Erfolgstrainer im Porträt

Jürgen Klopp: Spielerdompteur und Spielerversteher

Jürgen Klopp (53) führte den FC Liverpool zur ersten Meisterschaft in der Premier League seit 30 Jahren.

Jürgen Klopp (53) führte den FC Liverpool zur ersten Meisterschaft in der Premier League seit 30 Jahren.

Foto: Witters

In Liverpool liegt ihm ein ganzer Verein zu Füßen. Was macht Jürgen Klopp, den aktuell besten deutschen Trainer, so erfolgreich?

Hamburg. Es muss 2009 gewesen sein. Jedenfalls war es die Zeit, als die meisten von uns zwar schon kleine, leichte Handys hatten, aber noch nicht mit Smartphones ausgerüstet waren. Pressekonferenz vor einem Spiel von Borussia Dortmund im kleinen Medienraum des Trainingszen­trums im Stadtteil Brackel. Jürgen Klopp sitzt auf dem Podium und hat gerade damit begonnen, einen Ausblick auf das Spiel zu geben, als eine Melodie stört.

Welch ein peinlicher Moment. Alle schauen dich an. Die meisten vorwurfsvoll, manche mitleidig. Dir fährt der Schreck in die Glieder: Du hast tatsächlich vergessen, das Handy auszuschalten. In der Hektik des Augenblicks hantierst du auch noch extrem ungeschickt und schaffst es nicht mal mehr, die richtige Taste zu finden. Scheinbar unaufhörlich erklingt das Gitarren-Intro des Songs „Snow“ von den Red Hot Chili Peppers. „Stopp“, ruft plötzlich Klopp. „Nicht ausmachen!“ Er grinst sein breites Jürgen-Klopp-Grinsen und löst die Beklemmung. „Tolle Musik“, sagt er, „da warte ich gerne ein bisschen.“ So ist er, wenn er gerade so sein will. Humorvoll. Schlagfertig. Locker.

Der langjährige Dortmunder Medienchef Josef Schneck hat den heute 53-Jährigen oft so erlebt. „Ja, der Jürgen und seine Pressekonferenzen“, sagt er. Als Klopp 2008 aus Mainz zum BVB kam, durfte sich Schneck wie ein Junge fühlen, vor dem gerade eine Lastwagenladung Bonbons ausgekippt wurde. Denn der Neue hatte Lust auf Öffentlichkeit. Nicht, dass er die Berichterstatter allesamt fachlich auf seiner Höhe gesehen hätte, nein. Er ließ sie schon ganz gerne mal wissen, dass er sich selbst in Sachen Fußball für deutlich kompetenter hielt. Aber er wusste: Fußball ist auch Show, Medien gehören zum Geschäft.

Jürgen Klopp verstand sich nie nur als ballfixierter Übungsleiter

Klopp verstand sich nie nur als ballfixierter Übungsleiter, nie nur als Chef einer Mannschaft, nie nur als Dienstleister für den Verein. Er demonstrierte vom ersten Tag an, wie er den Trainerberuf interpretiert: allumfassend. Und deshalb: hochmodern. Schneck, heute 73, wurde von dem 20 Jahre jüngeren Trainer stets respektiert. Das ist auch eine der Stärken Klopps. Er überhöht sich nicht gegenüber Mitarbeitern des Vereins. Er weiß den Fleiß des Zeugwartes genauso zu schätzen wie die Pünktlichkeit des Busfahrers. Was Schneck betrifft, so besteht die Verbindung bis heute: „Vor einiger Zeit schrieb er mir am frühen Morgen eine WhatsApp. Er habe nicht schlafen können und sich die gesammelten Ausschnitte unserer Pressekonferenzen auf YouTube angeschaut.“

Der gebürtige Stuttgarter, der in Glatten im Schwarzwald in einer Familie mit zwei älteren Schwestern aufwuchs, hatte auch seine Lehrjahre, leicht ist ihm der Aufstieg nicht gefallen. Vor allem bei Mainz 05, dem Verein, für den er von 1990 an in elf Jahren 325 Zweitligaspiele bestritt, bevor er im Februar 2001 zunächst als Interimslösung auf den Trainerstuhl wechselte – drei Tage vorher hatte er noch selbst gespielt. Aber Präsident Harald Strutz und Manager Christian Heidel entdeckten bei ihm enormes Potenzial in neuer Rolle. Ein abgeschlossenes Studium als Diplom-Sportwissenschaftler, die langjährige Erfahrung als Profi und die Vereinstreue prädestinierten Jürgen Klopp für diesen Job.

Von 2005 bis 2008 als Experte beim ZDF

Nachdem der Klassenerhalt geschafft war, beförderten ihn die Mainzer zum Cheftrainer. Ab sofort sollte es nur noch eine Richtung geben: bergauf. Zweimal verpasste Klopp mit Mainz nur knapp den Aufstieg, beim dritten Anlauf war es so weit: Der scheinbar ewige Zweitligist wurde Bundesligist. Aber auch Jürgen Klopp konnte nicht zaubern. 2007 erlebte er einen Rückschlag: Für Mainz 05 ging es wieder eine Etage tiefer. Der FSV hielt dennoch an seinem Trainer fest. Vor der Schlussphase der Saison aber machte Jürgen Klopp klar, dass er sich nicht zu ewiger Vereinstreue verpflichtet fühlte, falls es mit dem Wiederaufstieg nicht klappen sollte. Als die Mainzer ihr Ziel verfehlten, war Klopp nicht mehr zu halten.

Größere Clubs rissen sich um den Mann, der es mittlerweile geschafft hatte, eine breite Öffentlichkeit für sich zu begeistern. Das ZDF hatte ihn als interessanten Typen ausgemacht und von 2005 bis 2008 als Experten eingesetzt. Bei der Heim-WM 2006 sowie der EM 2008 in Österreich und der Schweiz analysierte Klopp die Spiele auf seine erfrischende Art. Zwar analytisch und taktisch versiert, aber nie ohne Pfiff. Jürgen Klopp streute spontan Sprüche ein, brachte Lachen und Leben in die Runde. Dass dieser extrovertierte Erklärer längst auch als Trainer bereit für Großes war und die nächsthöhere Stufe sicher locker nehmen würde, war vielen klar. Nur nicht dem HSV.

Liverpool feiert Klopps Meisterschaft:

Bei dem früheren Europapokalsieger sind so viele Fehlentscheidungen getroffen worden, dass er mittlerweile in der Zweiten Liga festklebt. Besonders fatal aber war diese: 2008 hätte der Traditionsclub Jürgen Klopp verpflichten können. Doch die Hanseaten waren nicht mehr interessiert, nachdem einer ihrer Scouts mit dieser Mängelliste aus Mainz zurückgekehrt war: unrasiert, löchrige Jeans, zu flapsig, Raucher – und obendrein auch noch unpünktlich. Als dies zu Jürgen Klopp durchdrang, ärgerte er sich mächtig, besonders über den Vorwurf der Unpünktlichkeit. Und er ließ die Hamburger wissen: „Ruft nie wieder an!“

Noch immer wird Klopp in Dortmund verehrt

In Dortmund hatte man jene Bedenken nicht. Der BVB hatte schwierige Jahre hinter sich, hätte 2005 beinahe Insolvenz anmelden müssen und war froh, einen dermaßen vielversprechenden neuen Trainer verpflichten zu können. Bis heute können sich Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc auf die Schultern klopfen: Jürgen Klopp war ihr Volltreffer.

Die drei verstanden sich prächtig, sie redeten mit einer Zunge. So entstand innere Stärke. Die BVB-Chefs ließen es zu, dass der Trainer auch unpopuläre Maßnahmen ergriff. Aber Klopp wusste genau, was er tat. Keine Entscheidung ohne Weitsicht, keine Veränderung ohne Perspektive. Er brauchte drei Jahre, dann war er am Ziel: Der Deutsche Meister 2011 hieß Borussia Dortmund. Und 2012 noch einmal. Die 1:2-Finalniederlage im deutschen Endspiel der Champions League ein Jahr später in London gegen den FC Bayern ließ sich verschmerzen. Das Wichtigste war: Der BVB war wieder eine Größe in Europa geworden.

Noch immer wird Klopp in Dortmund verehrt – vor ihm und nach ihm gab es keinen anderen Trainer, der besser zu diesem Verein passte. Nicht, dass er ständig den Gute-Laune-Jürgen gegeben hätte. Man weiß ja: Er kann auch anders, er kann grantig sein, aufbrausend, und wenn es nach Niederlagen in ihm brodelt, kann schon ein falsches Stichwort einem Interviewer zum Verhängnis werden. Jürgen Klopp hat mal zugegeben, dass er das verzerrte Gesicht, das von Kameras in Momenten der Verärgerung schon häufig eingefangen wurde, selbst nicht mag. Verständlich, niemand sieht sich gern mit verrenktem Kiefer und gefletschten Zähnen. Dortmund wollte Jürgen Klopp und hat Jürgen Klopp bekommen: lebhaft und nie langweilig. Mit allen Konsequenzen.

In Dortmund nahm es ein seltsames Ende mit Klopp

Chef und Kumpel, Spielerdompteur und Spielerversteher, erfolgreich und bodenständig, zum Jähzorn neigend und doch menschenfreundlich – all diese Widersprüche wurden ihm nie zum Verhängnis, eher machten sie ihn im Ganzen so besonders. Mit ihm kann man lachen und heulen, sich in den Armen liegen und sich fetzen. Eben: Emotionen ausleben. Das haben sie in jedem Verein geliebt, für den er bisher gearbeitet hat. In Dortmund nahm es dennoch ein seltsames Ende mit Klopp. In der Hinrunde der Saison 2014/15 wurde der BVB durchgereicht, bis er schließlich auf Platz 17 überwintern musste. Abstiegsangst machte sich breit, ein in dieser krassen Form trotz des Verlustes von Torjäger Robert Lewandowski an den FC Bayern kaum erklärbarer Absturz. Natürlich wurden Fragen gestellt, die auch den bis dahin unantastbaren Trainer betrafen.

Er, der immer Lösungen wusste, sollte ratlos geworden sein? Sollte sich abgenutzt haben? Die Durchhalteparolen, die er nun wie jeder andere in Bedrängnis geratene Trainer bemühte, hatte man von ihm noch nicht gekannt. Jahre später schrieb Hans-Joachim Watzke in seiner Biografie, dass Klopp ihm gesagt habe: „Ihr wisst es doch auch. Es ist besser, wenn wir uns nach sieben Jahren trennen.“ Eine Entlassung aber kam nicht infrage, dazu war das Bündnis zu stark, das Vertrauen noch groß genug. Jürgen Klopp nahm in der Rückrunde zwingend nötige Reparaturarbeiten vor, das Resultat sorgte für Erleichterung: Vom letzten Platz, auf den der BVB nach der Winterpause noch gestürzt war, kletterte er bis auf Rang sieben.

Klopp und Liverpool gewinnen Champions League:

Watzke schrieb auch, die Trennung sei „ein bisschen so, wie wenn die Kinder ausziehen“ gewesen. Schmerzhaft, aber unvermeidbar. Klopp, erst Mainzer Junge, dann Dortmunder mit Leib und Seele, nahm die nächste Sprosse auf der Leiter. Ausland, Premier League, Englands Traditions- und Emotionsgigant FC Liverpool, der seit 1990 sehnsüchtig auf den Meistertitel wartete – eine Konstellation wie geschaffen für Jürgen Klopp.

Klopp und seine Frau Ulla sind ein starkes Team

Wer beim beruflichen Bergsteigen so komplett furchtlos erscheint, braucht innere Stabilität, braucht privaten Rückhalt. Die Frau an Klopps Seite heißt Ulla, die beiden sind seit 2005 verheiratet. Sie ist seine zweite Frau, aus seiner ersten Ehe stammt der 1988 geborene Sohn Marc, und auch sie brachte einen Sohn mit in die neue Familie. Früher hatte Ulla Klopp mit Fußball nichts am Hut, heute sitzt sie bei den Spielen häufig auf der Tribüne. Jürgen Klopp lernte die Sozialpädagogin und Kinderbuchautorin in Mainz kennen, als sie dort in einer Kneipe kellnerte.

Es heißt, die beiden seien unzertrennlich. In England wohnen sie beschaulich, in Formby, einem 22.000-Einwohner-Städtchen, gut eine halbe Stunde Fahrt von Liverpool entfernt. Als Jürgen Klopp noch für Borussia Dortmund arbeitete, hatte die Familie auch einen ruhigen Rückzugsort: im benachbarten Herdecke. „Ich wäre nicht im Ansatz derjenige, der ich bin, wenn es meine Frau nicht gäbe“, hat Jürgen Klopp mal gesagt. Nun gut, damit darf sich jetzt auch Ulla Klopp als Champions-League-Siegerin und englische Meisterin fühlen. Sie wird sicher ihren Anteil haben.

Selbst Corona konnte Klopp in Liverpool nicht stoppen

Ihrem Mann gelang auch im Mutterland des Fußballs ein erstaunlicher Siegeszug. Die Sehnsucht der Reds konnte nur einer wie er stillen. Einer, der es versteht, alle mitzureißen. Spieler, Fans, den Club, die ganze Stadt. Die Leute fanden es ja schon großartig, als er Liverpool 2018 ins Endspiel der Champions League in Kiew führte. Die 1:3-Finalniederlage gegen Real Madrid war zwar ärgerlich, aber kein Rückschlag. Schon ein Jahr später bestieg Klopp Europas Thron, sein Team gewann das englische Endspiel gegen Tottenham in Madrid mit 2:0. Liverpool rastete aus, 500.000 Menschen kamen zur Party in der Heimat, die Siegesparade in einem Doppeldeckerbus durch die Straßen Liverpools wurde zu einem berauschenden Triumphzug.

Man sollte ja meinen, dass es nichts Größeres geben kann für Fans eines Fußballvereins, als die Königsklasse zu gewinnen. Für die Anhänger des FC Liverpool aber konnte das noch nicht alles gewesen sein. Seit 1990, seit jenem Jahr, in dem der junge Jürgen Klopp gerade mal seine ersten Zweitligaspiele für Mainz 05 bestritt, wartete Liverpool auf den englischen Meistertitel. Im Juni 2020 knackte Klopp auch dieses Schloss. Bereits sieben Spieltage vor Schluss war den Reds der Titel nicht mehr zu nehmen. Unaufhaltsam waren sie durch die Saison gerauscht, sie ließen sich auch nicht davon beeindrucken, dass Corona die Premier League zwischenzeitlich ausbremste.

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Joel Matip, Liverpools ehemaliger Schalker Verteidiger, erzählt, dass die Situation durch Corona und den dadurch erzwungenen Verzicht auf Massenfeiern zwar „ein bisschen speziell“ gewesen, die Bedeutung des Meistertitels deshalb aber keineswegs abgeschwächt worden sei: „Für die Leute und den ganzen Verein ist die Meisterschaft sogar wichtiger als ein Champions-League-Titel. Bei keinem anderen Club hätte dieser Erfolg einen solchen Stellenwert.“

Man muss die Spieler nicht lange nach Klopps Verdienst fragen, sie bringen ihn schon selbst zur Sprache. „Ich weiß nicht, wie er es macht“, sagt Joel Matip. „Fakt ist aber, dass seine Mannschaften für ihn durchs Feuer gehen.“ Erneut folgen Klopp nicht nur vor Selbstbewusstsein strotzende Millionenstars. Erneut liegt ihm ein gesamter Verein mitsamt einer riesengroßen Anhängerschaft zu Füßen.

Was hat Klopp anderen Trainern voraus? Was macht ihn so außergewöhnlich? Es ist eine Mischung aus drei beeindruckenden Stärken, die in dieser Ausprägung selten vereint sind: Charisma, Motivationskraft und Fußball-Sachverstand. Würde ihm nur eine davon fehlen, wäre er ein Trainer wie viele. Traurig, dass er und sein Team wegen der Corona-Pandemie nicht von Fanmassen gefeiert werden konnten. Aber das ändert nichts an seinem Status: Klopp zählt zu den größten deutschen Trainern der Fußballgeschichte. Aktuell gibt es keinen besseren.