Corona Hamburg

Leitender Arzt: "Die Infizierten werden immer jünger"

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Immer mehr Kinder infizieren sich mit Corona – nun dürfen auch sie eine Impfung bekommen. Prof. Dr. Philippe Stock leitet die Pädiatrie im Altonaer Kinderkrankenhaus in Hamburg und impft Friedrich.

Immer mehr Kinder infizieren sich mit Corona – nun dürfen auch sie eine Impfung bekommen. Prof. Dr. Philippe Stock leitet die Pädiatrie im Altonaer Kinderkrankenhaus in Hamburg und impft Friedrich.

Foto: Roland Magunia / Funke Foto Services

Altonaer Kinderkrankenhaus impft nun Jugendliche. Prof. Dr. Philippe Stock spricht über das Risiko einer Herzmuskelentzündung.

Hamburger Abendblatt: Wie beurteilen Sie die neue Entscheidung der Ständigen Impfkommission (Stiko)?

Prof. Philippe Stock: Ich begrüße die aktualisierte Empfehlung der Stiko sehr, denn wir brauchen die Impfung, um weiteren Schaden von Kindern und Jugendlichen durch dieses Virus abwenden zu können. Zum einen geht es um die Infektion selber. Es zeigt sich, dass die Infizierten immer jünger werden. Das Ausmaß ernster Primärerkrankungen bei der Delta-Variante können wir noch nicht abschätzen, die Erfahrungen aus den USA sind aber sehr bedenklich. Es ist kein Geheimnis mehr, dass die Delta-Variante sich auch bei uns sehr schnell verbreitet. Folgeerkrankungen, insbesondere das sehr ernstzunehmende Pädiatrische Inflammatorische Multiorgan-Syndrom, kurz auch PIMS, gilt es zu verhindern. Neben der Infektion geht es aber auch um den Schaden, der durch die notwendigen gesellschaftlichen Einschränkungen entsteht. Weitere Schulschließungen müssen verhindert werden.

Wie wichtig ist die Impfung von Kindern?

Stock: Natürlich steht der Schutz der Kinder und Jugendlichen vor direkten wie indirekten Schäden durch dieses Virus im Vordergrund. Zusätzlich gehen wir aber immer noch davon aus, dass im seltenen Falle eines positiven Tests bei geimpften Personen die Weitergabe von Viren zumindest reduziert ist. Insofern schützt man mit jeder Impfung auch das familiäre Umfeld, gerade dort, wo noch jüngere Geschwisterkinder sind, die nicht geimpft werden können.

Wer sollte sich jetzt impfen lassen?

Stock: Die Zulassung der EMA (Europäische Arzneimittelagentur) für die mRNA-Impfstoffe gilt für alle ab zwölf Jahren, die Stiko empfiehlt dies jetzt auch. Diese Empfehlung geben wir weiter, es sei denn, dass Vorerkrankungen z. B. des Immunsystems dem entgegenstehen. Aber dies ist Teil der Aufklärung und wird meist schon lange vor der Impfung mit dem behandelnden Arzt oder Ärztin und den Eltern besprochen.

Welche Risiken gibt es ihrer Meinung nach bei der Impfung für Kinder?

Stock: Das Risiko einer Herzmuskelentzündung bei Jugendlichen gilt laut Stiko als vertretbar, da diese Fälle bisher unkompliziert verlaufen sind. Wir dürfen bei dieser Debatte nicht vergessen, dass beim PIMS Syndrom das Herz beziehungsweise die Koronargefäße am Herzen oft mitbetroffen sind, und das ist häufig viel schwerer als die beschriebenen Fälle mit Muskelentzündung nach Impfung.

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Mit welchen Nebenwirkungen müssen Eltern nach der Impfung rechnen?

Stock: Vorübergehende Nebenwirkungen der Impfungen wie Schmerzen an der Einstichstelle, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Muskel- oder Gelenkschmerzen, Schüttelfrost oder Fieber sind zwar häufig, bleiben aber meist leicht.

Wie wird das AKK das Impfangebot genau organisieren?

Stock: Wir bieten ab dem 27. August einmal in der Woche eine Impfsprechstunde für alle Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren an. Jeden Freitag von 13 bis 17 Uhr können die Jungen und Mädchen dann kommen. Termine müssen telefonisch unter 116 117 oder online unter www.impfterminservice.de gemacht werden. Hier im AKK impfen wir in den Räumen des Medizinischen Versorgungszentrums. Wichtig ist zu betonen: Die Impfung findet nach intensiver, ärztlicher Aufklärung statt. Nach der Impfung verbleibt der Impfling zur Überwachung 15 Minuten in unseren Räumen.

Müssen Eltern immer dabei sein oder können Kinder auch allein kommen?

Stock: Kinder vom 12. bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres impfen wir ausschließlich nur mit Einwilligung eines Elternteils, dies ist Teil der Fürsorgepflicht, die jeder Arzt hat. Das heißt konkret, die Eltern müssen zum Impftermin mitkommen. In der Altersgruppe zwischen 14 und bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres entscheidet in der Regel die Einsichtsfähigkeit der Jungen und Mädchen. Das heißt, ist dem Jugendlichen überhaupt bewusst, was wir hier machen. Das stellen wir in den Aufklärungsgesprächen fest. Da wir dies aber erst vor Ort entscheiden können, muss bei uns im Fall der Corona-Schutzimpfung ein Elternteil anwesend sein. Sollten wir feststellen, dass die Einsichtsfähigkeit nicht gegeben ist, würde anderenfalls die Impfdosis unter Umständen nicht zum Einsatz kommen. Dies wollen wir unbedingt vermeiden. Bei Impfungen ab 16 Jahren ist eine Zustimmung der Erziehungsberechtigten nicht mehr zwingend erforderlich. Auch hier ist natürlich die sogenannte Einsichtsfähigkeit entscheidend. Wenn die Eltern nicht mit dabei sind, werden wir abfragen, wie diese zu der Impfung stehen. Und sollten sie dagegen sein, was vermutlich Einzelfälle sind, werden wir versuchen, die Eltern mit ins Boot zu holen, um Konflikte zu vermeiden.

Nun gibt es nach wie vor eine große Gruppe Kinder, die nicht geimpft werden können. Wann können wir bei den bis 12-Jährigen mit einer Impfstoff-Freigabe rechnen?

Stock: Zu der Altersgruppe laufen in anderen Ländern bereits Studien. Somit rechne ich damit, dass über kurz oder lang die EMA eine Freigabe für die kleineren Kindern geben wird. Vermutlich erst einmal die Gruppe der Jungen und Mädchen zwischen fünf oder sechs Jahren und 12. Allerdings gibt es noch keine konkreten Hinweise, wann das sein kann.

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Somit wird diese Altersgruppe noch eine Weile ungeschützt sein. Was können Eltern von Jungen und Mädchen unter 12 Jahren tun, um ihre Kinder zu schützen?

Stock: Zuerst einmal können alle sich weiter an die klassischen Regeln halten wie Maske tragen, Menschenmassen meiden, Händehygiene und Lüften. Alle sollten derzeit vermeiden ins Ausland zu reisen. Und ganz entscheidend, wir Erwachsenen können unseren Teil zum Schutz der Kinder beitragen, indem wir uns impfen lassen. Nur wenn möglichst viele Ältere geimpft sind, nähern wir uns der Herdenimmunität – und schützen damit die derzeit schutzlosen Kinder.

( HA )

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