Ermittlungen

Fabrik-Chefin: Auch Reisen im Visier der Staatsanwaltschaft

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Die Fabrik an der Barnerstraße, in der ursprünglich einmal Munition hergestellt wurde, ist seit 1971 ein Kulturzentrum.

Die Fabrik an der Barnerstraße, in der ursprünglich einmal Munition hergestellt wurde, ist seit 1971 ein Kulturzentrum.

Foto: imago images/Chris Emil Janßen

Ermittler prüfen Flüge nach London und in die USA wegen Verdachts der Untreue. Kultursenator Carsten Brosda schweigt.

Hamburg. Dutzende Bestellungen über Champagner, teure Kopfhörer, Fußballtickets, Heimwerkerbedarf – während Spenden von Konzertbesuchern möglicherweise verschwanden: Die Geschäftsführerin der traditionsreichen Fabrik in Ottensen, Ulrike Lorenz, sieht sich schwerwiegenden Fragen und Anschuldigungen ausgesetzt (das Abendblatt berichtete exklusiv). Die Affäre um die gemeinnützige Fabrik-Stiftung beschäftigt neben der Staatsanwaltschaft auch weitere Behörden. Unmittelbare Konsequenzen haben die Vorwürfe gegen Lorenz aber offenbar nicht.

Auf Anfrage wollte sich Kultursenator Carsten Brosda (SPD) am Mittwoch nicht zu der Affäre äußern. Sein Behördensprecher Enno Isermann verwies auf die noch laufende eigene Prüfung aller Verwendungsbelege. Die Prüfung begann nach Eingang eines anonymen Schreibens im November 2020. Seitdem habe es auch bereits mehrere Gespräche mit Ulrike Lorenz gegeben, zu deren Inhalt man sich nicht äußern wolle. Ausgeräumt sind die Anschuldigungen bisher aber offenbar keineswegs. Man nehme die Vorwürfe „sehr ernst“, heißt es.

Kulturbehörde unterstützt das Konzerthaus mit 549.000 Euro im Jahr

Die Kulturbehörde hat keinen direkten Einfluss auf die Fabrik-Stiftung, aber unterstützt das Konzerthaus mit 549.000 Euro im Jahr. „Sollten sich Verstöße im Zusammenhang mit dem Zuwendungsrecht ergeben, wird dies auch Konsequenzen haben“, so der Behördensprecher Isermann. Ulrike Lorenz erhält aus dem Budget der Fabrik-Stiftung ein monatliches Gehalt von gut 7500 Euro Brutto.

Auf die Frage, ob Ulrike Lorenz aus Sicht der Behörde ihr Amt bis zur Klärung der Vorwürfe ruhen lassen sollte, sagte Isermann: „Diese Entscheidung liegt in der Verantwortung des Aufsichtsrates.“ Bislang gilt Lorenz in der Behörde als erfolgreiche Kulturmanagerin. Die künstlerische und auch die wirtschaftliche Entwicklung der Fabrik sei aus Behördensicht „nicht zu beanstanden“, hieß es auch gestern auf Nachfrage.

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Die Staatsanwaltschaft hat in ihrem Ermittlungsverfahren bislang nur einen Anfangsverdacht gegen Ulrike Lorenz bejaht, bis zu einer möglichen Anklage gilt die Unschuldsvermutung. Bei der Durchsuchung der Geschäftsräume der Fabrik und der Privatwohnung von Ulrike Lorenz auf der Uhlenhorst wurden dazu Dokumente sichergestellt – ebenso wie Bluetooth-Kopfhörer, die als eine der fragwürdigen Anschaffungen auf Kosten der Stiftung gelten. Die möglichen Beweismittel würden nun ausgewertet, heißt es. Die Ermittlungen umfassen bislang vier Bereiche.

Dienstreisen zum Privatvergnügen?

Nach Abendblatt-Informationen interessieren die Ermittler neben den Einkäufen auf Kosten der Stiftung auch häufige und teils teure Dienstreisen der Fabrik-Chefin. Hier geht die Staatsanwaltschaft dem Anfangsverdacht nach, dass die Reisen nicht dem Stiftungszweck gedient haben und es sich damit ebenfalls um Untreue handeln könnte. Die Anzeigenerstatter sprechen gar davon, dass Lorenz sie nur zum Privatvergnügen unternommen haben soll.

Konkret geht es unter anderem um die Veranstaltung „Pop meets Classic“ in der Volkswagenhalle im Braunschweig im Jahr 2019, die Lorenz auf Kosten der Gastronomie-Tochtergesellschaft der Fabrik besuchte. Hierfür rechnete Lorenz mehr als 250 Euro inklusive einer Übernachtung im Steigenberger Parkhotel in Braunschweig mit Frühstück und Getränken von der Hotelbar ab.

Mehrere Trips nach Austin und New York abgerechnet

Eine Veranstaltung dieser Größe mit entsprechendem Orchester in die Fabrik zu holen, sei schon aufgrund der Platzkapazität laut den Anzeigeerstattern völlig undenkbar. Seit der Gründung der Fabrik vor 50 Jahren hätten so gut wie keine Klassikkonzerte in der Fabrik stattgefunden – für das Konzerthaus sei die Reise somit völlig unnütz gewesen.

Noch deutlich teurer waren zahlreiche Auslandsreisen, die Lorenz nach den dem Abendblatt vorliegenden Abrechnungsbelegen seit dem Jahr 2015 unternahm. Für mehrere Trips nach Austin und New York fielen jeweils Kosten bis zu 7000 Euro an, dort soll Lorenz ebenfalls an Veranstaltungen teilgenommen haben. Auch die weltbekannten Bands, die auf dortigen Festivals spielten, seien keinesfalls die Kragenweite der Fabrik, so die Anschuldigung. Wiederholt flog die Fabrik-Chefin zudem zur International Live Music Conference (ILMC) nach London, dem größten jährlichen Treffen der internationalen Konzertbranche.

Anonymes Schreiben

Ob diese Reisen wirklich verwerflich sein könnten, ist aber unklar. Aus der Kulturbranche ist zu hören, dass es grundsätzlich zu den Aufgaben einer Geschäftsführerin gehöre, intensive Kontaktpflege zu betreiben und auch inhaltlich auf der Höhe der internationalen Trends zu bleiben. Die Anzeigeerstatter sehen das anders. Auf solchen Konferenzen gehe es vor allem um den Austausch von Konzert- und Tourneeveranstaltern. „Die Chefin eines einzelnen Konzerthauses hat da nichts verloren.“

Durch das anonyme Schreiben wurden die Kulturbehörde und die Staatsanwaltschaft auch auf den Umfang und möglicherweise unnötige Kosten für die gemeinnützige Stiftung aufmerksam. Darin wurde konkret etwa der Besuch der ILMC im März 2018 genannt. Der entsprechende Beleg für die Übernachtung im Royal Garden Hotel London liegt dem Abendblatt ebenfalls vor. Demnach wurde dort ein Zimmer vom 6. bis zum 11. März für umgerechnet 1685 Euro gebucht. Die „ILMC 30“ dauerte aber nur bis zum 9. März jenen Jahres, war also bereits zwei Tage vor dem geplanten Check-out vorbei.

Auch die Stiftungsaufsicht ist eingeschaltet

Ulrike Lorenz ließ eine Anfrage des Abendblattes zu den Dienstreisen und den weiteren Vorwürfen auch am Dienstag unbeantwortet. Die Staatsanwaltschaft verwies auf die noch laufende Auswertung der Razzia. Zum Stand der Ermittlungen könne man ansonsten derzeit keine Auskunft erteilen. Auch Angestellte der Fabrik-Buchhaltung, die die fraglichen Ausgaben verbucht haben, lehnten gegenüber dem Abendblatt jede Auskunft ab.

Wie ein Sprecher der Justizbehörde auf Anfrage bestätigte, hat sich inzwischen auch die Stiftungsaufsicht eingeschaltet. Ihre vordringlichste Aufgabe ist es, zu überwachen, dass der Stiftungszweck eingehalten wird. In diesem Sinne seien in den vergangenen Jahren auch die Geschäftsberichte der Fabrik-Stiftung, jedoch keine einzelnen Ausgaben überprüft worden. Im Fall von belegten Unregelmäßigkeiten könnte die Stiftungsaufsicht im Gegensatz zur Kulturbehörde direkt eingreifen.

Anzeigeerstatter hatten auch den Führungsstil von Ulrike Lorenz scharf kritisiert

Ulrike Lorenz ist seit 2012 nicht nur Geschäftsführerin der Fabrik, sondern auch Vorstandsvorsitzende der Stiftung. Unter ihrer Führung wies das Konzerthaus in den vergangenen Jahren stets einen Überschuss aus. Wegen ihrer guten Ergebnisse erhielt sie zuletzt im März 2020 auch eine Sonderzahlung von 22.000 Euro. Wie der Aufsichtsrat in seinem Beschlussprotokoll festhielt, sei die positive Entwicklung der Fabrik bei ihrem Amtsantritt nicht absehbar gewesen. Laut der Satzung der Stiftung, die dem Abendblatt ebenfalls vorliegt, werden die Mitglieder des Aufsichtsrates vom Vorstand der Stiftung bestimmt.

Die Anzeigeerstatter, die anonym bleiben wollen, hatten gegenüber dem Abendblatt auch den Führungsstil von Ulrike Lorenz scharf kritisiert. Sie reagiere teils aufbrausend. Zuletzt gab es auch Kritik aus der Kulturszene, dass der Fabrik eine klare künstlerische Linie fehle. Im Umfeld des Konzerthauses ist davon die Rede, dass es seit Langem Differenzen über die Ausrichtung des Kulturhauses gebe.

Dass Mitarbeiter eingeschüchtert seien, wird von den Anzeigeerstattern als Grund dafür genannt, dass sie die Vorwürfe erst jetzt meldeten. Es gehe ihnen nicht um persönliche Differenzen – sie hätten bei den Missständen schlicht nicht weiter wegsehen können.

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