Hamburg

Andreas Scheuer: "Wir machen Deutschland zum Fahrradland"

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Verkehrsminister Andreas Scheuer präsentierte in Hamburg Einzelheiten zum nationalen Radverkehrsplan (Archivbild).

Verkehrsminister Andreas Scheuer präsentierte in Hamburg Einzelheiten zum nationalen Radverkehrsplan (Archivbild).

Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

Der Verkehrsminister war zu Gast beim Nationalen Radverkehrskongress in Hamburg. Diese Projekte der Hansestadt lobt Scheuer.

Hamburg. Großer Bahnhof für zwei Räder: Beim Siebten Nationalen Radverkehrskongress treffen sich am Dienstag und Mittwoch in den Hammerbrooklyn Studios die Größen der Mobilitätswende – erstmals pandemiebedingt als digitales Format. Schon an der Einführungsveranstaltungen nahmen mehr als 1600 Personen teil – mit 2700 Anmeldungen statt 800 wie beim letzten Kongress 2019 in Dresden hat sich die Teilnehmerzahl mehr als verdreifacht.

Ein Grund für das besondere Interesse: Andreas Scheuer (CSU), Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, präsentierte Einzelheiten zum nationalen Radverkehrsplan. Dabei formulierte der CSU-Politiker ehrgeizige Ziele: „Unser Plan ist eine kleine Revolution: Wir machen Deutschland zum Fahrradland.“

Andreas Scheuer beim Radverkehrskongress in Hamburg

Derzeit, so Scheuer, würden nur elf Prozent der Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt, es bestehe also Luft nach oben. Bis 2030 soll das Fahrrad deutlich wichtiger werden: So strebt die Bundesregierung an, die Zahl der Wege von 120 auf 180 pro Person und Jahr zu steigern.

Schon jetzt zeigten Umfragen, dass 40 Prozent der Bürger in Zukunft mehr Rad fahren wollen. Das sei nicht nur gesund und entlaste die Straße, sondern sei auch aktiver Klimaschutz. „Wir wollen 40 Mio. Tonnen CO2 einsparen, wir wollen die Zahl der Verkehrstoten um 40 Prozent senken“, sagte Scheuer.

Radverkehrsplan: Mehr Radschnellwege und mehr Schutzstreifen

Der Radverkehrsplan sieht mehr Radschnellwege, mehr Schutzstreifen auf den Straßen vor, Verkehrsknoten sollen entschärft, eigene Brücken und Parkhäuser finanziert werden. Mehr Pendler sollen auf das Velo umsteigen, mehr Radtourismus möglich werden.

„In Zukunft muss begründet werden, warum kein Radweg gebaut wird“, beschriebt Scheuer den Paradigmenwechsel beim Straßenbau. Früher sei es umgekehrt gewesen. Die Investitionen werden bis 2023 auf 1,46 Milliarden Euro verdoppelt, „so viel Geld wie nie zuvor“. Bei einer Umfrage im Fachpublikum am Dienstagmorgen hielten fast zwei Drittel der Befragten mehr Investitionen in die Infrastruktur für entscheidend.

60 Prozent der Wege kürzer als fünf Kilometer

Ausdrücklich lobte Scheuer das Elektrorad: „Es bietet neue Chancen, unabhängig von Alter und Topographie auf das Rad zu steigen.“ 60 Prozent der Wege seien kürzer als fünf Kilometer, ein Drittel sogar kürzer als zwei. „Fahrradfahren soll Alltag werden, kein Abenteuer sein“, sagte Scheuer.

Ausdrücklich setzte er sich für Kompromisse im Kampf um den begrenzten Straßenraum ein: „Wir wollen kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander zwischen Auto- und Fahrradfahrern.“ Als wichtiger Teil des Radverkehrsplans nannte er die erfolgreiche Bürgerbeteiligung mit 2000 Vorschlägen und die Schaffung von sieben Stiftungsprofessuren. „Wir bilden jetzt die Planer der Zukunft aus, die das Fahrrad mitdenken – anders als in den 60 und 70er Jahren“.

Verkehrsminister lobt Fahrradstraße Harvestehuder Weg

Gleich mehrfach erwies sich Scheuer als freundlicher Gast. lobte die Anstrengungen und Projekte wie die Fahrradstraße Harvestehuder Weg. „Eine Stadt taucht immer wieder auf: Hamburg“, sagte Scheuer. Der Bund fördere die Umgestaltung des Ballindamms mit 5,7 Millionen Euro. „Ich freue mich auf einen Wettbewerb um die fahrradfreundlichste Stadt.“ Scheuer sprach so begeistert von Leuchtturmprojekten, dass die Hamburger Politik ihm vermutlich noch auf dem Kongress eines hätte abschwatzen können.

Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) warb für eine Mobilitätswende, die Klimaschutz und Wirtschaftsverkehr zusammenbringt. „Wir haben Jahrzehnte aufs Auto gesetzt, aber brauchen den Stadtraum für viele“, sagte er. Systematische Radverkehrspolitik betreibe Hamburg seit 2011. „Seit 2010 haben wir eine Verdopplung des Radfahrens und wollen den Anteil weiter deutlich erhöhen“.

Tschentscher: Radverkehrsinfrastruktur mitdenken

Allerdings schränkte er auch ein: „In Hamburg ist es schwieriger als in Kopenhagen, weil unsere Stadt deutlich größer ist.“ Wichtige Punkte seien die Vernetzung des Radverkehrs mit dem Öffentlichen Nahverkehr. „In neuen Quartieren müssen wir die Radverkehrsinfrastruktur mitdenken.“

Das habe früher nicht immer so gut geklappt: „Es ist nicht immer das Geld das Problem, sondern auch das Denken. Früher wurde der Radverkehr nicht mitgedacht, Fahrräder waren für die, die sich keine Auto leisten können oder sich gern bewegen.“ Sein CO2-Ziel deckt sich anteilsmäßig mit dem der Bundesregierung: In Hamburg soll eine Million Tonnen CO2 eingespart werden. Zugleich betonte Tschentscher: „Auch das Auto hat seinen Stellenwert – ich bin froh, dass Andreas Scheuer auch Autominister ist.“

„Mobilität ist kein Problem, sondern die Lösung“

Noch am Vormittag wagte der Kongress den Blick über den Tellerrand: Elke Van den Brandt, grüne Mobilitätsministerin der Region Brüssel, warb in einer Keynote mit dem Slogan: „Mobilität ist kein Problem, sondern die Lösung.“

So kanalisiert Brüssel die Verkehrsströme neu, Autos sollen auf die Hauptverkehrsstraßen, die Nebenstraßen sind für Radfahrer und Fußgänger. Die Corona-Krise hat die Stadt genutzt, Tempo 20 im Stadtzentrum einzuführen und viele Straßen zur Rad- und Fußgängerzone zu erklären.

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Die Erfahrungen seien positiv: „Die Bürger fordern ihre Straßen zurück.“ Die überwiegende Mehrheit will eine attraktive Stadt. „Wenn Sie den Menschen Platz geben, werden sie ihn nutzen. Wenn Sie Fahrradwege bauen, werden die Menschen darauf fahren.“

Netz von grünen Straßen für Fußgänger und Radfahrer

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Barcelona. Die Planerin Silvia Casorrán erläuterte das Konzept Superblock, dass ein Netz von grünen Straßen für Fußgänger und Radler vorsieht. Auch in der katalonischen Hauptstadt wurden während der Pandemie weitere Radwege angelegt, das Verleihsystem ist mit 7000 Rädern an 517 Stationen mehr als doppelt so groß wie das hamburgische.

Die Idee des Superblocks nahm Verkehrssenator Anjes Tjarks (Grüne) gleich auf und verwies auf das Modellprojekt „Ottensen macht Platz.“ Tjarks weiter: „Viele Städte machen sich auf den Weg, wir auch.“ Ausdrücklich warb er für politische Führung: „Wir brauchen den Dialog, aber auch mutige Entscheidungen. Aus Kopenhagen oder Amsterdam kommt doch kein Mensch zurück, der das doof findet.“

Wird Deutschland bis 2030 zu Fahrradland?

Gero Storjohann, CDU-Bundestagsabgeordneter für Segeberg und Stormarn und Mitglied des Parlamentskreises Fahrrad, warb für Lückenschlüsse im ländlichen Bereich zwischen Landstraßen, kreis- und Bundesstraßen. „Es hilft, dass wir dieses Thema nun vom Bund aus antreiben. Ich hoffe, dass wir bis 2030 zu einem Fahrradland wie Dänemark oder Holland werden.“ Sein Parlamentskollege Mathias Stein von der SPD sagte: „Wir müssen Vorbild sein und häufiger aus der Limousine aufs Fahrrad umsteigen.“

Der Kongress geht bis Mittwoch und wird sich mit allen Fragen rund um das Fahrrad befassen. Darunter auch um echte Feinschmecker-Themen: „Von 0 auf 80 km – Grundlagen des Radnetzes in Almetyevsk, Russland“ oder „Sicher mit dem Rad zur Schule in Zhytomyr/Ukraine“.

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