Bewegende Geschichten

Biografiewerkstatt stellt Leben älterer Hamburger vor

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Zwei Senioren sitzen auf einer Parkpark. (Symbolbild)

Zwei Senioren sitzen auf einer Parkpark. (Symbolbild)

Foto: imago / Eckhard Stengel

Ein Team von Mitgliedern der Paulus-Kirchengemeinde befragt seit 2012 Senioren nach ihren Lebenserfahrungen.

Hamburg.  Es sind die kleinen Ideen, die oft große Wellen schlagen. Pastorin Friederike Waack kam 2008 an die Paulus-Kirchengemeinde in Altona und brachte von ihrer vorherigen Station in Farmsen eine Biografiewerkstatt mit: Ein Team von engagierten Gemeindemitgliedern befragt seit 2012 Senioren im Alter zwischen 80 und 90 Jahren nach Kindheitserinnerungen und Lebenserfahrungen. Nun ist der vierte Band „Lebenszeit vor dem Vergessen bewahren“ mit elf Biografien im Eigenverlag mit Unterstützung des Bezirks Altona erschienen.

Helga Thomsen und Uschi Ziegeler sind seit dem zweiten beziehungsweise dritten Band ein engagierter Teil der Biografiewerkstatt – beide Autoren sind in einem Alter, „in dem wir schon geimpft sind“. Sie lassen sich von den Herausforderungen der Pandemie nicht beirren: Früher traf sich der Kreis von sieben Frauen alle vier Wochen im Pastorat, klönte und aß gemeinsam – nun schaltet man sich per Videokonferenz zusammen.

Lesungen mussten wegen Corona ausfallen

Schlimmer hat sich Corona auf den Abverkauf der Bücher ausgewirkt: Das Buch erschien kurz vor Weihnachten im Lockdown, die Büchertische und alle Lesungen mussten ausfallen.

Dabei hätte die „Lebenszeit“ Aufmerksamkeit verdient. Die Bücher dokumentieren Kindheiten im Krieg, die Angst in den Bombennächten, die Freiheit in den Trümmern, erzählen von Wirtschaftswunder und Älterwerden und nebenher Hamburger Geschichte, sprachlich knapp, direkt und ungeschminkt.

Geschichten, die auch die Autoren bewegen

Es ist keine kitschige Heile-Welt-Lektüre, es geht um Schicksale. Mutig berichten manche Senioren von Enttäuschungen, vom Scheitern. „Ich habe mich gewundert, wie offen die Menschen sprechen, auch über Themen wie Sucht“, sagt Uschi Ziegeler. Sie traf einen Hamburger, der ihr erstmals das Trauma seines Lebens offenbarte – wie er als 17-Jähriger Feuerwehrmann im Krieg die Toten aus den Luftschutzkellern holen musste.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Es sind Geschichten, die auch die Autoren bewegen: „Da sind viele Gänsehaut-Momente dabei“, erzählt Thomsen über eine Seniorin, die aus Königsberg fliehen musste. Mit dem Notdürftigsten bepackt, gelang es ihrer Familie, Fahrkarten für die „Wilhelm Gustloff“ zu bekommen, erreichte den Hafen aber zu spät und stand weinend am Kai, als das Schiff ablegte.

Manche Senioren bewerben sich

Diese Verspätung rettete ihr Leben: Ein russisches U-Boot versenkte den vermeintlichen Truppentransporter. „Die Geschichten der Flucht haben mich tief berührt“, sagt Thomsen. „Vieles war mir neu, ich habe mich danach intensiver mit dem Thema befasst.“ Die gemeinsam geteilten Erinnerungen verbinden, bis heute steht sie mit vielen Senioren in Kontakt.

Für die ersten drei Bücher, erschienen zwischen 2012 und 2017, hatte Pastorin Waack die Porträtierten ausgesucht, nun übernimmt der Kreis die Auswahl gemeinsam. Manche Senioren bewerben sich, andere werden empfohlen, mitunter akquiriert die Biografiewerkstatt auch aktiv in Seniorenheimen. „Die Menschen sind begeistert, dass man sich für sie interessiert“, sagt Thomsen. „Sie haben eine Botschaft! Das ist auch ein seelsorgerischer Ansatz, die Lebensleistung zu würdigen.“

Aufwendige Recherche

Die Recherche ist durchaus aufwendig. „Wir haben die Menschen mehrfach besucht, und mit dem Aufnahmegerät zwei, drei Treffen dokumentiert“, sagt Ziegeler. Danach sei es Aufgabe, die Erinnerungen chronologisch zu ordnen. Am Ende werden die Lebenserinnerungen autorisiert – „da hat es auch schon Leute gegeben, die ihre Einwilligung zurückgezogen haben.“

Doch fast immer sind die Menschen stolz, ihre Erinnerungen in Buchform gesichert zu sehen. „Je älter sie werden, umso lebhafter werden die Erinnerungen“, sagt Ziegeler. Im jüngsten Band hat die Biografiewerkstatt einen besonderen Kniff angewandt - sie stellt hinter die Fluchtgeschichte aus Ostpreußen die Fluchtgeschichte eines jungen Mannes aus dem Iran nach Hamburg.

„Geschichtsarbeit und Sozialarbeit in einem“

„Ob die Flucht über die Ostsee oder das Mittelmeer, die Lebensgefahr und die Angst unter Fremden – die Probleme sind nicht verschwunden, die Erlebnisse ähneln sich erschreckend“, sagt Ziegeler. Am Ende einer Biografie heißt es: „Es gibt so wenige Helden, aber so viele Menschen, die um ihr Leben rennen.“

„Was wir machen, ist Geschichtsarbeit und Sozialarbeit in einem“, meint Thomsen. Und es ist eine Arbeit, die ihnen viel Freude bereitet. Im Sommer, wenn es die Pandemie zulässt, soll endlich der vierte Band gefeiert werden.

Zur Präsentation sollen die Porträtierten und ihre Familien eingeladen werden. Der Höhepunkt ist dann immer das Überreichen der Bücher in der Pauluskirche. Damit soll auch der Verkauf des vierten Bandes, der in einer 500er-Auflage erschienen ist, angekurbelt werden. Erst dann kann sich die Biografiewerkstatt an eine fünfte Ausgabe machen.

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