Hamburg

Chaos bei Bio-Abi: Behörde bietet nun zwei Möglichkeiten an

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Peter Ulrich Meyer
Beim Abitur im Fach Biologie wurde in Hamburg falsches Arbeitsmaterial ausgeteilt (Archivbild).

Beim Abitur im Fach Biologie wurde in Hamburg falsches Arbeitsmaterial ausgeteilt (Archivbild).

Foto: Roland Magunia / FUNKE Foto Services

Abiturienten wurden in der Prüfung mehrfach fehlerhafte Aufgaben ausgeteilt. Schüler reagieren erbost – und mit einer Petition.

Hamburg. Riesenpanne bei der Hamburger Abiturklausur in Biologie: In drei Fällen mussten Fehler in den Aufgabenstellungen während der laufenden Prüfung korrigiert werden, war zu erheblichen Verzögerungen führte. Die Schulbehörde gewährte eine Verlängerung der Bearbeitungszeit um 30 Minuten und bot den Abiturienten alternativ an, die Prüfung abzubrechen und zu einem späteren Termin nachzuholen. Betroffen von den erheblichen Pannen in dem beliebten Fach waren 2990 Schülerinnen und Schüler – fast jeder dritte der 9900 Abiturienten.

„Wir bedauern sehr, dass es zu gravierenden Fehlern gekommen ist und bitten um Entschuldigung“, sagte Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde. Für die Abi-Klausur in Biologie auf grundlegendem Niveau haben die Schüler wegen der pandemiebedingten Einschränkungen in der Vorbereitung in diesem Jahr viereinhalb statt vier Stunden Zeit. Die zentral vorgegebenen Aufgaben entstammen aus den drei Bereichen Genetik, Evolution und Ökologie, aus denen die Abiturienten zwei Bereiche auswählen.

BSB: Grafik-Fehler durch Umwandlung in pdf

Das Abendblatt haben mehrere E-Mails von Schülern und Eltern erreicht, die über die Fehler übereinstimmend berichteten. Danach war es so, dass die Aufgabenstellung im Genetik-Teil der Abi-Klausur nicht zu dem Material passte, das in Form von Grafiken den Textaufgaben beigegeben war. Den Aufgaben im Bereich Evolution waren Bilder von Knochen dreier Vögel beigefügt, die verglichen werden sollten, wobei sich die Darstellungen aber nicht hinreichend unterschieden. Im Bereich Ökologie fehlten schließlich Gewichtsangaben für unterschiedliche Biberarten, die miteinander verglichen werden sollten.

„Die Grafiken waren für die Aufgabenlösung nicht zwingend erforderlich, sondern dienten als Illustration der Textaufgaben. Der Fehler entstand bei der Umwandlung der im Textverarbeitungsprogramm ,MS Word’ angelegten Originalaufgaben in das sogenannte ,pdf’-Format“, sagte Albrecht. Je nach Aufgabenauswahl der Schülerinnen und Schüler seien 10 bis 26 Prozent der einzelnen Abiturklausur betroffen.

Bio-Abi: Auf die eine Panne folgt die nächste

An manchen Schulen machten die Lehrer die Abiturienten sehr schnell auf die Fehler aufmerksam. In mindestens einem Fall wurden die Schüler während der Klausur gar nicht informiert. Es dauerte dann mehr als zwei Stunden, bis die nunmehr von der Schulbehörde korrigierten Aufgabenstellungen und Materialien den Schulen geschickt und an die Schüler verteilt worden waren.

Als ob nicht schon genug danebengegangen war: Die Erläuterung der Korrekturen war nach Angaben der Schüler wiederum fehlerhaft, so dass die Behörde eine Viertelstunde später eine zweite Korrekturversion verschicken musste. Zum Ausgleich für die Zeitverluste aufgrund der Pannen sei den Abiturienten lediglich eine Verlängerung der Klausurdauer um 30 Minuten zugestanden worden. Alternativ konnten die Schüler die Prüfung abbrechen und zu einem späteren Termin nachholen – dann natürlich mit anderen Aufgaben.

Abiturient beklagt "grob fahrlässige" Behörde

„Ein solches Versagen der Behörde in einer für die Schüler ohnehin schon schwierigen Zeit ist in meinen Augen grob fahrlässig und nicht zu entschuldigen“, schreibt einer der Schüler, der anonym bleiben möchte. „Wir sind als Schülerinnen und Schüler über ein solches Unding schockiert. Es ist nicht nachzuvollziehen, warum die Aufgaben nicht testweise gelöst wurden, bevor man sie uns vorlegt“, schreibt ein anderer.

„Niemand hat sich bei uns für die Option des Nachschreibetermins entschieden, woran man sehen kann, wie absurd dieser Vorschlag ist. Dieser Termin wäre knapp drei Wochen später gewesen. Drei Wochen hätten wir unser Wissen warmhalten müssen, drei Wochen hätten wir jeden Tag intensiv lernen müssen, um genauso gut vorbereitet zu sein wie für die erste Prüfung“, schreibt eine Abiturientin. „Ein massiver Fehler der Behörde, den wir zu 100 Prozent ausbaden müssen. Und nach all dem, was wir durch die verlorenen Schulmonate sowieso schon ausbaden müssen, ist das wirklich die Krönung. Ich bin frustriert, fassungslos und verzweifelt“, schreibt die Schülerin.

In einer Online-Petition fordern Abiturienten jetzt eine Notenanpassung zum Ausgleich der durch die Pannen erlittenen Nachteile. Knapp 500 Abiturienten unterstützen die Petition bereits.

Abiturienten haben nun zwei Möglichkeiten

„Die Schulbehörde hat entschieden, dass der Bewertungsmaßstab aller Klausuren vor Ort angepasst werden soll. Alternativ haben alle Schülerinnen und Schüler weiterhin die Möglichkeit, in drei Wochen eine neue Klausur zu schreiben“, sagte Behördensprecher Albrecht. Die Schüler können sich bis Freitag zwischen beiden Möglichkeiten entscheiden.

Die Anpassung des bislang zentral vorgegebenen Bewertungsmaßstabes soll durch die Fachlehrkräfte der einzelnen Schulen regional unterschiedlich vorgenommen werden. Dabei sollen die Lehrkräfte die besonderen Prüfungssituationen vor Ort einbeziehen. Laut Albrecht meldeten einzelne Schulen erhebliche Irritationen ihrer Schülerinnen und Schüler, andere dagegen einen trotz der schwierigen Umstände gefassten und ruhigen Prüfungsverlauf.

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