Das Hamburger Projekt einer europäischen Kinderhauptstadt

Kirsten Boie (l.) und Rolf Zuckowski (r.) mit Kinderhauptstadt-Initiator Jan Haarmeyer (3. v.r.), der Studentin Milena Hajto (2.v.l.) und  Schüler*innen der International School of Hamburg

Kirsten Boie (l.) und Rolf Zuckowski (r.) mit Kinderhauptstadt-Initiator Jan Haarmeyer (3. v.r.), der Studentin Milena Hajto (2.v.l.) und Schüler*innen der International School of Hamburg

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Kirsten Boie und Rolf Zuckowski unterstützen die Idee einer wechselnden Hauptstadt der Kinder – was hinter der Initiative steckt.

Hamburg. Nicht nur Kunststücke wie Handstand und Spagat beherrscht Isabel. Sie versteht es auch gekonnt, ihren Kopf zum Einsatz zu bringen – klug, wortgewandt, selbstbewusst. „Wir Kinder haben eine eigenständige Meinung“, sagt die 13-Jährige. „Weil es unser Job ist, die Zukunft zu bauen.“

Mitschüler Jesper nickt zustimmend. „Wir denken oft anders als die Erwachsenen“, meint er. „Aber manchmal haben wir einfach die besseren Ideen.“ Und vor allem unkompliziertere Lösungen. Getragen von der Erkenntnis: Wer Europa eine Zukunft schaffen will, muss Kindern eine Stimme geben.

Weltkindertag: Europa soll eine Kinderhauptstadt bekommen

Applaus und Jubel an Bord. Unmittelbar vor dem Weltkindertag am 20. September haben sich neun Schulkinder aus sieben europäischen Ländern auf einem Schiff der besonderen Art versammelt. Ankerplatz des stabilen Kahns ist der Abenteuerspielplatz am Grasbrookpark in der HafenCity, einer der interessantesten der Hansestadt.

Diese Oase der Fantasie und Spannung ist wie geschaffen, um einem Projekt mit Tiefgang Fahrt zu verleihen. Europa soll eine Kinderhauptstadt bekommen. Jahr für Jahr anders und neu. Ziel ist es, die Rechte und Einflussmöglichkeiten junger Menschen zu stärken, Zusammenhalt zu schaffen, positiv zu denken.

Kirsten Boie und Rolf Zuckowski unterstützen die Initiative

Keimzelle und Heimathafen der Initiative ist Hamburg. Mit Herzblut und Zuversicht hat sich ein Verein auf den Weg gemacht, eine Vision in die Tat umzusetzen. Der kühne Gedanke soll sich auf dem Kontinent verbreiten, mit frohem Schall. Erste Erfolgsmeldungen machen Hoffnung.

Namhafte Unterstützer wie Hamburgs Ehrenbürgerin Kirsten Boie und der Musiker Rolf Zuckowski helfen, der Idee einer „Children’s European Capital“ Flügel zu verleihen. Botschafter bemühen sich auf politischen und diplomatischen Kanälen, David Sassoli, den Präsidenten des Europäischen Parlaments, sowie Europas Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen als Fürsprecher zu gewinnen. Es sieht gut aus, dass die Kinder unseres Kontinents am Ende Gewinner sein werden.

Fast alles scheint möglich – nicht nur auf dem Spielplatz

Fast alles ist möglich. Wie der vergangene Montag beweist. Im Kleinen zeigt sich auf dem Spielplatz in der HafenCity, was alles geht, wenn man sich die Hände reicht. Spielerisch werden Barrieren übersprungen, im wahrsten Sinn des Wortes. Isabel, Jesper und die anderen Kinder entern begeistert das aus Bohlen gezimmerte Schiff. Verblüffend leichtfüßig klettern auch Kirsten Boie und Rolf Zuckowski aufs Oberdeck.

Dazu gesellt sich die 20-jährige Studentin Milena Hajto. Die gebürtige Polin engagiert sich gleichfalls für das Ideal einer europäischen Kinderhauptstadt. Gemeinsam soll etwas Einmaliges geschaffen werden. Credo: Wer sich keine hohen Ziele steckt, wird nie etwas erreichen.

Die International School of Hamburg war sofort begeistert vom Projekt

Die neun Kinder aus sieben Ländern an Bord haben das Prinzip begriffen. An der International School of Hamburg an der Grenze zwischen Groß Flottbek und Osdorf leben rund 750 junge Menschen aus mehr als 50 Nationen Völkerverständigung – praktisch, beseelt vom Geist der Einheit und einem bunten Miteinander ohne Grenzen. Als das Abendblatt der 1957 gegründeten Privatschule im Frühjahr das Konzept einer Kinderhauptstadt für Europa vorstellte und ein Treffen mit Kirsten Boie und Rolf Zuckowski ins Spiel brachte, kam die Reaktion prompt: „Selbstverständlich sind wir dabei.“ Gesagt, getan.

Und so entwickelte sich bei Franzbrötchen und Kakao vor der Konditorei Hönig Am Grasbrookpark sowie anschließend auf dem Abenteuerspielplatz steuerbords ein unkompliziertes, turbulentes Gespräch. Sprachhürden und Altersunterschiede? Was ist das denn? Brücken bauen im Herzen der HafenCity. Das passt.

Internationale Schule in Hamburg: Europa im Miniaturformat

Isabel Nunez-Dzielak ist ganz Ohr. „Was könnte eine Kinderhauptstadt bewirken?“, fragt die Kinderbuchautorin und Ehrenbürgerin Kirsten Boie. „Alle Menschen haben ein Recht, ihre Meinung zu sagen, auch die jüngeren“, antwortet Isabel. „Wenn wir viel verreisen, andere Kulturen kennenlernen und Kontakte zu Kindern in anderen Ländern pflegen, wird die Welt besser werden.“ Das Mädchen aus der achten Klasse der Internationalen Schule am Hemmingstedter Weg formuliert diese Sätze in perfektem Deutsch.

Isabels Mutter stammt aus Polen, der Vater aus Spanien. Wohnort ist Hamburg. Ähnlich bunt ist die Herkunftswelt der anderen acht Kinder bei diesem fröhlichen Zusammentreffen. Die Schülerinnen und Schüler sind zwischen zehn und 13 Jahre alt. Auch Evelyn und Nicole aus Chester in England, Jesper aus Schweden, Rebecca aus Italien, Ronja aus Belgien, Valdemar aus Dänemark sowie Laura und Nick aus Deutschland verstehen sich prima.

So und so. Alle wurden vor dem Termin auf Corona getestet. Mal sprechen sie Deutsch, meist Englisch. Zwei Mütter und ein Vater sind als Chauffeure mitgekommen. Sie halten sich im Hintergrund, hören jedoch aufmerksam zu. Unterhaltungen wie an diesem Montagmorgen kann kein Erwachsener inszenieren.

"Wir Kinder sind weder festgefahren noch voreingenommen"

„Wir Kinder sind weder festgefahren noch voreingenommen“, weiß der Skandinavier Jesper Schmitz. Wenn sich Teilnehmer aus vielen Nationen in einer Kinderhauptstadt versammeln, könnte jedes Land seinen Nationalsport präsentieren. „Europa ist cool“, meint die Britin Evelyn Dudley. Gemeinsam mit Schwester Nicole und ihren Eltern habe sie in Italien, Frankreich und Hamburg eine Menge Neuartiges, Spannendes erlebt.

Die zwölfjährige Rebecca aus Genua in Norditalien schlägt vor, an markanten Eckpunkten Hamburgs mehr englische Informationstafeln aufzustellen. Eine Kinderhauptstadt könnte einen Kinofilm initiieren, an dem junge Leute aus allen möglichen Staaten Regie und Inhalt übernehmen. Nick aus Klasse sieben fände es prima, wenn bei einem großen Meeting internationale Musik vorgestellt wird. Wenn er am Schlagzeug seiner Schulband loslegt, harmonieren verschiedene Töne erstklassig. Nach diesem Prinzip kann Europa gedeihen.

Rolf Zuckowski hat das passende Lied zur Kinderhauptstadt

Nicht nur Liedermacher, Autor und Komponist Rolf Zuckowski ist aufmerksam präsent. „Bücher und Filme sind gut, reichen aber nicht“, wirft er in die Runde. Erst wenn man beim Reisen Augen, Mund und Ohren öffne, entstehen tiefere Kontakte. Es passt ins Bild, dass der gebürtige Hamburger seine Gitarre mitgebracht hat.

„Europakinderland, wir geben uns die Hand“, hallt es fast unisono über den Spielplatz. „Wozu sind Grenzen da? Für Jill und Jack und Jan und Julia.“ Weiter: „Kleine Europäer rücken immer näher.“ Diese Strophen hat Rolf Zuckowski entwickelt, lange bevor die Idee einer Kinderhauptstadt entstand. Konkret geht es darum: Kinder und Jugendliche müssen die Möglichkeit haben, einander regelmäßig zu begegnen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Eine alljährlich neu zu nominierende europäische Kinderhauptstadt soll jenen eine Stimme geben, die in zwei oder drei Jahrzehnten die Geschicke unseres Kontinents bestimmen. Regelmäßige Treffen junger Menschen in Europas Städten sollen Anlass zum Kennenlernen und zum Austausch sein, zum Diskutieren und Musizieren, zum Spielen und Feiern – zum Gestalten einer gemeinsamen, friedfertigen Zukunft.

Die Kernideen des Hamburger Projekts Kinderhauptstadt

Wenn Kinder für eine bestimmte Zeit das Kommando übernehmen, können Kreativität und internationaler Geist gedeihen. Kerngedanke: Kinder sollen als aufgeschlossene Europäer heranwachsen. Im Mittelpunkt stehen Begegnung, Beteiligung, Zukunftsgestaltung eines fröhlichen, lachenden und bunten Kontinents. Dass junge Menschen ein Recht auf Mitwirkung haben, legte die UN-Kinderrechtskonvention bereits 1989 fest. Von Hamburg aus ist jetzt ein Signal erfolgt. Worten sollen Taten folgen.

Initiator ist der Hanseat Jan Haarmeyer, bis zu seinem Ruhestand im vergangenen Jahr Autor des Abendblatts. Der Familienvater wirkt seit 15 Jahren als Liedermacher für Kinder, produzierte bereits ein Dutzend CDs mit Songs für kleine und größere Menschen sowie ein „Historicus“-Hörspiel für Kinder über die Hamburger Geschichte, ging mehrfach auf Küstentournee, spielt auch in Schulen und Kitas und freut sich über drei Kinder sowie sieben Enkel. Freunde wissen, dass in seiner Seele bisweilen ein kleines Kind schlummert. Diese Gabe ist ein Geschenk.

Der "Verein europäische Kinderhauptstadt" gründete sich 2020

„Wir müssen die Chance nutzen, dass die nächste Generation Verständnis für andere Nationen aufbringt, anstatt sich weiter voneinander abzugrenzen“, sagt Haarmeyer. Auch Europas Kulturhauptstadt, längst eine namhafte Institution, ist aus einer anfangs kecken Idee entstanden. Noch sei die Kinderhauptstadt ein „Sehnsuchtsort“. Doch wachse die Zahl der Unterstützer, die aus einem Gedanken ein jährlich wiederkehrendes Begegnungsfest formen wollen. Bewerberstädte sind aufgerufen, dem Nachwuchs bei der Programmentwicklung das Heft in die Hand zu geben.

Im Sommer 2020 wurde der „Verein europäische Kinderhauptstadt“ in Hamburg gegründet. Engagierte Partner der ersten Stunde sind die Schriftstellerin Kirsten Boie, der Komponist und Liedermacher Rolf Zuckowski sowie Knut Fleckenstein, Vorsitzender des Arbeiter Samariter Bundes Deutschland und frühere SPD-Abgeordnete des Europaparlaments. Hoffnung des Teams: Die Idee solle einem Stein gleichen, der ins Wasser geworfen wird, größere Kreise zieht, schließlich Wellen schlägt.

Die Idee kommt langsam auf EU-Ebene an

Eine von ihnen hat das Europäische Parlament erreicht. Die sozialdemokratische Abgeordnete Gabriele Bischoff nahm Kontakt zum Kabinett des Parlamentspräsidenten David Sassoli aus Italien auf. Sie bemüht sich um einen Termin, um eine fraktionsübergreifende Initiative zu starten. „Wir brauchen eine Europäische Kinderhauptstadt“, sagt Gabriele Bischoff, „weil die jungen Europäerinnen und Europäer unsere Zukunft sind, aber aktuell viel zu wenig gesehen und angehört werden.“

Als weiterer Schritt soll ein offener Brief an alle Abgeordneten des Europaparlaments gesendet werden. Dieses Schreiben erläutert die Initiative aus Hamburg und bittet Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, sich des Projekts anzunehmen. Andere Abgeordnete sollen bewegt werden, dem Anliegen Gewicht zu verleihen.

Melanie Leonhard: "Kinder haben eigene Rechte"

Auch im Hamburger Rathaus ist die Idee bekannt. „Kinder sind nicht bloß kleine Menschen, die vom Erwachsenenalter noch Jahre entfernt sind“, sagt Sozialsenatorin Melanie Leonhard dem Abendblatt. „Kinder haben eigene Rechte. Dazu gehört, dass sie sich beteiligen und mitreden dürfen. Und für uns als politisch Verantwortliche ist es eine wichtige Aufgabe, die Rechte von Kindern im Blick zu behalten und immer wieder wachzurufen.“

Parallel zur Gründung des Vereins wurden ein Logo für die „Children’s European Capital“ sowie ein Internetauftritt geschaffen. Ein pfiffiger Imagefilm verdeutlicht, um was es geht. Anlässlich der Europawoche im Mai dieses Jahres wurde das Konzept der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Netzwerk der Unterstützer aus Kunst und Politik wächst. So informierte der Hamburger Stephan von Loewis im Namen des Vereins Kinderkinder 30 europäische Jugendkultureinrichtungen und 27 Konsulate über das Projekt. Kontakte zum Europäischen Jugendparlament, zur Europajugend und zu Stiftungen wurden geknüpft.

Wien hat ein Kinderparlament – Stormarn die Kinderstadt "Stormini"

Während einer digitalen Gesprächsrunde stellte Bettina Schwarzmayr die Kinder- und Jugendstrategie der Stadt Wien vor. Jährlich eine Million Euro stehen bereit, um die nächste Generation ins Zentrum der Politik zu rücken. Wiens Kinderparlament besteht aus 225 Kindern zwischen fünf und 13 Jahren, das Jugendparlament aus 100 Vertretern zwischen 14 und 20 Jahren. Gezielt sollen diejenigen bei Themen wie Stadtplanung, Verkehr, Wohnen, Bildung oder Freizeit einbezogen werden, die eines Tages das Sagen haben.

Doch muss man nicht in die Ferne blicken, um bemerkenswerte Initiativen für junge Menschen zu entdecken. Beispiel ist die seit 2008 alljährlich im Landkreis Stormarn organisierte Kinderstadt Stormini. Mosaiksteine sind eine siebentägige Sommerfreizeit und ein Demokratie-Planspiel. Früh soll erlernt werden, Entscheidungsprozesse fair und sinnvoll zu gestalten.

Weltkindertag: UN stuft Hamburg unterdurchschnittlich ein

Dass es auch in Hamburg eine Menge zu tun gibt, weiß nicht nur das Deutsche Kinderhilfswerk. Die Organisation sieht „großen Nachholbedarf“ bei der Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in unserer Stadt. Ein Kinderrechte-Index mit Faktoren wie Gesundheit, Bildung, Beteiligung, Freizeit und Spiel sowie Lebensstandard stufte Hamburg im Dezember 2019 im Vergleich der Bundesländer unterdurchschnittlich ein. Ein Grund mehr, das Ideal einer Europäischen Kinderhauptstadt voranzutreiben.

Nach dem offiziellen Startschuss sollen Bewerberstädte Fragen beantworten. Was unternimmt die Kandidatenmetropole für Kinder in Bereichen wie Bildung, Stadtentwicklung, Kultur und Sport? Was zeichnet sie als künftige Kinderhauptstadt aus? Und welche Aktionen sollen den Status mit Leben erfüllen? Ähnlich wie bei der Kulturhauptstadt sollen die Städte ein Eigeninteresse an der Ausrichtung haben. Wegen der jugendpolitischen Ziele und wegen der internationalen Strahlkraft. Wer etwas Kraftvolles für Kinder unternimmt, zieht Klein und Groß dauerhaft als Gäste an.

Eine Kinderhauptstadt mit einem Kinderfestival – und Gästen aus der ganzen EU

Angedacht für das Kinderfestival vor Ort sind zwei bis vier Wochen. Wenn aus 27 europäischen Ländern jeweils 250 junge Menschen mitwirken, würden bis zu 7000 Teilnehmer aus Schulen und Vereinen plus Eltern und Lehrer anreisen. Möglich sind zehn Schulklassen pro Nation, die sich ein Jahr vorher bewerben können. Beispielsweise mit Aktionen, Filmen, Musik und Theaterstücken mit Europabezug. Bewusst existiert noch kein starrer Organisationsrahmen.

„Das Programm soll bunt sein, laut und vielfältig“, sagt Milena Hajto auf dem Abenteuerspielplatz in der HafenCity. Die gebürtige Polin lebt seit ihrem vierten Lebensjahr in Norddeutschland. Die 20-Jährige studiert internationales Business in Lüneburg. Sie ist Gründungsmitglied des Vereins europäische Kinderhauptstadt: „Ich habe von der Idee gehört und war begeistert.“

Populismus macht den europäischen Gedanken wichtiger denn je

Ähnlich wie die quicklebendigen Mädchen und Jungs der International School auf Hamburg, die über einen hervorragenden Ruf verfügt, lernte Milena früh, wie spielend leicht Grenzen überwunden werden können. Ihr Gymnasium in Ahrensburg machte seinem Status als Europaschule alle Ehre.

Milena war Austauschschülerin in Frankreich, England und Polen. Umgekehrt lud ihre Familie Gäste aus dem Ausland ein. „Ich bin mit Europa aufgewachsen“, sagt die Studentin. „Ich kenne es gar nicht anders. Wachsender Populismus in allen möglichen Staaten mache den europäischen Gedanken bedeutender denn je. Wer sich gut kennt, wer sich versteht, kommt nicht auf dümmliche Gedanken.“

Der Initiative fehlt noch ein namhaftes Gesicht aus der EU-Politik

Nicht nur Milena Hajto weiß: „Erfahrungen aus der Kindheit sind lebenslang prägend.“ Sie können das Prinzip eines friedlichen, geeinten Europas vorantragen. Die Festwochen in einer Europäischen Kinderhauptstadt sollten nicht nur aus Spaß und Remmidemmi bestehen, sondern inhaltliche Qualität bescheren. Stichworte sind Wurzeln und Historie des Kontinents, ein internationaler Spiritus, eine Ideenwerkstatt der Zukunft. Das Programm soll kulturelle und sportliche Veranstaltungen, Workshops über Themen wie Alltag und Armut, digitale Welten und Klimaschutz, Flucht und Heimat, Stadtentwicklung und Demokratie umfassen. Von Kindern mitgestaltete Eröffnungs- und Abschlussveranstaltungen gehören dazu.

Weitere Europaparlamentarier wollen sich der Idee made in Hamburg anschließen. Noch fehlen eine namhafte europäische Politikerin oder ein anpackender Staatsmann, um der Aktion zusätzliches Gewicht und Durchschlagskraft zu verleihen. Ein zusätzlicher Weg könnte über die EU-Zukunftskonferenz führen. Dieses internationale Forum dient dem Austausch europäischer Ideen und dem Anstoß länderübergreifender Diskussionen. Es geht um eine Übung in Sachen Demokratie, um eine transparente Bürgerdebatte. Wer will, kann online teilnehmen und für die neue Kinderhauptstadt eintreten.

Herman van Veen lobt den Verein Kinderhauptstadt

„Vielleicht geht alles schnell“, hofft Initiator Jan Haarmeyer auch im Namen seiner Mitstreiter. Es gebe reichlich Zuspruch: „Viele halten den Gedanken für gut und zeitgemäß.“ Umgesetzt indes ist damit noch nichts.

Umso mehr Mut machen Reaktionen wie die des niederländischen Künstlers Herman van Veen. „Ich finde die Initiative deshalb so interessant, weil sie eine Chance bietet, die Kinderrechte ins Bewusstsein zu bringen und so die erwachsene Welt auf ihre Pflichten hinzuweisen.“ Der Sänger, Schriftsteller und Schauspieler ist Mitbegründer der niederländischen Lot-Stiftung und der Herman van Veen-Stiftung Deutschland. Beide setzen sich mit Rat und Tat für die Kinderrechte ein. „So wie im internationalen Vertrag der Vereinten Nationen artikuliert“, sagt Herman van Veen.

Kirsten Boie: Kinderhauptstadt kann den europäischen Gedanken stärken

Paten aus Hamburg sehen es ebenso. „Die Idee könnte mit einer Fülle von Projekten und Begegnungen über Ländergrenzen hinaus dafür sorgen, dass schon Kinder sich als Europäerinnen und Europäer empfinden“, sagt Kirsten Boie, „und dass ein gemeinsames Europa für sie selbstverständlich ist.“ Es handele sich auch, und das ist ihr besonders wichtig, um ein Friedensprojekt.

Mitstreiter Rolf Zuckowski meint: „Das Haus Europa kann nur ein gutes Haus sein, wenn es auch ein Zuhause der Kinder ist, das ihnen Geborgenheit, Chancen und Perspektiven bietet.“ Europa sei nicht leicht, „aber Europa lohnt sich.“ Knut Fleckenstein, Gründungsmitglied des Kinderhauptstadt-Vereins, ergänzt: „Ich weiß von vielen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen im Europäischen Parlament, dass sie diese Idee unterstützen. Ich hoffe, dass sich uns noch viele Menschen anschließen.“

Das sagen die Kinder der Internationalen Schule

Das Gespräch zwischen Kirsten Boie, Milena Hajto und Rolf Zuckowski auf dem Holzboot macht Spaß. Munter wogen die Worte hin und her. Laura Robertz regt an, Austauschprogramme zu stärken und Kindern kostenlose Fahrten in Bus und Bahn zu gewähren. „Ich finde Fakten über Kulturen anderer Länder spannend“, sagt Evelyn Dudley. „Wir Kinder müssen eine Stimme haben“, fordert Valdemar Fog-Petersen. Sprache und Sport verbinden besonders. Er plädiert für ein Musikfest für junge Leute in der neuen Kinderhauptstadt. Seinem Freund Nick Mullikas erzählt er gerne von Traditionen in seiner Heimat Dänemark. Rund 100 Lehrkräfte der International School of Hamburg (ISH), der ältesten und traditionsreichsten in Deutschland, fördern solchen Austausch.

„Wir Kinder werden irgendwann Erwachsene“, weiß Rebecca Manca, „und wollen die Welt verbessern.“ Sie kam vor fünf Jahren nach Hamburg und spricht gut Deutsch. Mitschülerin Ronja De Loecker, im vergangenen Schuljahr Klassensprecherin der 6a, schlägt vor: „Kinder aus vielen Ländern können Internet-Spots drehen.“ Vielfalt und Meinungsfreiheit seien wichtige Güter, allerdings keine Selbstverständlichkeit. Nicole Dudley erhofft sich von einer Kinderhauptstadt Anregungen für mehr Spiel- und Sportplätze in ganz Europa sowie Engagement für Naturschutz.

Zuckowskis "Europakinderland" – in Hamburg bald Realität?

Jesper Schmitz stellt sich vor, dass internationale Fußballturniere veranstaltet werden. Außerdem sollte es einen dauerhaften Kinderrat geben: „Weil Kinder anders denken.“ Isabel Nunez-Dzielak mischt sich ein: „Stimmt, wir Kinder denken an jetzt.“ Und zum Thema Kinderhauptstadt ergänzt das Mädchen mit polnisch-spanischen Wurzeln: „Ich möchte für Kinderrechte kämpfen.“ Bei Isabels weiterer Einschätzung muss nicht nur Kirsten Boie lachen: „Wir Kinder haben eben manchmal recht – am Ende des Tages.“

So weit ist es noch nicht. Offensichtlich tendiert die absolute Mehrheit der Kinder dazu, die Diskussion nach 90 Minuten zu beenden und die Energie nunmehr auf die Spielgeräte am Grasbrookpark zu konzentrieren. Kirsten Boie und Rolf Zuckowski können das nur zu gut verstehen. „Kleine Europäer rücken immer näher“, singt der Hamburger Liedermacher in seinem Stück „Europakinderland“. Weiter geht’s: „Wir geben uns die Hand. Doch Kinder werden groß – und ihre Träume werden grenzenlos.“

An diesem Tag geben die Kinder der Internationalen Schule den Ton an – im wahrsten Sinn des Wortes. Kaum hat Rolf Zuckowski erneut zur Gitarre gegriffen, kommt Freude auf. Und so erklingt an diesem Septembervormittag in der HafenCity spontan ein in diesem Moment ungewöhnliches Lied: „In der Weihnachtsbäckerei ...“. Das kennen alle neun Kinder, egal aus welchem Land.