St. Pauli

Kneipen-Betreiber: „Davon können wir nicht leben“

| Lesedauer: 7 Minuten
Das Ehepaar Britta und Edgar Hees hat sich für seine Kneipe Tippel II auf St. Pauli ein detailliertes Hygienekonzept ausgedacht.

Das Ehepaar Britta und Edgar Hees hat sich für seine Kneipe Tippel II auf St. Pauli ein detailliertes Hygienekonzept ausgedacht.

Foto: Roland Magunia

Erste Kneipen auf St. Pauli dürfen wieder öffnen, doch von Normalität ist der Kiez noch weit entfernt. Streifzug durch leere Bars.

Hamburg.  Aus den Boxen der Kneipe Tippel II ertönt „Freiheit“ von Marius Müller-Westernhagen. Es ist um 20 Uhr in der Detlev-Bremer-Straße auf St. Pauli. Wo vor der Corona-Krise zahlreiche Hamburger durch die Nacht schwärmten, herrscht an diesem Donnerstag eine fast schon gespenstische Atmosphäre. Beim Eintritt ins Tippel II wird sofort deutlich, dass sich einiges verändert hat. An den Wänden hängen Zettel, auf denen die neuen Abstands- und Hygieneregeln anschaulich erklärt werden. Am Tresen trennt eine durchsichtige Plexiglasscheibe Barfrau Hexe von den Gästen. Und neben der Eingangstür hängt ein Desinfektionsspender, für den sich hinter der Theke literweise Nachschub befindet. „Das Zeug ist zwar schweineteuer, aber wir wollen nichts falsch machen“, sagt Betreiber Edgar Hees.

Achteinhalb Wochen nach dem Shutdown darf seine Eckkneipe seit Mittwoch wieder öffnen. So hat es der Hamburger Senat am Dienstag beschlossen. Gäste bewirten dürfen nun wieder alle Lokale, die eine Konzession für eine sogenannte „Schankwirtschaft“ besitzen. Konkret bedeutet das, dass Bars mit einer Tanzfläche oder einem DJ weiterhin geschlossen bleiben, während Kneipen bei leiser Musik und unter Beachtung der Abstandsregel sowie mit Aufnahme von Kontaktdaten öffnen dürfen.

Da der Branchenverband Dehoga eine Fläche von fünf Quadratmetern pro Gast empfiehlt, lässt Hees maximal 18 Personen ins Tippel II. An guten Tagen waren es früher schon mal 200. An einem normalen Donnerstag 30. Heute sind es elf. „Guck dir das an, so halte ich das nicht ewig durch“, klagt Hees, der mit einem Umsatzeinbruch von 70 Prozent rechnet. „Davon können wir nicht leben.“

Kneipe lebt von Zuschauern des FC St. Pauli und Touristen

Seine Kneipe lebt für gewöhnlich von den Zuschauern bei Heimspielen des FC St. Pauli und den Touristen – doch darauf muss Hees auf unbestimmte Zeit verzichten. „Solange uns die Engländer nicht wieder die Bude einrennen, sieht es düster aus.“ Immerhin haben der Bezahlsender Sky und der Stromanbieter auf zwei Monatsbeiträge verzichtet. Dennoch beträgt der Verlust bisher rund 40.000 Euro. Eine Summe, die die staatliche Soforthilfe nicht ausgleicht.

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Seine sieben Mitarbeiter hat Hees deshalb gekündigt. Es ist aber vor allem die Miete, die ihm und vielen anderen Kneipiers zu schaffen macht. „Der Vermieter ist nicht bereit für ein Gespräch“, sagt Hees. Letztlich habe er nur die Hälfte der Miete überwiesen, weil ihm die finanziellen Mittel ausgehen. Ob er damit durchkommt, weiß er nicht.

250 Meter weiter ist Rosi’s Bar eines von nur zwei geöffneten Lokalen auf dem Hamburger Berg. In der parallelen Talstraße ist es sogar nur das Black Pearl. Es dürften eigentlich viel mehr Kneipen öffnen, doch die meisten wurden von dem spontanen Beschluss des Senats überrascht. Andere Läden wie der Goldene Handschuh haben die Corona-Pause für Renovierungsarbeiten verlängert.

Nur wenige Menschen auf der Reeperbahn

Am Tresen von Rosi’s Bar empfängt Celina Feil jeden Gast mit einem breiten Lächeln im Gesicht. „Wir freuen uns ex­trem, wieder arbeiten zu können“, sagt die 23-Jährige. „Wir haben das große Glück, dass wir als Gaststätte zählen, weil hier früher Essen ausgegeben wurde.“ Dadurch darf sie bis zu 25 Personen bedienen, anwesend sind in diesem Moment fünf. Hinter der Theke liegen Chips bereit, um den Überblick über die Gesamtzahl zu bewahren. Denn für das Wochenende rechnet die Kneipe mit deutlich mehr Gästen.

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Inzwischen wird es dunkel auf St. Pauli. Auf die Reeperbahn haben sich nur wenige Menschen verirrt. Ein paar Straßen weiter Richtung Hafentreppe hält Agnieszka Jauch (45) in der Gerhardstraße einsam die Stellung. „Mein Laden hat mir gefehlt“, sagt die Chefin von Marys Treff. Als sie am Mittwoch erstmals wieder öffnen durfte, seien elf Leute da gewesen. Vor dem Ausbruch des Coronavirus tummelten sich hier bis zu 80 Partygäste auf engstem Raum. „Natürlich wünsche ich mir wieder mehr Gäste, aber die Gesundheit geht vor“, sagt Jauch. Ihre Stimme klingt nach einer Mischung aus Verzweiflung und Freude.

„Die vergangenen Wochen waren kata­strophal“

„Abstand halten“, ruft sie einer gerade eintreffenden Frau fast schon flehend zu. Jauch will nichts riskieren. Auf einen Türsteher, der bei Nichteinhaltung der Regeln eingreifen könnte, will sie aber verzichten. „Ich bringe den Übeltätern schon selber das Fliegen bei“, sagte sie und fängt herzhaft an zu lachen.

Nach Scherzen ist Lorsin Hamucilu 140 Meter weiter noch nicht zumute. „Die vergangenen Wochen waren kata­strophal“, sagt die 45-jährige Betreiberin der Lorsin Art Bar – eine von zwei Kneipen auf dem Hans-Albers-Platz, die schon wieder geöffnet haben. „Es geht um Imagepflege. Aber wie soll ich denn bei diesen Auflagen auf meinen Umsatz kommen?“, fragt Hamucilu. Am Eingang liegt eine Liste aus, auf der sich alle Gäste eintragen müssen. Am Tresen befinden sich mehrere Hinweise auf den Mindestabstand von 1,50 Metern. Ob sie damit alle Anforderungen erfüllt, wisse sie nicht. „Viele Dinge sind nicht geklärt“, klagt die Barkeeperin.

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Mit diesem Satz spricht sie vielen Wirten aus der Seele. Denn die meisten haben Angst, dass das Ordnungsamt etwas zu bemängeln haben könnte und die Kneipe wieder schließen müsste. Die Polizei will deshalb auf die Wirte zugehen und individuelle Absprachen treffen. Bei Kontrollen wollen die Beamten mit Augenmaß vorgehen und vor allem auf die Einhaltung der Abstandsregel achten.

Um einen Verstoß dieser Regel muss sich an diesem Abend in Rosi’s Bar keiner Sorgen machen. Celina Feil bereitet gerade zwei Gin Tonic in Pappbechern zu, als der siebte Gast um kurz nach 23 Uhr zur Tür hereinkommt. Mehr werden es heute nicht mehr.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

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