Kampf gegen Corona

Neuer Antikörpertest im Norden: "Wichtiger Schritt“

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Matthias Popien
Der BereiBlock in die Objektträger-Bestückung bei Euroimmun.

Der BereiBlock in die Objektträger-Bestückung bei Euroimmun.

Foto: picture alliance / dpa

Mit einem in Lübeck entwickelten Verfahren lassen sich Antikörper im Blut nachweisen. Massentests schon ab Mai?

Hamburg/Lübeck. Corona ist ein Chamäleon: Manche Infizierte sterben daran, andere merken nicht einmal, dass sie erkrankt sind. Tausende Hamburger könnten deshalb bereits immun gegen das Virus sein, müssten also gar keine Angst vor einer Infektion haben.

Eine Vermutung, die bislang nicht überprüft werden konnte. Doch seit dem Wochenende ist das anders: Namhafte Hamburger Labore bieten einen von der Lübecker Firma Euroimmun entwickelten Antikörpertest an. Ein wenig Blut, vom Hausarzt abgenommen, reicht schon aus, um festzustellen, ob Antikörper vorhanden sind oder nicht. Das Ergebnis liegt bereits am Tag der Blutabnahme vor. Die Kasse zahlt. Privatpatienten sind mit etwas unter 20 Euro dabei.

Antikörper-Test seit wenigen Tagen auf dem Markt

Massenhafte Testung könnte auch bei der wichtigen Entscheidung helfen, ob Corona-Maßnahmen heruntergefahren oder verlängert werden. Zwei Hamburger Labore arbeiten mit dem Test, der erst seit wenigen Tagen auf dem Markt ist: das Labor Dr. Fenner und Kollegen sowie das „aescuLabor Hamburg“, der größte Hamburger Laborverbund.

„Die Antikörper-Tests sind ein sehr wichtiger Schritt im Kampf gegen Corona“, sagt Professor Kai Gutensohn, ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des Labors. Noch sind sie nicht in großer Zahl verfügbar, aber Gutensohn ist optimistisch. „Ich nehmen an, dass wir Anfang Mai 3500 bis 5000 Tests pro Tag durchführen können.“

Corona-Antikörper: Zuverlässigkeit überprüft

Derzeit sind es rund 500 pro Tag. Zweifel an der Aussagekraft der Euroimmun-Produkte hat er nicht. „Die Zuverlässigkeit wurde bundesweit validiert, also überprüft“, sagt er.

Die renommierte Lübecker Firma beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Antikörper-Tests und gilt als Spezialist. 2017 zahlte der US-amerikanische Laborriese Perkin-Elmer 1,2 Milliarden Euro, um Euroimmun zu erwerben.

Menschen in systemrelevanten Berufen testen

Die Funktionsweise von Antikörpertests ist bekannt. Das menschliche Immunsystem bildet Antikörper, um ein Virus abzuwehren. Am Ende hat jeder, der die Erkrankung überstanden hat, Antikörper im Blut. Und diese „Immunantwort“ kann man automatisiert messen, also in großem Maßstab und ziemlich rasch.

Professor Gutensohn vom „aescuLabor“ hält es für geboten, angesichts der in den ersten Wochen noch geringen Kapazität zunächst nur diejenigen zu testen, die in systemrelevanten Berufen tätig sind: Ärzte, Pfleger, Polizisten, Feuerwehrleute, Supermarktkassierer, aber auch Patienten mit Vorerkrankungen.

Wichtiger Schritt für Erforschung des Coronavirus

In seinem Labor werden zwei unterschiedliche Antikörper untersucht. Das Labor Dr. Fenner und Kollegen beschränkt sich auf das Immunglobulin G. Wichtig ist: Es ist erst frühestens drei Wochen nach Krankheitsausbruch sicher messbar, vorher ist die Zahl der Antikörper noch zu niedrig. Laborchef Thomas Fenner sagt: „Es geht also beispielsweise um die, die Mitte Februar im Skiurlaub waren.“

Fenner sieht in der Etablierung dieser Tests einen wichtigen Schritt in der Erforschung des Coronavirus. „Wenn bekannt ist, wie viele Menschen sich in Deutschland bemerkt oder unbemerkt mit Corona infiziert haben, lassen sich sehr viel verlässlichere Aussagen über das Fortschreiten der Ausbreitung machen“, sagt er. Derzeit sind in seinem Labor 700 Tests pro Tag möglich. Am Wissen über die Ausbreitung des Virus mangelt es gerade sehr. Die Dunkelziffer möglicherweise noch nicht entdeckter Infektionen führt zu großen Problemen bei den Vorhersagen.

Coronavirus – Die Fotos zur Krise:

Wann ist der Höhepunkt der Krise erreicht? Wann lassen sich Ausgangsbeschränkungen revidieren? Der Hersteller Euroimmun verweist in diesem Punkt ausdrücklich auf das Potenzial seiner Tests. Katja Steinhagen, die Leiterin des Geschäftsbereichs Immunbiochemie, sagt: „Die Tests eignen sich für ein großflächig angelegtes Screening“. Auch für die Erhebung epidemiologischer Daten könnten sie eingesetzt werden. „Sie können mit einem hohen Durchsatz mit Laborautomaten abgearbeitet werden.“ Euroimmun arbeitet daran, die Produktion ihrer Tests möglichst bald auszuweiten.

Weltweite Nachfrage nach Antikörper-Test

Derzeit werden sie im mecklenburgischen Dassow hergestellt. „Die weltweite Nachfrage nach den Tests ist sehr hoch“, sagt Wolfgang Schlumberger, Vorstandschef von Euroimmun. „Wir tun alles dafür, um auf diesen Bedarf effektiv zu reagieren.“ Firmen auf der ganzen Welt sind in diesen Tagen dabei, Antikörpertests zu entwickeln. Renommee und Gewinne locken.

Auch vor den Toren Hamburgs wird daran gearbeitet – bei der Wedeler Firma medac. Pressesprecher Volker Bahr sagt: „Wir sind in der Vorbereitung für einen solchen Test. Er wird in Kürze fertig sein.“