Hamburg

Wie der Hochbahn-Chef die Corona-Krise meistern möchte

| Lesedauer: 12 Minuten
Matthias Iken
Henrik Falk sieht im Nahverkehr einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.

Henrik Falk sieht im Nahverkehr einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.

Foto: Andreas Laible

Henrik Falk spricht über die dramatische Lage der Hochbahn, die Zukunft des Nahverkehrs und welche Rolle der Klimawandel spielt.

Hamburg. Nur wenige Unternehmen hat das Coronavirus so hart getroffen wie die Hamburger Hochbahn — binnen weniger Tage verloren Busse und Bahnen bis zu 70 Prozent ihrer Kunden. Wie die Pandemie Firma, Fahrpläne und Finanzen verändert, verrät der Vorstandsvorsitzende Henrik Falk.

Hamburger Abendblatt: Herr Falk, vor zweieinhalb Monaten hat das Coronavirus die Stadt verändert. Wie fällt Ihre Corona-Zwischenbilanz aus?

Henrik Falk: Ich blicke mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf die zurückliegenden Wochen: Unsere Branche ist schwer gebeutelt – stellenweise fuhren nur noch 30 Prozent unserer früheren Fahrgäste mit Bussen und Bahnen, nun haben wir uns wieder auf 50 Prozent hochgearbeitet.

In Europa gibt es sogar Metropolen mit 95 Prozent Rückgang …

Falk: So hart hat es uns nicht getroffen, auch weil unser Shutdown nicht so radikal war. Aber wir reden über Zahlen, die ich mir vor wenigen Wochen nicht hätte träumen lassen. Trotzdem sehe ich diese Zeit auch mit einem lachenden Auge. Es ist beeindruckend, wie gut dieses Unternehmen funktioniert. Unsere IT war schnell in der Lage, ganze Bereiche nach Hause zu schicken – die Planung der U 5 geht im Homeoffice ohne Verzögerungen weiter. Auch unsere Krankheitsquote blieb sehr niedrig.

Wir haben es geschafft, die Fahrpläne zu halten und eben nicht auf einen Notfahrplan zu wechseln. Das war eine Mischung aus Infektionsschutz und Haltung. Wir sind Teil der Daseinsvorsorge und verantwortlich, dass die Stadt funktioniert. Unsere Fahrerinnen und Fahrer haben einen top Job gemacht und Dankesbriefe bekommen; das hat verdammt gutgetan.

Sie sprachen vom niedrigen Krankenstand. Haben sich Busfahrer bei der Arbeit infiziert?

Falk: Nein. Wir hatten einige wenige Fälle in unterschiedlichen Bereichen, aber keine Infektionsketten im Unternehmen.

Wie groß ist das Risiko in Bussen und Bahnen? In Österreich wurde nach Abgleich der Infizierten-Gruppen bislang keine einzige Infektionskette belegt, die auf eine Ansteckung in öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgeht. Skifahren gehört ja nicht zum ÖPNV. Kann man da Entwarnung geben, auch wenn man kein Virologe ist?

Falk: Ich denke, ja. Diese Frage beschäftigt uns natürlich. Deshalb haben wir schnell die vordere Tür im Bus zum Schutz der Fahrer abgesperrt. Auch die Maskenpflicht ist ein wichtiger Schritt, weil nicht immer der Abstand von eineinhalb Metern einzuhalten ist. Vieles deutet daraufhin, dass es keine erhöhte Ansteckung im öffentlichen Nahverkehr gibt. Trotzdem tun wir alles, um einen optimalen Schutz zu gewährleisten.

Zwischenzeitlich sind die Nutzerzahlen um 70 Prozent gesunken. Wann sind wir wieder bei 100 Prozent?

Falk: Die Frage lässt sich kaum beantworten. Wahrscheinlich wird das erst möglich sein, wenn wir ein wirksames Medikament oder einen Impfstoff haben. Bis dahin simulieren wir mit Fahrgastzahlen von 80 bis 85 Prozent. Erst wenn das im Griff ist, werden wieder alle Menschen fahren. Auch wenn derzeit Corona unser Denken beherrscht, dürfen wir nicht vergessen, dass der öffentliche Nahverkehr Teil der Lösung unseres Klimaproblems ist.

Großveranstaltungen werden noch Monate ausfallen – wie sehr trifft das die Hochbahn, die ja oft Mobilitätspartner ist?

Falk: Das merken wir natürlich. Der Fahrtanlass, so nennen wir das, ist längst noch nicht überall wieder gegeben. Wenn keiner ausgehen darf und Konzerte ausfallen, bleiben die Menschen zu Hause. Mit jedem Lockerungsschritt ergeben sich wieder Fahrtanlässe – und damit sollten unsere Zahlen steigen.

Lässt sich das quantifizieren?

Falk: Nicht im Detail. Aber uns treibt schon die Frage um, wie man die Spitzen der Hauptverkehrszeit glätten kann. Gerade in Corona-Zeiten stellt sich die Frage, warum alle Menschen morgens in die Stadt hineinfahren und am späten Nachmittag wieder herausfahren müssen.

In den Nebenverkehrszeiten sind viele Kapazitäten frei. Vielleicht können wir aus dieser Krise lernen und in den Unternehmen gestaffelt mit der Arbeit beginnen. Hierzu werden wir auch das Gespräch mit der Handelskammer suchen. Nicht alle müssen zwischen sieben bis neun Uhr fahren, auch die Schulen müssten nicht alle um acht Uhr anfangen. So könnte man auch nach Corona die Kapazitäten viel sinnvoller nutzen.

Wie viele Kunden haben denn ihre Wochen- und Monatskarten gekündigt?

Falk: Das Thema bewegt uns schon – im März und Anfang April hatten wir außerordentliche Kündigerzahlen von Abonnements. Da verhalten sich die Menschen wie Unternehmen, sie halten in unsicheren Zeiten das Geld zusammen. Deshalb haben wir die Möglichkeit eröffnet, mit dem Abo bis Ende Juni zu pausieren – das wird stark nachgefragt und hat die Kündigungswelle gebremst. Dieser Sommer wird kein gewöhnlicher sein; viele Menschen bleiben hier und werden hier den Nahverkehr nutzen.

Bislang war die Hochbahn mit einer Kostendeckung von mehr als 90 Prozent und Umsätzen von rund 537 Millionen Euro im Vergleich sehr erfolgreich. 2020 dürfte schrecklich werden, Wie viele Hundert Millionen Euro haben Sie in der Finanzbehörde schon abgemeldet?

Falk: Über ungelegte Eier rede ich hier nicht. Wir müssen nun simulieren, wie hoch der Ausfall wird. Wir sind wie gesagt derzeit bei der Hälfte der Nutzer. Meine Hoffnung ist, am Ende des Jahres wieder zwischen 70 und 80 Prozent zu liegen.

Werden sich Verkehrsträger verschieben? Im Modal Split hat sich der Anteil des Fahrrads in der Krise verdreifacht, der Fern- und Nahverkehr ist von 30 auf 17 Prozent abgesackt …

Falk: Das sind Momentaufnahmen. Es wird nicht alles so werden wie vorher, aber der ideale Mix wird sich durchsetzen. An eine Renaissance des selbst genutzten Autos glaube ich im Übrigen nicht – dann werden wir unsere Klimaziele nie erreichen.

Wird das Ein-Euro-Ticket angesichts rückläufiger Fahrgastzahlen eine Option?

Falk: Der Preis war schon vor Corona nicht das Entscheidende, viel wichtiger ist das Angebot. Die wirtschaftlichen Auswirkungen, die dramatisch sind und mit den massiven Einnahmeverlusten verbunden sind, kommen nun noch verschärfend hinzu.

Kommt der Hamburg-Takt wie geplant?

Falk: Ich gehe davon aus, dass die neue Koalition an diesem Ziel festhält. Wir wollen bis 2030 ein System aufbauen, das den öffentlichen Nahverkehr, Fahrrad und neue Mobilitätsformen so intelligent verknüpft, dass ich überall in der Stadt in fünf Minuten Zugriff auf ein Verkehrsmittel habe und so eine echte Alternative zum eigenen Auto bekomme, das noch bei vielen herumsteht.

Fürchten Sie, dass die Verluste und drohenden Finanzausfälle den Ausbau des Nahverkehrs verzögern werden?

Falk: Ich hoffe, dass das nicht der Fall sein wird. Unsere größte Herausforderung bleibt der Klimawandel – und der öffentliche Nahverkehr ist Teil der Lösung. Deshalb müssen wir jetzt investieren. das weiß die Politik.

Da kann ein Blick in die Geschichte Hoffnung spenden: Trotz der schmerzhaften Erfahrungen vor 100 Jahren mit der Spanischen Grippe haben die Metropolen der Welt in dieser Zeit ihren Nahverkehr ausgebaut. Was vor 100 Jahren ging, sollte heute auch möglich sein. Aber die weltweite Wirtschaftskrise wird auch an Hamburg nicht vorbeigehen – und das bedeutet, dass auch die finanziellen Mittel beschränkt sind. Es geht darum, Prioritäten zu setzen.

Der Klimawandel könnte in den kommenden Monaten nicht mehr erste Priorität sein.

Falk: Das sehe ich anders. Vor uns liegt nun die Corona-Welle, die wir meistern müssen. Dahinter aber baut sich eine viel größere Welle auf – der Klimawandel. Der ist ja nicht weg.

Wenn die Karten nun neu gemischt werden, kommt die Stadtbahn zurück in die Debatte. Die Befürworter führen ins Feld, dass dieser Verkehrsträger deutlich günstiger ist.

Falk: Ich komme aus Berlin und kenne das System. Hier in Hamburg und für unsere konkreten Herausforderungen bringt uns die Stadtbahn aktuell nicht voran.

Die Krise birgt auch Chancen – die Digitalisierung bekommt einen Schub. Spüren Sie das im Unternehmen?

Falk: Ja. Das beginnt damit, dass wir nun überall kontaktlos bezahlen können. Plötzlich geht das – in diese Vertriebskanäle werden wir nun drängen. Beispielsweise wollen wir mit einer neuen HVV-Switchh-App ab Ende Juni unkomplizierte Bezahlweisen testen und stärken. Ich bin kein Freund von komplizierten Tarifen, sondern ein Anhänger einfacher Systeme. Am besten checken sich die Kunden mit dem Handy in Bus und Bahn ein und das System errechnet beispielsweise am Monatsende den günstigsten Preis für mich.

Die Ausschreibung für ein solches System ist gelaufen — im Oktober 2021 zum ITS-Weltkongress wollen wir es anwenden.

Da dürften Sie ja froh sein, dass dieser prestigeträchtige Kongress nicht 2020 in Hamburg stattfindet, sondern erst 2021 …

Falk: Ja, absolut. Das ganze Kongresswesen wird sicher hinterfragt werden, ebenso Dienstreisen. Aber inhaltlich getriebener Fortschritt bleibt elementar wichtig. Und der ITS-Kongress wirkt wie ein Schaufenster, um zu zeigen, was Hamburg und Deutschland zu leisten fähig sind.

Wird man durch Corona etwas Neues ins Schaufenster stellen?

Falk: Erst einmal geht es darum, im Zeitplan zu bleiben, um zeigen zu können, was uns wichtig ist. Da bin ich optimistisch. Es gibt beispielsweise schon Mess-Einrichtungen an den Ampeln, die sehr genau den Verkehr zählen. Das kommt uns jetzt zugute.

Es gibt Ideen, wegen des rückläufigen Pkw-Verkehrs einzelne Spuren etwa für Radfahrer zu öffnen …

Falk: Wenn wir über die Mobilitätswende reden, müssen wir auch über die Veränderung unseres Verhaltens reden. Der Platz in der Stadt ist begrenzt. Diesen Platz werden wir neu verteilen müssen. Darum geht es ja auch beim Ziel einer autoarmen Innenstadt. Ich bin gegen jede Dogmatik, der Mix ist entscheidend.

Hat uns Corona gezeigt, dass wir viel schneller handeln können, als wir geglaubt haben?

Falk: Ja. Äußere Zwänge helfen uns, Dinge, die man zuvor nur diskutiert hat, dann schnell in die Praxis umzusetzen. So kann uns Corona unterstützen, den Klimawandel konsequenter und schneller anzugehen.

Stichwort Digitalisierung: Bekommen wir eine App, die die Auslastung von Bussen und Bahnen anzeigt?

Falk: Das schauen wir uns derzeit an. Das ist spannend, aber ich weiß nicht, ob es dann im Alltag wirklich gebraucht wird. Unser Versuch mit den Ampeln für die U-Bahnen, welche Waggons leer sind, haben die Kunden nicht wirklich angenommen.

Moia übernimmt nun Nachtfahrten für den HVV. Ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?

Falk: Wir hatten mit Moia schon immer eine Freundschaft. Das ist für mich ein wesentlicher Baustein für die Zukunft der Mobilität. Moia ist näher am Privat-Pkw als jeder Bus und jede Bahn, vom Komfort, vom Stil. Diese Geschäftsmodelle haben derzeit wahnsinnig große Probleme – und deshalb freue ich mich, dass Moia sein Angebot sogar noch ausbaut. Das ist ein Bekenntnis zu Hamburg.

Das könnte Sie auch interessieren:


Könnte Moia auch Nahverkehrsangebote in dünn besiedelten Regionen übernehmen, etwa in den Walddörfern?

Falk: Absolut. Solche Systeme wie Moia können und werden Lösungen für diese Herausforderungen sein.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg