Chronik

Als der Winterkönig nach Hamburg kommt, wird es gefährlich

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Josef Nyary
Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) stürzte Europa ins Unglück und forderte zahlreiche Opfer.

Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) stürzte Europa ins Unglück und forderte zahlreiche Opfer.

Foto: picture alliance / dpa

Vor 400 Jahren geriet Hamburg durch einen hohen Besuch in Gefahr. Wer dem Winterkönig hilft, muss den Zorn des Kaisers fürchten.

Hamburg. Der Besuch ist kritisch, der Gast unwillkommen, der Aufenthalt teuer. Vor 400 Jahren zieht mit großem Gefolge ein Mann in die Hansestadt ein, der Mitschuld an einer deutschen Katastrophe trägt: dem Dreißigjährigen Krieg.

„Am 14. Februar kam der vertriebene Böhmenkönig, spottweise der Winterkönig genannt, von Harburg über das Eis nach Hamburg“, schildert Johann Gustav Gallois in seiner „Hamburgischen Chronik“, „nebst seiner Gemahlin, den Grafen Adolf und Johann Albrecht von Solms, seinen Prinzen, einem Herzog von Sonderburg nebst Böhmischen und Pfälzischen Großen und nahm sein Logis in dem Englischen Hause in der Gröningerstraße.“

Reichsacht über Winterkönig verhängt

Der rechtliche Status das Besuchers ist unklar, seine Lage bedrohlich, seine Anreise eigentlich eine Flucht: Erst ein paar Tage zuvor hat Kaiser Ferdinand II. über den Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz, den verhöhnten „Winterkönig“, die Reichsacht verhängt – wegen Landfriedensbruchs, Bruchs von Reichsgesetzen, Unterstützung rebellischer Untertanen und Majestätsverbrechen.

Wer dem Flüchtling jetzt noch hilft, muss den Zorn des Kaisers fürchten. Und das kann teuer werden, sogar Krieg bedeuten. Die Hamburger sind allerdings nicht so leicht einzuschüchtern. In kluger Voraussicht hat der Rat fünf Jahre zuvor den berühmten holländischen Ingenieur Johann von Valckenberg beauftragt, die Stadt in eine Festung zu verwandeln. Von der Alster bis zur Elbe stehen schon neun Bastionen. Der neun Meter hohe Ringwall steigt steil aus siebzig Meter breiten Wassergräben auf, aus dem Kupfer alter Braupfannen wurden Geschütze gegossen, und 10.000 bewaffnete Bürger nehmen es mit jedem Feind auf.

Hamburger reagierten Hilfsbereit

Der Flüchtling ist indes kein solcher, sondern gilt als Freund. Schon im Sommer zuvor hat das protestantische Hamburg dem Glaubensbruder Geld zur Anwerbung von Landsknechten vorgeschossen. Das half dem Kurfürsten, sich in Böhmen zum König krönen zu lassen. Doch sein Glück hielt nur wenige Monate. In der Schlacht am Weißen Berg bei Prag siegte die Katholische Liga, die Protestanten wurden gnadenlos niedergemacht, und Friedrich rettete sich mit Mühe in den Norden.

Die Hilfsbereitschaft der Hamburger hat auch einen wirtschaftlichen Hintergrund: Der Englandhandel steht in voller Blüte, und der Winterkönig ist mit einer englischen Prinzessin verheiratet: Elisabeth Stuart, einzige Tochter des englischen, schottischen und irischen Königs Jakob I. Sie hat auch schon einen Thronfolger geboren, der jetzt als Kurprinz mit Eltern und Geschwistern durch die Lande zieht. Insgesamt wird Elisabeth ihrem Mann dreizehn Kinder schenken, von denen aber nur fünf ihre Mutter überleben.

Kaiser soll nicht herausgefordert werden

Das Englische Haus liegt etwa dort, wo später die Ost-West-Straße die Neustadt spaltete. „Der König blieb einige Tage hier“, meldet Gallois. Auch die Begleitung passt. Die Grafen von Solms sind treue Protestanten. Herzog Johann von Schleswig-Holstein-Sonderburg unterhält auf Schloss Glücksburg an der Flensburger Förde enge Verbindungen zu Christian IV. in Kopenhagen. Und der Dänenkönig ist ein besonders tatkräftiger Unterstützer der protestantischen Sache. Allerdings streckt Christian auch immer wieder die gierigen Finger nach dem reichen Hamburg aus.

Der Rat behandelt den Winterkönig wie ein rohes Ei. Wieder fließt Geld, jetzt im Geheimen, denn die Reichsacht ist ein scharfes Schwert, und der Kaiser, wenn auch im fernen Wien, soll nicht herausgefordert werden. Außer barer Münze hilft der Diplomatie stets auch eine gediegene Geselligkeit, und dabei legt sich ein Hamburger ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit beim Winterkönig ins Zeug: „Am 19. Februar 1621“, berichtet Gallois, „war fast der ganze Rat bei ihm zu Gast; es wurde bei dieser Gelegenheit sehr stark getrunken; unter andern übernahm sich dabei Vincent Moller dermaßen, dass er am 30. März an den Folgen starb.“

Moller sicherte Hamburgs Unabhängigkeit

Moller stammt aus einer berühmten Familie von Bürgermeistern und Ratsherren in Hamburg und Bremen. Der 60-Jährige ist seit 1599 selbst Bürgermeister und hat Hamburgs Unabhängigkeit mit einer vorsichtigen Bündnispolitik gesichert. Besonders gegen den Dänenkönig, der seit einigen Jahren versucht, von seiner Neugründung Glückstadt aus Hamburgs Schifffahrt auf der Elbe unter seine Kontrolle zu bringen.

Mollers Tod am Becher im Dienst der Vaterstadt ist ein bis heute denkwürdiges Opfer. Der Senat glaubt an Goodwill, aber noch mehr an Kanonen. Östlich der Alster wird der Bollwerkbau beschleunigt. Die nächste Bastion heißt zu Ehren des Verblichenen „Vincentius“; heute steht dort die Kunsthalle. Am Deichtor stecken fleißige Hände 50.000 Pfähle und Sträucher in den Morast, um festen Grund für die Bastion „Bartholdus“ nahe den heutigen Deichtorhallen zu gewinnen.

Am 7. März zog der König mit den Seinigen nach Segeberg

Während die Festungsbauer schuften, reitet der Winterkönig schon wieder weiter. „Am 7. März zog der König mit den Seinigen nach Segeberg, wo er den König von Dänemark, den Herzog von Braunschweig und Herzog August von Sachsen-Lauenburg antraf; von dort begab er sich in die Niederlande.“

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Schloss Segeberg, die alte „Siegesburg“ auf dem Kalkberg, ist damals von den Dänen zu einer prachtvollen Residenz ausgebaut worden. Jetzt hat Christian IV. die protestantischen Herzöge von Lüneburg, Lauenburg und Braunschweig, die Gesandten von England, Holland, Schweden, Brandenburg und Pommern sowie den vertriebenen Winterkönig zu sich geladen, um die Protestantische Union wiederzubeleben. Das Bündnis von ursprünglich acht Fürsten und siebzehn Städten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation war am Winterkönig zerbrochen, weil einige Mitglieder den drohenden Krieg abwenden wollten, der dann jeden dritten Deutschen das Leben kosten sollte.

Krieg wird 1648 beendet

Nach dem Treffen in Segeberg zieht der Unglücksbringer mit seiner Entourage nach Holland weiter: Der Statt­halter der Niederlande, Moritz von Oranien, ist sein Onkel. Helfen kann er dem Neffen nicht. 1622 verliert der Winter­könig seine pfälzischen Erblande um Mainz und Darmstadt, ein Jahr später auch die Kurwürde an Bayern. Zehn Jahre später stirbt er verlassen und verbittert an der Pest.

Für Hamburg war sein Besuch eine letzte Warnung. Als der Festungsring fertig ist, ziehen die beiden berühmtesten Feldherren des Kaisers, Wallenstein und Tilly, nach Norden. In kurzer Folge fallen Trittau, Pinneberg, Oldesloe, ­Segeberg, Rendsburg, Elmshorn und Itzehoe an die Katholische Liga. In Hamburg aber dringt kein feindlicher Kriegsmann ein. Dafür kommen immer wieder Diplomaten. In der Sicherheit der unbezwinglichen Bastionen bereiten sie den Frieden vor, der den Krieg 1648 beendet.

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