte, sind allerdings mittelprächtig. Bleibt das faszinierende Bauwerk für immer verschlossen?

Treffen mit der CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Anke Frieling am Tunneleingang unterhalb des Altonaer Bahnhofs. Über eine Rampe in der Nähe von Gleis 12 geht es nach unten. Unzählige Tauben flattern herum, ein paar Stadtstreicher haben Matratzen und Decken hinterlassen. Bereits der Tunnel-Eingang liegt in tiefer Dunkelheit, hinter dem hohen, massiven Eisentor ist mit bloßem Auge nichts zu erkennen.

Schellfischtunnel in Altona: Verfall oder Wiederbelebung?

Ines Hinrichs vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer nimmt sich Zeit für den Gang durchs Dunkle. Ohne sie läuft hier gar nichts, denn Hinrichs hat die Schlüssel für die beiden stark gesicherten Zugänge im Norden und Süden des Bauwerks. Das komplizierte Aufschließen mehrere versetzt angebrachter Schlösser dauert rund fünf Minuten, unerlaubte Besuche sind hier inzwischen unmöglich geworden. Das war nicht immer so.

Hinrichs berichtet, dass sich vor Jahren Unbefugte Zutritt verschafft und danach einen Abschnitt wie ein Mini-Wohnzimmer eingerichtet hatten. Nachdem das Ganze bei einem der regelmäßigen Kontrollgänge aufgeflogen war, dauerte die Entsorgung der Sperrmüll-Möbel rund zwei Tage. Nachdem dann zusätzliche Sicherungsmaßnahmen an- und eingebaut waren, herrschte vor Ort wieder Grabesruhe.

1876 wird der Hafenbahntunnel fertiggestellt

Als sich die haushohen Tore öffnen, beginnt eine Zeitreise, an der mittlerweile – leider – nur noch wenige Menschen teilnehmen können. Einige Daten aus der Geschichte des genau 961 Meter langen Hafenbahntunnels (so sein korrekter Name): Er wurde, damals 395 Meter lang, im Januar 1876 durch die preußische Altona-Kieler-Eisenbahngesellschaft fertiggestellt.

Nach Verlegung des Altonaer Bahnhofs musste er bis 1895 erheblich verlängert werden. Er verbindet den Bahnhof mit den an der Elbe gelegenen Gleisanlagen der ehemaligen Hafenbahn und dem Altonaer Fischereihafen. Jahrzehntelang transportierte die Altonaer Hafenbahn leicht verderbliche Waren vom Altona-Kai unter der heutigen Max-Brauer-Allee zum Altonaer Bahnhof.

Mit Zunahme des Warentransports per Lkw verlor der Tunnel dann über die Jahre an Bedeutung. 1989 wurde der Güterverkehr dort eingestellt, allerdings gab es noch bis 1992 Sonderfahrten zu speziellen Anlässen wie dem Hafengeburtstag.

Technische Meisterleistung – trotz Spritzbeton

Der Weg durch den Tunnel nach Süden verläuft zunächst relativ gerade, dann beschreibt er einen leichten Bogen in westliche Richtung. In den ersten Jahren nach der Fertigstellung hatten noch Pferdefuhrwerke die Waren transportiert, erst später kam die Bahn zum Einsatz. Ursprünglich aus Steinen errichtet sind Wände und Decke aus Sicherheitsgründen mittlerweile zu einem Großteil mit Spritzbeton ausgekleidet, was dem Tunnel eine moderne und auch recht nüchterne Anmutung verleiht.

Dort wo die alten Mauerteile noch frei liegen, lässt sich die besondere Qualität des Bauwerks nachvollziehen, das nun schon so lange tapfer den Belastungen des Stadtverkehrs standhält. Es war und ist eine technische Meisterleistung.

Kein Comeback für den Tunnel unter Altona

Faszinierend: Im Schein von Ines Hinrichs Lampe sind an der Decke immer noch Rußspuren zu erkennen. Als Hinrichs, ungefähr nach der Hälfte der Wegstrecke, die Lampe einmal ganz ausschaltet, herrschen absolute Dunkelheit und Totenstille – und das unmittelbar unter den wuseligen Straßen und Wegen Altonas. Dieser Eindruck ist so stark, dass er fast wie ein Schock wirkt.

„Ich finde es bedauerlich, dass die Hamburgerinnen und Hamburger den Tunnel nicht so erleben können wie wir hier“, sagt Anke Frieling. „Er rückt die Geschichte Altonas und Hamburgs stärker ins Bewusstsein der Menschen, als jedes Museum es kann“, findet sie. Und: „Es ist an der Zeit, diesen wichtigen Zeitzeugen zum Leben zu erwecken und ihn die Historie unserer Hafenstadt erzählen zu lassen.“

Doch wie die Senatsantworten auf eine Anfrage der CDU-Fraktion zeigen, scheint der Schellfischtunnel von einem Comeback weiter entfernt denn je. Zwar hatte es Pläne gegeben, ihn für Leitungsverlegungen zu nutzen, weitergehende Bemühungen gibt es schon seit 15 Jahren nicht mehr. „Es handelt sich beim Schellfischtunnel aber eben nicht nur um einen Teil der Hamburger Verkehrsinfrastruktur, sondern um ein bedeutendes technisches Kulturdenkmal unserer Stadt“, kritisiert Anke Frieling.

„Tag des offenen Denkmals“: Schellfischtunnel nicht vertreten

Dass der Tunnel mittlerweile nicht mal mehr im Programm für den „Tag des offenen Denkmals“ zu finden ist, findet die Politikerin „unbegreiflich“.

Die CDU-Fraktion hat kürzlich den Antrag „Den Schellfischtunnel als technisches Kulturdenkmal erlebbar machen“ auf den Weg gebracht. Darin wird der Senat aufgefordert, ein Konzept für die Nutzung als „öffentlich zugängliches technisches Kulturdenkmal“ entwickeln zu lassen und die Ergebnisse der Bürgerschaft bis spätestens 30. November vorzulegen. Der Antrag wurde zunächst in den Kulturausschuss überwiesen, der am 26. Oktober wieder tagt. Wie Frieling sagt, habe sie dazu viele positive Signale aus den anderen Fraktionen erhalten.

Ines Hinrichs öffnet das Gitter des Südportals. Unkraut wuchert, Bäumchen bedrängen die Fassade. Alles wirkt verwahrlost. Ein Graffiti am Zugang verkündet „Wir kommen wieder.“

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