Hamburg

Elbchaussee: Neues Leben für das "Halbmondhaus"

Viel zu tun: Architektin Susanne Schulz und Dr. Sebastian Giesen von der Hermann Reemtsma Stiftung vor der Remise am Halbmondsweg.

Viel zu tun: Architektin Susanne Schulz und Dr. Sebastian Giesen von der Hermann Reemtsma Stiftung vor der Remise am Halbmondsweg.

Foto: Michael Rauhe / HA

Die historisch wertvolle und denkmalgeschützte Remise wird zurzeit aufwendig restauriert. Ein Besuch auf der Baustelle.

Hamburg.  Der Bau gehört zu den markantesten Hamburgs – und soll seine besondere Wirkung bald wieder in alter Schönheit entfalten: Die halbkreisförmige Remise an der Ecke Elbchaussee/Halbmondsweg, umgangssprachlich auch Halbmond(s)haus genannt, wird zurzeit sehr aufwendig restauriert. Das Abendblatt durfte das historisch wertvolle Gebäude besichtigen und sich den Stand der Arbeiten ansehen.

Beim Treffen vor Ort zeigt sich, dass eine Menge getan werden muss, um den denkmalgeschützten Bau fachgerecht zu restaurieren und für die Zukunft zu sichern. Sebastian Giesing, Geschäftsführer der Hermann Reemtsma Stiftung, und Architektin Susanne Schulz (Klaus-undschulz Architekten) erläutern das Projekt. Der Dachstuhl ist fast komplett abgetragen, der Putz im Innern des Hauses entfernt. An den Wänden sind nur noch wenige Tapetenreste zu sehen, ansonsten prägen rohe Ziegelmauern und frei liegende Holzbalken das Bild. Das Haus ähnelt damit zurzeit viel mehr einem alten Stall als einem Wohn- oder Bürogebäude.

"Halbmondhaus" war ursprünglich ein Stall

Was viele Hamburger und Besucher nicht wissen: Das Haus war ursprünglich tatsächlich ein Stall – und ist ein Werk des berühmten Architekten Christian Frederik Hansen (1756 bis 1845). Dieser ließ das architektonische Kleinod 1796 im Auftrag des Großkaufmanns John Thornton (1764 bis 1835) errichten. Auf der gegenüberliegenden Seite der Elbchaussee entstand zur selben Zeit Thorntons Wohnhaus – einer der schönsten Hansen-Bauten in der Gegend.

Thorntons Villa war ebenfalls halbkreisförmig angelegt, sodass beide Gebäude miteinander korrespondierten und in ihrer Mitte einen Platz bildeten. Sebastian Giesen zeigt Kopien alter Pläne. Die heutige Elbchaussee, damals noch ein einfacher Sandweg, durchschnitt das Anwesen, allerdings rumpelten zu Thorntons Zeit täglich nur einige Kutschen und Fuhrwerke vorbei. Das Stallgebäude diente der Versorgung der Bewohner des Landhauses gegenüber. Vermutlich gab es dort auch einen Melkraum und kleine Wohnkammern.

Nach einem Brand wurde der Stall, nur minimal verändert, unter Federführung von Hansens Neffen Johann Matthias wieder aufgebaut. Bedauerlicherweise ließ eine spätere Eigentümerin das Hauptgebäude 1913 abreißen und durch den großen Bau ersetzen, der heute immer noch dort steht. Die Remise dagegen blieb erhalten und überstand viele Jahre, in denen immer wieder Eigentümer und Nutzer wechselten. Wie eine aktuelle Probe am Putz zeigt, wurde das Gebäude im Laufe der langen Zeit mindestens achtmal neu gestrichen – mal war es grau, mal ockerfarben, mal dunkelgelb, dann wieder (wie aktuell) zitronengelb.

Umgestaltung in Wohnungen kommt nicht infrage

Ende 2018 erwarb die Hermann Reemtsma Stiftung den nur noch äußerlich schönen Bau, seitdem geht es bergauf. Als „faszinierende Herausforderung“ bezeichnet Sebastian Giesen das Projekt. Es gehe darum, einem einmaligen Bau eine neue Chance zu geben – und zwar unmittelbar im Wirkungs­bereich des in den heutigen Elbvororten einst so aktiven Hansen.

Der „Halbmond“, übrigens der einzige Wirtschaftsbau Hansens, der ästhetisch auf das Haupthaus abgestimmt war, besteht aus einem hohen Mittelteil und zwei Seitenflügeln. Das Portal mit der schönen Uhr in der Mitte war einst als Durchfahrt für Gespanne angelegt worden – heute wirkt es wie eine kleine Halle. Auftraggeber und Architektin wollen diese Einteilung aufgreifen und dreigeteilte Büroflächen entstehen lassen.

Eine Umgestaltung in Wohnungen kommt nicht infrage, wie Giesen erläutert. Zum einen eignet sich der niedrige Bau mit der relativ kleinen Nutzfläche und den rückwärtig angebauten, ebenfalls denkmalgeschützten Garagen nicht sonderlich für Wohnräume. Zum anderen macht die Lage direkt an einer viel befahrenen Kreuzung ihn zum Wohnen nur sehr eingeschränkt attraktiv.

Abschluss der Arbeiten ist für Frühjahr 2021 geplant.

Künftige Mieter können, so die Planung, entweder alle drei Büroeinheiten zusammen übernehmen, oder die Räume werden an mehrere Nutzer vermietet. Wie Susanne Schulz sagt, war im Innern von der ursprünglichen Bausubstanz so gut wie nichts erhalten, zahlreiche Ein- und Umbauten hätten dem Gesamteindruck eher geschadet als genutzt.

Prüfungen ergaben auch, dass das Dach im Laufe vieler Jahre mit der Verteilung diverser Chemikalien – unter anderem gegen Insektenbefall und Fäulnis – so stark belastet wurde, dass jetzt nur noch der komplette, detailgetreue Neuaufbau infrage kommt. In die Seiten­flügel mussten außerdem neue Träger eingezogen werden. „Es ist für uns sehr reizvoll, das Gebäude einer neuen Nutzung zuzuführen und dabei seine besondere Ausstrahlung nicht nur zu erhalten, sondern wieder deutlicher als zuletzt herauszustellen“, so Schulz.

Der Abschluss der Arbeiten ist für das kommende Frühjahr geplant.