Ermittlungen

Razzia in Hamburger Fabrik – hat die Chefin sich bereichert?

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Das Veranstaltungszentrum Fabrik in Ottensen besteht sei 1971.

Das Veranstaltungszentrum Fabrik in Ottensen besteht sei 1971.

Foto: Imago

Verdacht auf Veruntreuung von Stiftungsgeld und Spenden in dem Kulturzentrum. Auch Privatwohnung durchsucht.

Hamburg. Ein Abend im April, die Lichter sind an, und der Laden füllt sich: Hinter der Bühne machen sich Mother’s Finest bereit, ein Funkrock-Sextett aus Atlanta, am Einlass wird die Gästeliste abgearbeitet. Wer kostenfrei hineindarf, wird um Spenden gebeten. Und das Geld fließt. 150 Euro sind es allein an diesem Abend. „Für Kinder- und Jugendprojekte“. So verspricht es die Fabrik zumindest auf den roten Quittungen.

Vier Jahre später sitzt Ulrike Lorenz im Frühjahr 2021 auf der Bühne des Konzerthauses in Ottensen. „Die Fabrik ist ein wundervoller Ort“, sagt die Chefin einem Journalisten des Straßenmagazins „Hinz & Kunzt“. Lorenz spricht von „positiver Energie“, von „Solidarität“ und „Gemeinschaft“, die das Konzerthaus einzigartig machten. Über das harte Corona-Jahr. Über den 50. Geburtstag des Traditionshauses in Ottensen. Den großen Neustart, der hoffentlich kommt.

Auch die Privatwohnung von Ulrike Lorenz wurde durchsucht

Über Geld spricht sie nicht. Nicht über Mother’s Finest und die mehr als 100 anderen Konzerte, die Umschläge mit dem Geld. Nicht über Reisen, Mietwagen, Stadiontickets, Einkäufe beim Baumarkt und bei Ikea, Boni und Abrechnungen. Nicht über die Unterlagen, die Beamte der Kulturbehörde angefordert haben und prüfen. Beleg für Beleg, Euro für Euro. Auch nicht über die Frage, die sich ihre Mitarbeiter zuraunen. Hat Ulrike Lorenz ihre Position ausgenutzt? Hat sie sich selbst bereichert, über Jahre und unentdeckt?

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Am vergangenen Mittwochvormittag gegen 10 Uhr rückten Polizei und Staatsanwaltschaft zu einer Razzia an der Fabrik an. Gleichzeitig wurde die Privatwohnung von Ulrike Lorenz durchsucht und Dokumente sichergestellt. Nach Abendblatt-Informationen gab ein anonymes Schreiben im Herbst 2020 den Anstoß für die Ermittlungen. Einen Fragenkatalog des Hamburger Abendblatts zu der Razzia und dem Verfahren ließ Ulrike Lorenz seit dem vergangenen Mittwoch unbeantwortet.

Schwere Vorwürfe gegen die Geschäftsführerin

Die Anzeigeerstatter erheben schwere Vorwürfe gegen die Geschäftsführerin, die seit 2012 im Amt ist. Sie sagen, sie könnten nicht länger wegsehen. Ulrike Lorenz geriere sich als Alleinherrscherin. Und finanziere ihr eigenes Leben auf Kosten der gemeinnützigen Fa­brik-Stiftung, die pro Jahr 549.000 Euro Förderung von der Stadt erhält. Dem Abendblatt liegen umfangreiche Dokumente – darunter Belege, Gästelisten und Aufsichtsratsprotokolle – vor. Sie gehen teils deutlich über die Unterlagen hinaus, die die Grundlage für den Durchsuchungsbeschluss dienten.

Die Geschichte, die sich daraus ergibt, ist die einer ambitionierten Geschäftsführerin, die nun im Zwielicht steht. Und von einem der traditionsreichsten Konzerthäuser der Stadt, das ausgerechnet in seinem Jubiläumsjahr von der Affäre getroffen wird.

Lorenz hat zuvor als Bühnenmanagerin gearbeitet

Sie beginnt mit einer klaren Ansage, die Ulrike Lorenz macht. „Wenn man die Arbeit der Fabrik ernst nimmt, kann man sie nicht weiter kommerzialisieren“, sagt Lorenz im Jahr 2012, kurz nach ihrem Amtsantritt als Geschäftsführerin, der „taz“. Schon die ganz Großen haben hier gespielt. Miles Davis und U2, damals im Jahr 1981 noch für 14 D-Mark Eintritt. Später Udo Lindenberg und Nirvana. Aber die Fabrik definiert sich nicht nur als Konzertbühne. Sie ist auch Jugend- und Stadtteilzentrum. Und der Platz in Hamburg für Weltmusik und neue Ansätze, im Jazz wie im Rock.

Lorenz hat zuvor als Bühnenmanagerin in Bremen und Braunschweig gearbeitet. Und sich geschickt in Stellung gebracht für die Nachfolge von Horst Dietrich, den Gründer und vorigen Chef der Fabrik. Weil er Geld aus dem Konzertgeschäft und der Jugendarbeit vermischte, hatte ihn die Behörde zum Rückzug gedrängt.

Mitarbeitern fielen Merkwürdigkeiten auf

Ulrike Lorenz, eine Frau mit wuscheligem braunen Haar und wachem Blick, übernimmt mit Tatendrang. Und selbst die Insider, die ihr Straftaten vorwerfen, sagen rückblickend: „Wirtschaftlich war sie sehr erfolgreich und hat etwas vorangebracht.“ Zwar erhält die Fabrik großzügige Fördermittel, aber trägt sich über die Stiftung weitgehend selbst.

Es dauert Jahre, bis es laut den Vorwürfen der Anzeigenerstatter zu ersten Unregelmäßigkeiten kommt. Vor allem der Führungsstil von Lorenz sorgt bei Teilen der Mitarbeiter demnach für Unmut. Bis heute, heißt es, könne die Chefin erst aufbrausend scharf und dann zuckersüß sein. „Das hat etwas sehr Einschüchterndes. Da traut sich eine einfache Angestellte kaum, Nachfragen zu stellen.“ Das wird als Grund genannt, warum man die angeblichen Missstände nicht früher öffentlich gemacht hat.

2017 übernimmt Lorenz auch das Amt der Vorstandsvorsitzenden der Fa­brik-Stiftung. Und laut Satzung bestimmt sie damit auch über die Besetzung des Aufsichtsrates. Heute heißt es, die Konstellation sei ein „Relikt“ aus Zeiten von Horst Dietrich, alles sei auf ihn zugeschnitten gewesen. „Die Kontrolle aber war wohl ausbaufähig, gelinde gesagt“, heißt es heute aus der Hamburger Verwaltung.

Ausgaben, die Fragen aufwerfen

Ebenfalls ab 2017 bringt der Veranstaltungsleiter das Spendenaufkommen bei Konzerten nicht mehr in die abendliche Abrechnung ein, so die Anzeigeerstatter. Stattdessen sei der Umschlag am kommenden Tag direkt an Ulrike Lorenz übergeben worden. Die Belege über die Einzelspenden sollen der Staatsanwaltschaft ebenfalls vorliegen. Wo diese Beiträge verblieben sind, sei nicht bekannt. Auch die Staatsanwaltschaft sieht nun einen Anfangsverdacht, dass Lorenz sie eingesteckt haben könnte.

Von Ende 2018 an gibt es plötzlich am Einlass keine Bitte um Spenden mehr. Dafür häufen sich Ausgaben, die Fragen aufwerfen. Zuerst rund 50 Wein- und Champagnerflaschen für knapp 1000 Euro, unter anderem Moët Chandon Brut, die laut Insidern nie in der Fabrik ausgeschenkt worden seien. Dann zwei „Business Seats“ auf der Haupttribüne des FC St. Pauli für eine Saison, ebenfalls abgerechnet über die Gastronomietochter der Fabrik. Kostenpunkt: 6664 Euro. Für das Derby gegen den HSV in derselben Saison werden zwei zusätzliche Tickets gekauft, für rund 500 Euro.

Braunschweig-Fahrten sorgten für Verwunderung

Auch dass Ulrike Lorenz immer noch sehr häufig nach Braunschweig fährt, sorgt bereits damals für Verwunderung. Immer wieder werden in der Folge Kosten für Zugtickets, später auch für Mietwagen über die Stiftung und deren Tochterfirma abgerechnet. Ebenso Flüge nach München. Teilweise gab sie demnach gegenüber der Buchhaltung an, dort Tagungen besucht zu haben. Bei einigen Flügen sei überhaupt kein angeblicher Grund genannt worden. Das Abendblatt konnte die zuständigen Mitarbeiter in der Buchhaltung ausfindig machen, diese lehnten jedoch jede Auskunft ab.

Die Staatsanwaltschaft beschäftigt inzwischen auch die Frage, ob Lorenz die Kosten von Wohnungsumzügen unberechtigt über die gemeinnützige Stiftung abgerechnet hat. Unklar ist, ob in ihrem Arbeitsvertrag entsprechende Zusagen gemacht wurden. Auch weitere einzelne Ausgaben waren nach Informationen des Abendblatts nun Anlass für den Durchsuchungsbeschluss. Dazu gehören Bluetooth-Kopfhörer mit einer Speziallackierung im Wert von knapp 400 Euro, die Lorenz bestellte. Diese sind jedoch für den Gebrauch in der Tontechnik eines Konzerthauses überhaupt nicht geeignet. „Sie wurden auch nie in der Fabrik gesehen“, sagen die Anzeigeerstatter.

Unmut über die Chefin

Im Jahr 2019 mehrt sich auch innerhalb der Fabrik der Unmut über die Chefin, heißt es. Beinahe traditionell wird in Kulturhäusern auch über die inhaltliche Ausrichtung diskutiert und gestritten. „Und dass einem die Vorgesetzte nicht passt, ist ja normal“, heißt es aus dem Umfeld des Kulturzentrums. „Aber das war eben nicht mehr normal.“ Die Anzeigeerstatter betonen heute, dass es nicht um persönliche Animositäten gegen Ulrike Lorenz gegangen sei.

In den Belegen finden sich nun fast alle Arten von alltäglichen Ausgaben: für matte Wandfarbe von Schöner Wohnen, für Joghurt und Café vom Biomarkt, für Nasen-Gel aus der Apotheke, Müllbeutel und Handwerkerbedarf aus einem Baumarkt in Winterhude, für Vilborg-Gardinenschals von Ikea in Beige, die nie in der Fabrik gehangen haben sollen.

Ulrike Lorenz gilt beim Aufsichtsgremium als erfolgreiche Managerin

Am 6. April 2019 fährt Ulrike Lorenz gegen 16 Uhr mit ihrem Auto an der Max-Brauer-Allee gegen zwei geparkte Fahrzeuge. Laut Staatsanwaltschaft ist sie dabei angetrunken und begeht zunächst Unfallflucht. Sie erhält einen Strafbefehl über 50 Tagessätze, muss ihren Führerschein abgeben. Eine Selbstbeteiligung in Höhe von 500 Euro an ihre private Rechtsschutzversicherung wird offenbar ebenfalls über die Fabrik-Stiftung bezahlt.

Aus den umfangreichen Dokumenten zu den Vorwürfen geht nicht hervor, dass der Aufsichtsrat oder andere Mitglieder des Vorstands sich mit den fraglichen Ausgaben befasst hätten. Im Gegenteil gilt Ulrike Lorenz beim Aufsichtsgremium als höchst erfolgreiche Managerin: Sie habe ein „herausragendes Arbeitsergebnis“ vorzuweisen, wiederholt Überschüsse erwirtschaftet und das Stiftungskapital wieder aufgefüllt, heißt es im Protokoll des Aufsichtsrates vom 13. November 2019.

Bonuszahlung in Höhe von 22.000 Euro

Einstimmig beschließt der Aufsichtsrat deshalb bei seiner Sitzung in der Cafeteria der Fabrik, dass sie eine Bonuszahlung in Höhe von 22.000 Euro erhält. Der Aufsichtsratsvorsitzende, der pensionierte Amtsrichter Heiko Raabe, betont dabei laut Protokoll, „diese positive Entwicklung habe niemand erwarten können.“ Das Geld wird im März 2020, also zu Beginn der Corona-Krise, ausgezahlt.

Auch aus dem Senatsumfeld heißt es, fachlich habe es bislang keinen Grund für Kritik an Ulrike Lorenz gegeben. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell stehe die Fabrik gut da. Nach dem anonymen Schreiben, das im Herbst 2020 auch an die Kulturbehörde ging, läuft dort bereits seit Dezember eine „sehr umfassende“ Prüfung der Geschäftsjahre 2013 bis 2019, wie der Behördensprecher Enno Isermann auf Anfrage bestätigte. Diese sei noch nicht abgeschlossen. „Auf Grundlage der Prüfung werden wir mit der Geschäftsführerin und dem für die Aufsicht zuständigen Aufsichtsrat Gespräche führen und über weitere Schritte entscheiden.“

Kulturbehörde führt sehr umfangreiche Prüfung durch

Sollten sich die Vorwürfe erhärten, hat die Kulturbehörde nur begrenzte Möglichkeiten, Konsequenzen zu ziehen. Naheliegend wäre in diesem Fall aber, mit einem Entzug der staatlichen Zuwendung zu drohen. Auch könnten bereits geflossene Gelder von der Fabrik zurückverlangt werden. Die Brisanz der Vorwürfe ist auch Kultursenator Carsten Brosda (SPD) bewusst. Eine so umfangreiche Prüfung einer Kulturinstitution habe es in Hamburg seit sehr langer Zeit nicht mehr gegeben, heißt es aus seinem Haus.

Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft bestätigte, dass ihre Ermittlungen zunächst wegen des Vorwurfs der Untreue laufen. „Die Ergebnisse der Durchsuchungen werden zunächst ausgewertet.“ Bislang fußen die Ermittlungen maßgeblich auf dem anonymen Schreiben und umfassen vier konkrete Bereiche. Ulrike Lorenz war zwar laut Zeugen sichtlich überrascht, als sie am vergangenen Mittwoch in die Fabrik kam und den Beamten die Tür zu ihrem Büro aufschloss. Sie habe jedoch auch freundlich und kooperativ gewirkt. Lorenz halte ehemalige und enttäuschte Mitarbeiter, so heiß es aus ihrem Umfeld, für verantwortlich für die Strafanzeige gegen sie.

Die Aufregung unter den Mitarbeitern der Fabrik ist groß

Die Aufregung unter den Mitarbeitern der Fabrik ist auch fast eine Woche nach der Razzia noch groß. Dem Abendblatt liegen auch Kaufbelege der Fabrik aus der jüngeren Vergangenheit vor, die weitere Fragen aufwerfen: etwa ein Kassenbon aus dem Hagebaumarkt in Winterhude über 52,01 Euro aus dem April 2020. Darauf ist handschriftlich „Werkstatt“ vermerkt. Der dafür zuständige Mitarbeiter kauft laut den Anzeigeerstattern aber stets über einen Großhandel ein. Gekauft wurden hier unter anderem eine Rohrisolierung, Allzwecktücher und ein Einweggrill.

Ulrike Lorenz ist offenbar von ihrer eigenen Arbeit überzeugt. Nach Hamburger-Abendblatt-Informationen hat die Kulturbehörde zuletzt erste Signale erhalten, dass die Fabrik zeitnah eine sogenannte Stellenbeschreibung für den eigenen Vorstand erstellen will. So ist es die Regel, wenn man um Zustimmung der Behörde bitten will – für eine Gehaltserhöhung.

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