Prozess

Krebsmittel unerlaubt hergestellt: 72-Jähriger verurteilt

| Lesedauer: 4 Minuten
Bettina Mittelacher
Der angeklagte Molekularbiologe Reiner S. verdeckt sein Gesicht zu Prozessbeginn mit einem Ordner.

Der angeklagte Molekularbiologe Reiner S. verdeckt sein Gesicht zu Prozessbeginn mit einem Ordner.

Foto: Christian Charisius / dpa

Hamburger Molekularbiologe vertrieb das nicht zugelassenen Mittel GcMAF illegal und verdiente damit Millionen.

Hamburg. Sein ganzes berufliches Leben widmete er der Krebsforschung. Und eines Tages sah er sich seinem Ziel nahe: dem großen Durchbruch im medizinischen Kampf gegen die Geißel Krebs. Er habe „auf den Nobelpreis gehofft“, hat der Molekularbiologe Reiner S. gesagt. Doch für die ultimative Auszeichnung hat es nicht gereicht, ebensowenig für andere höchste Ehren. Statt dessen ist der Wissenschaftler tief gefallen.

Das Landgericht ist davon überzeugt, dass Reiner S. sich strafbar gemacht hat, indem er angebliche Krebsmittel hergestellt und sie illegal vertrieben habe. Dabei verfügte er weder über eine Zulassung als Arzt oder Apotheker noch über eine behördliche Genehmigung zur Herstellung des Medikamentes. Am Freitag verurteilte die Kammer den Wissenschaftler zu 15 Monaten Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurden.

Außerdem sollen rund 1,65 Millionen Euro eingezogen werden, die der Hamburger zu Unrecht als Gewinn erzielt habe, entschied das Gericht. Mit dem Urteil folgte die Kammer im Wesentlichen der Forderung der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte Freispruch für den Angeklagten beantragt.

72-Jähriger stellt in Hamburg unerlaubt Krebsmittel her

Viele Krebspatienten, bei denen die herkömmlichen Therapien nicht anschlugen, hatten seinerzeit das vermeintlich wirksame Medikament GcMAF als letzten Strohhalm gesehen und auf eine Behandlung damit gesetzt. GcMAF ist ein körpereigenes Protein, das die Immunabwehr gezielt gegen Krebszellen „scharfstellen“ soll.

Reiner S. sei aufgrund seiner eigenen Forschungen bekannt gewesen, "dass die Arznei sehr umstritten war und dass es auch Stimmen gab, die es für wirkungslos hielten,“ sagte der Vorsitzende Richter an die Adresse des Angeklagten. Es sei zwar seinerzeit ein „regelrechter Hype um das angebliche Wundermittel“ entstanden, führte der Richter aus. Dass GcMAF tatsächlich in der erhofften Weise wirke, sei allerdings bislang nicht erwiesen. Der angeklagte Molekularbiologe habe in seinem Labor einen wohl gesundheitlich unbedenklichen, aber letztlich über ein Placebo nicht hinausgehenden Stoff hergestellt und „insgeheim gehofft“, dass er doch eine Wirkung habe, beispielsweise für die Stärkung der Immunabwehr.

Lesen Sie auch

Die Staatsanwaltschaft hatte dem Molekularbiologen Reiner S. vorgeworfen, als Geschäftsführer einer Firma ohne Zulassung als Arzt oder Apotheker und ohne sonstige behördliche Genehmigung das Mittel GcMAF hergestellt, abgefüllt und auf Bestellung an Ärzte und Heilpraktiker im In- und Ausland ausgeliefert haben. Die Besteller hätten Formulare ausgefüllt, in denen sie wahrheitswidrig erklärten, sie hätten das Arzneimittel selbst hergestellt, heißt es in der Anklage. Auf diese Weise sollte die notwendige Zulassung des Medikaments umgangen werden. Zwar dürfen Ärzte und Heilpraktiker GcMAF laut Arzneimittelgesetz an ihre Patienten abgeben. Voraussetzung dafür ist aber, dass sie das Mittel selbst herstellen – und zwar individuell für jeden Patienten.

Millionengeschäft? Hamburger vertreibt Präparat illegal

Der Verteidiger von Reiner S. hatte im Prozess argumentiert, dass der Vorwurf, sein Mandant habe ein unerlaubtes Krebsmittel hergestellt und vertrieben, haltlos sei. Bei dem Mittel GcMAF, zu dem der 72-Jährige vor allem geforscht habe, handele es sich nicht um ein Krebsmittel, noch nicht einmal ein Arzneimittel. „Tatsächlich sind in den Firmenräumen des Angeklagten Nahrungsergänzungsmittel hergestellt worden“, so der Verteidiger.

Allerdings habe Reiner S. anderen Ärzten sein Labor zur eigenverantwortlichen Herstellung zur Verfügung gestellt. Somit sei der Angeklagte kein Hersteller der Medikamente gewesen, sondern lediglich ein Dienstleister.

Doch diese Strategie nahm das Gericht dem Angeklagten nicht ab. Ihm sei es darum gegangen, die „arzneirechtlichen Vorschriften zu umgehen“, sagte der Richter. Die Interessenten hätten zwar einen „Eigenherstellungsauftrag“ unterschrieben, aber GcMAF nicht in dem Labor selber hergestellt. Dies hätten Mitarbeiter einer Firma erledigt, die unter der Verantwortung von Reiner S. gestanden habe. Der Herstellungsvorgang habe zwei bis drei Tage gedauert, dann sei die Lösung in Injektionsflaschen verfüllt worden. Es sei das Bestreben der Firma gewesen, „ständig lieferbereit“ zu sein, deshalb seien bestimmte Chargen auch auf Vorrat hergestellt worden. Das Urteil gegen Reiner S. ist noch nicht rechtskräftig

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg