Hamburg

Hamburger Sozialämter vor dem Kollaps: Beamte schlagen Alarm

Im August 2019, kurz nach Einführung der neuen Software "Prosoz", hatten Mitarbeiter aus den Ämtern dem Hamburger Senat eine lange Unterschriftenliste mit ihren Forderungen überreicht. Mitarbeiter der Hamburger Sozialämter schlagen nun erneut Alarm (Archivbild).

Im August 2019, kurz nach Einführung der neuen Software "Prosoz", hatten Mitarbeiter aus den Ämtern dem Hamburger Senat eine lange Unterschriftenliste mit ihren Forderungen überreicht. Mitarbeiter der Hamburger Sozialämter schlagen nun erneut Alarm (Archivbild).

Foto: ver.di

Die Mitarbeiter der Sozialämter in den sieben Hamburger Bezirken schwanken zwischen Wut und Verzweiflung. Ihre Forderungen.

Hamburg.  Schlecht funktionierende Computer, explodierende Fallzahlen, geringe Bezahlung und ein untätiger Senat. Die Mitarbeiter der Sozialämter in den sieben Hamburger Bezirken schwanken zwischen Wut und Verzweiflung. Denn sie müssen nach eigenem Bekunden derzeit damit leben, dass sie ihre Kunden, „die Ärmsten der Armen“, nicht mehr vernünftig bedienen können.

„Das macht ein ganz schlechtes Gefühl“, Thomas Auth-Wittke, Personalrat im Bezirksamt Bergedorf. Die Gewerkschaft fordert eine scheinbar astronomisch hohe Aufstockung des Personals. „Wir bräuchten ein Drittel mehr Leute in den Ämtern Grundsicherung und Eingliederungshilfe“, sagt Sabine Meyer, Gewerkschaftssekretärin von Ver.di am Donnerstag. Aus den derzeit 900 müssten 1200 Mitarbeiter werden.

Neues Gesetz und Probleme mit der Software

Die Ämter für Grundsicherung bewilligen Sozialhilfe und haben immer mehr Kunden, deren Rente nicht reicht. Das Amt für Eingliederungshilfen gibt es nur in Wandsbek, es hilft Behinderten oder Pflegebedürftigen und kämpft zusätzlich mit dem neuen „Bundesteilhabegesetz“, für das das Gewähren von Leistungen mit Beginn des Jahres neu und aufwendiger organisiert werden muss.

Diese Umstellung und das neue Computersystem „Prosoz“ haben das Fass zum Überlaufen gebracht, sagen die Personalräte der sieben Bezirksämter übereinstimmend. Es drohe der Kollaps. Die Fallzahlen pro Mitarbeiter seien von vor der Software-Einführung schon zu hohen 250 jetzt auf bis zu 400 Fälle drastisch gestiegen. In Stuttgart seien die Mitarbeiter der fraglichen Ämter pro Kopf mit 140 Fällen ausgelastet. Die Hamburger Finanzbehörde und die Sozialbehörde äußerten sich auf Nachfrage am Donnerstag nicht zur Misere in ihren Bezirksämtern.

Nur Standardverfahren für Hamburg

Da die neue Software keine Rationalisierungseffekte haben sollte und habe, müsse das Personal auch dauerhaft aufgestockt werden. „Prosoz“ ersetzt seit Mitte 2019 das alte „Prosa“ nur, weil das alte System nicht mehr unterstützt wird und für neuere Betriebssysteme erst kompatibel gemacht werden müsste.

Während Hamburg die bundesweit verbreitete neue Software komplett übernahm, haben andere Bundesländer in einigen Bereichen auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnittene Lösungen außerhalb des programmierten Standardablaufs integriert. Darauf habe Hamburg verzichtet. Das produziere erhebliche Mehrarbeit, sagen die Personalräte.

Mitarbeiter kritisieren Bezahlung

Zu den wegen der hohen Fallzahlen und der technischen Probleme unattraktiven Arbeitsbedingungen kommen laut Ver.di die unangemessene Bezahlung. In den Landesbehörden werde bei vergleichbarer Tätigkeiten deutlich mehr verdient. Eine Mitarbeiterin: „Wer bei uns das ganze Spektrum der Grundsicherung verstehen und bearbeiten können muss, braucht zum Beispiel im Umland nur den Teilaspekt der Ersthilfe für Flüchtlinge zu begreifen, also etwa zehn Prozent. Aber er bekommt das gleiche Geld.“

Im August 2019, kurz nach Einführung der neuen Software, hatten Mitarbeiter aus den Ämtern dem Senat eine lange Unterschriftenliste mit ihren Forderungen überreicht. „Seitdem hat sich nichts verbessert“, sagt Auth-Wittke.

Bemängelt wird auch, dass das versprochene Personalbemessungssystem immer noch fehle. Es könnte den Streit über den personellen Mehrbedarf objektivieren und entscheiden helfen. Die Zusage der Behördenleitung, dass so ein System kommen soll, gebe es laut Ver.di seit eineinhalb Jahren. Geschehen sei bisher nichts.