Tag des Seefahrers

Von Hamburg um die Welt: Abenteuer auf Containerschiffen

Taalke Middents sichert Container und verantwortet den Umschlag in Häfen wie Hamburg.

Taalke Middents sichert Container und verantwortet den Umschlag in Häfen wie Hamburg.

Foto: Marcelo Hernandez

Kameradschaft und Piraterie, Wale und Geflüchtete – die Erste Offizierin Taalke Middents hat auf See schon viel erlebt.

Hamburg.  Sie ist groß, blond und steuert Containerschiffe über die Weltmeere. Mit nur 29 Jahren ist Taalke Middents Erste Offizierin der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd. Die Seefahrerin verantwortet Tausende Tonnen Fracht, die verladen, gesichert und in den Häfen umgeschlagen werden. Seit zehn Jahren fährt sie mit den Meeresgiganten um die Welt. Zum heutigen Tag des Seefahrers bricht sie mit dem Klischee des Rum trinkenden Seemanns und wirbt für ihren Beruf, der in Vergessenheit geraten sei.

„Viele wissen nicht, dass die Mangos, die sie zum Frühstück essen, wochenlang von Menschen auf Containerschiffen hergebracht wurden – als ob der kolumbianische Bauer die Mangos abends pflückt und sie morgens einfach auf dem Frühstücksteller liegen“, sagt sie. „Der Bereich ‚Seefahrt‘ ist vielen Norddeutschen kein Begriff mehr.“

Bei Hapag-Lloyd Erste Offizierin auf dem Containerschiff

Bevor Middents zu Hapag-Lloyd wechselte, arbeitete sie bei der Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg. Dort startete sie als Praktikantin im zweiten Praxissemester. Nach dem Nautikstudium stellte die Reederei sie als Offizierin dritten Grades an; sie erhielt eine Uniform mit einem Streifen auf den Schulterklappen. Dienstleister in Häfen erkennen ihre Ansprechpartner am Abzeichen. Offiziere dritten Grades berechnen Seewege elektronisch und zeichnen händisch Routen in Karten ein.

Als Middents sich den zweiten Streifen verdiente, trug sie als Offizierin zweiten Grades die Sicherheitsvorkehrung auf dem Schiff. Jetzt trägt sie drei Streifen auf ihrer Uniform. Nur der Kapitän mit vier Streifen ist höher gestellt. „Ich bin echt stolz darauf, dass ich es so weit geschafft habe“, sagt Middents. Doch sie strebt nach mehr: dem Kapitänsgrad. Dann dürfte sie durch schmale Meeresarme und in Häfen steuern. Die erforderliche Ausbildung hat die Diplom-Nautikerin schon absolviert; es fehle schlicht an Berufserfahrung. Dann könnten die Kapitäne Empfehlungen für Middents’ Beförderung aussprechen.

Die Erste Offizierin: "Ich könnte keinen Menschen sterben lassen"

Schon jetzt blickt die junge Frau auf eine Reihe sowohl verstörender als auch glücklicher Seemomente zurück. An der saudi-arabischen Küste sah sie unter der spiegelglatten Wasseroberfläche Haie, wenige Meilen vor Ghana hörte sie ein lautes Klatschen und sah einen „bestimmt 20 Meter langen Wal“ abtauchen. Auf dem Atlantischen Ozean entdeckte sie ein Boot mit Geflüchteten, versorgte die Menschen mit Nahrung und blieb bei ihnen, bis ein spanisches Rettungsboot eintraf. Das würde sie jederzeit wieder tun.

„Ich könnte keinen Menschen sterben lassen, und von den Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, könnte das auch keiner. Sonst würde es eine Meuterei auf Deck geben“, sagt sie. „Wenn unser Schiff Feuer fängt, müssen wir auch runter, und ich will gerettet werden.“ Sollte es dazu kommen, hat die Reederei vorgesorgt. Ob Koch oder Kapitän, alle wissen, wie sie eine Atemschutzmaske aufsetzen­ und wo Feuerlöscher und Hydranten­ stehen.

Viel bedrohlicher als Wellen und Piraten: menschliches Versagen

Auf die Frage, ob sie auf See schon Angst hatte, antwortet sie nach kurzem Zögern. „So richtig Angst? Daran kann ich mich nicht erinnern.“ Auch nicht, wenn sie in Piratengewässern vor Somalia oder auf der Straße von Malakka westlich Malaysias fahre. Bisher habe sie Piraten immer ausweichen können. Sie kennt aber einen Kollegen, der vor Somalia verschleppt und später freigelassen worden sei. „Ich bin nicht glücklich, dort durchzufahren, aber Angst habe ich nicht.“ Sie treffe Schutzmaßnahmen und erhöhe die Geschwindigkeit, um der Gefahr davonzuschwimmen.

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Selten beunruhige sie schlechtes Wetter, denn die Reederei arbeite mit Meteorologen zusammen. Auf deren Rat warte die Besatzung die Schlechtwetterlage in seichteren Gewässern ab. „Wir sind schon einige Tage in den Azoren rumgedümpelt, weil in der Biskaya schlechtes Wetter war “, erzählt sie. Das sei komisch gewesen, auf der einen Seite strahlender Sonnenschein auf dem Containerschiff, auf der anderen Seite die Schlechtwetterlage in der Zielregion vor der Küste Frankreichs und Spaniens. Aber Sicherheit gehe vor.

Viel bedrohlicher als Piraterie und Wetterlagen sei menschliches Versagen. „Gefährliche Situationen sind Unachtsamkeit auf See geschuldet, zum Beispiel auch, wenn der Verkehr unterschätzt wurde“, sagt die Seefahrerin. „Dann heißt es, den Kapitän um Hilfe bitten.“ Außerdem können sich Besatzungsmitglieder, wie in jedem Haushalt, verletzen oder erkranken, weshalb alle nautischen Offiziere im Studium eine Sanitäterausbildung bekommen.

Corona-Hygiene: Mit Putzplan gegen die Pandemie

Zwei Wochen verbringen Nautikstudierende im Krankenhaus, eine davon in der Notaufnahme. „Das dient eher der Abschreckung, damit man beim ersten Blutstropfen nicht in Ohnmacht fällt“, sagt Middents. Außerdem sei das Netz so gut ausgebaut, dass deutsche Seefahrer an nahezu jedem Ort auf der Erde die Bereitschaftsärzte im Cuxhavener Krankenhaus anrufen könnten.

Die Ärzte würden alle Bord-Medikamente kennen und der Besatzung notfalls zum Landgang raten. Auch das ist Middents schon passiert. „Als wir von Kalifornien nach Tahiti gefahren sind, konnte unser Kapitän von Tag zu Tag weniger sehen. Wir haben täglich geschaut, wo das nächstliegende Land ist.“ Der Kapitän hat die Fahrt gepackt, die Seefahrer mussten nicht anlegen.

Seit März spielt ein weiterer Faktor in die Gesundheit an Bord hinein: Das Corona-Virus macht auch vor Seefahrenden keinen Halt. Zum Schutz der Besatzung müssen alle nach jedem Hafenstopp großflächig putzen. Außer den Seeleuten darf niemand an Bord gehen – zu hoch wäre die Ansteckungsgefahr, zu gravierend wären die Auswirkungen. Gibt es keine neuen Corona-Beschränkungen, fährt Taalke Middents im August wieder zur See. Und arbeitet an der Berufserfahrung für den Kapitäninnenposten.