Stadtgeschichte

Als der Tankwart in Hamburg Konkurrenz bekam

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Georg J. Schulz
Mit Service tankte man 1974.

Mit Service tankte man 1974.

Foto: picture alliance

Vor 50 Jahren wurden in Hamburg erstmals SB-Zapfsäulen in Betrieb genommen. Die neue Technik verdrängte einen Berufszweig.

Hamburg. Den schnellen Griff zur Pistole beherrscht in Deutschland eigentlich jeder – zumindest wenn er ein Auto oder Motorrad bewegt. Gemeint ist hier allerdings nicht das Schießen, sondern das Betanken. Ranfahren (möglichst mit der richtigen Fahrzeugseite, die meist ein kleiner Pfeil im Cockpit anzeigt), Deckel öffnen, Zapfpistole reinhalten und den kostbaren Sprit laufen lassen, bis der Durchfluss von alleine oder der Kunde von Hand stoppt. Das ist ja wirklich kein Hexenwerk – auch wenn es immer wieder passiert, dass sich Autofahrer bei der Kraftstoffsorte vertun und so ihren Diesel oder Benziner lahmlegen.

Tankstellen-Kunden, die sich selbst bedienen: Vor 50 Jahren war das ein Thema, das gerade erst – oder genauer gesagt: erneut – aufkam. So schrieb das Abendblatt in der Ausgabe vom 9. Juli 1970: „Automat und Computer werden möglicherweise an vielen Tankstellen die Tankwarte ablösen. Die BP Benzin und Petroleum AG zeigt, wie es gemacht wird.

In Neuwiedenthal eröffnet sie morgen die erste mit vielen technischen Raffinessen ausgestattete vollautomatische Servicestation im Bundesgebiet. Kein Tankwart spurtet mehr herbei, wenn ein Wagen an der Zapfsäule hält, keine dienstbaren Geister hantieren in der Servicehalle mit Wasserschlauch, Schwamm und Lederlappen. Nur ein Angestellter führt noch die Aufsicht. Alles andere erledigen Maschinen oder die Kunden selbst.“

Auch Wagenwäsche und Ölservice im SB-Betrieb

Sechs „computergesteuerte Waschboxen“ standen damals für die Pflege in Eigenregie bereit, „ausgerüstet mit wohltemperiertem Wasser, mit Ölabsaug­gerät und Staubsauger“. Den „fälligen Obolus von 50 Pfennig für jeweils fünfzehn Minuten Benutzungsdauer“ entrichtete der Autofahrer laut Bericht an „eine Uhr, die Arbeitszeit und Preis“ berechnet.

Die Geschichte der Tankwarte, die in den 1970er-Jahre eine brisante Wendung nahm, hatte erst am Anfang des 20. Jahrhunderts Fahrt aufgenommen. Zwar gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts auf den Straßen motorisierte Konkurrenz fürs Pferd, doch versorgt wurde diese zunächst von Drogerien und Kolonialwarenhändlern, die ihr Benzin aus Fässern an Endverbraucher verkauften, meistens in kleineren Mengen.

Mit der Sicherheit nahmen es viele Autonutzer dabei leider nicht sehr genau, mancher füllte den Sprit zunächst in alte Milchkannen um und rauchte nebenbei eine Zigarette. Unfälle mit schweren Folgen beförderten alsbald die Erkenntnis, dass man die Betankung lieber Profis überlassen sollte. Erste Bürgersteigpumpen wurden errichtet, so auch 1923 auf der Uhlenhorst und damit erstmals in Hamburg.

In dieser Zeit entstanden zudem einige Kraftstoff-Kioske, doch waren all diese Lösungen noch nicht vergleichbar mit der ersten Großtankstelle der Stadt. Sie verkaufte ab 1927 an der Hudtwalckerstraße Kraftstoffe der Marke „Dapolin“, und das mit Service durch einen Tankwart.

Wagenwäsche blieb in Deutschland bis in die 1970er-Jahre eine Herausforderung

Die Wagenwäsche allerdings blieb in Deutschland bis in die 1970er-Jahre eine Herausforderung, die Autofahrer in der Regel selbst und von Hand übernahmen. Doch dann verboten zahlreiche Bundesländer dieses oft sonntägliche Ritual – aus Umweltschutzgründen. Tankstellenbetreiber reagierten und erweiterten ihr Angebot um neumodische Bandwaschanlagen. Laut Firmenarchiv der BP gab es solche Waschanlagen im Amerika bereits seit den 1940er-Jahren, in Deutschland kamen sie demnach erst in den 1960er-Jahren auf.

So eröffnete BP am Friedrich-Ebert-Damm in Hamburg 1964 eigenen Angaben zufolge die erste vollautomatische Autowaschanlage Deutschlands. Betrieben wurde sie von der Arena Autoservice GmbH, einer Tochter des Otto-Versandhandels, der sich ein neues Geschäftsfeld versprach. „Die Anlage mit dem vielversprechenden Namen California schaffte 80 Fahrzeuge pro Stunde und verfügte mit einem Kettenförderer sowie mit Bürsten-, Sprüh- und Trockeneinrichtungen bereits über alle bis heute typischen Teile einer Waschstraße“, heißt es auf der Firmen-Website. Da die Ergebnisse nicht optimal waren, musste oft per Hand nachgebessert werden.

Doch zurück zum Tanken. Der damalige BP-Pressechef Jochen Stachow sagte dem Abendblatt zur neuen Station in Neuwiedenthal: „Das ist ein Test für bestimmte Marktverhältnisse.“ Ähnliche Pilotanlagen hatte es wohl tatsächlich schon Ende 1969 im Bundesgebiet gegeben. Protagonist war laut Zeitungsberichten die Deutsche Shell AG, die zu dieser Zeit die erste Selbstbedienungstankstelle in Hamburg-Altona in Betrieb nahm. Auch die Aral AG errichtete eine Pilotanlage, allerdings im Ruhrgebiet. Bei diesen Tankstellen handelte es sich zunächst um Testbetriebe, mit denen die Akzeptanz der Kunden geprüft werden sollte. „Es begannen wohl alle Tankstellengesellschaften damals mit solchen Versuchen oder entwickelten zumindest Konzepte, nachdem in den vorangegangenen beiden Nachkriegsjahrzehnten der Tankvorgang grundsätzlich von Tankwarten ausgeführt worden war“, erklärt Dietmar Bleidick vom Historischen Archiv BP/Aral in Bochum.

Beruf des Tankwarts ist noch heute erlernbar

Der Testcharakter habe dabei explizit im Vordergrund gestanden. „1970 führte auch Aral das ausschließliche Selbsttanken versuchsweise an weiteren Tankstellen ein, während gleichzeitig Stationen umgestellt wurden, an denen jedoch immer noch Tankwarte anwesend waren. Shell verfügte Ende 1970 über 30 Selbstbedienungstankstellen.“

Ende 1973 waren bei BP rund 10 Prozent der insgesamt 4150 Tankstellen umgestellt, doch da es vor allem umsatzstarke Standorte waren, wurde schon ein Viertel des Kraftstoffabsatzes so erreicht. Bleidick: „Den Kunden wurde das Selbsttanken durch einen Preisnachlass von 2 bis 3 Pfennig pro Liter bei einem Benzinpreis von rund 56 bis 60 Pfennig schmackhaft gemacht. Im Verlauf der 1970er-Jahre und insbesondere nach der Ölkrise vom Herbst 1973 gewann die Entwicklung an Schwung, zumal die Kunden sich von Beginn an überwiegend positiv äußerten. Nach und nach verschwanden die Tankwarte aus dem Tankstellenbild, bis dieser Berufszweig in den 1980er-Jahren mit einigen wenigen Ausnahmen ausstarb.“

Aber: Noch immer ist Tankwart in Deutschland ein anerkannter Lehrberuf mit dreijähriger Ausbildungsdauer. 2005 führte Shell an ausgewählten Stationen zudem einen neuen Tankwart-Service ein. Mitarbeiter werden dafür in einer eigenen Akademie qualifiziert.

Tankstellensterben:

  • In Deutschland gibt es zurzeit laut Statista noch 14.449 Tankstellen. Der Statistik zufolge war die Zahl der Stationen um das Jahr 1970 herum etwa dreimal so hoch, doch dann setzte, auch durch die Einführung von SB-Säulen, eine massive Konsolidierung ein.
  • Nach einem kontinuierlichen Tankstellensterben gab es zum Jahrtausendwechsel nur noch 16.234 Tankstellen in Deutschland, von denen seitdem unter dem Strich weitere 1785 verschwanden.
  • Mit dem Aufkommen der Elektromobilität wird sich das Bild zunehmend verändern. Im zweiten Quartal des Jahres 2020 lag die Anzahl der E-Ladestationen in Deutschland bereits bei rund 19.400.

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