Hamburg

Holzbegasung: Kampf gegen „Klimakiller“ im Hafen

Das Insektizid Sulfuryldifluorid wird im Hafen verwendet, um Holz vor dem Verschiffen zu begasen.

Das Insektizid Sulfuryldifluorid wird im Hafen verwendet, um Holz vor dem Verschiffen zu begasen.

Foto: Thorsten Ahlf / THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Umweltsenator und Unternehmensverband wollen nach Alternative für giftiges Insektizid suchen. Wirtschaft zweifelt Behördenzahlen an.

Hamburg. Im Streit zwischen der Umweltbehörde und der Hafenwirtschaft über das Thema Holzbegasung hat es ein Treffen zwischen Vertretern des Unternehmensverbandes Hafen Hamburg (UVHH) und Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) gegeben.

Beide Seiten verständigten sich auf eine gemeinsame Suche nach Lösungen. Mittlerweile hat sich auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) in die Debatte über die immer weiter steigende Nutzung des extrem klimaschädlichen Insektizids Sulfuryldifluorid (SO2F2, kurz: SF) eingeschaltet. Die im Hafen verwendete Menge des Gases, das vor allem zur Begasung von Nutz- und Verpackungsholz genutzt wird, weil Zielländer wie Australien, China oder Brasilien dies verlangen, war zuletzt stark angestiegen.

Rekordwert von 203,7 Tonnen

Wie berichtet, erhöhte sie sich laut Umweltbehörde von 17 Tonnen im Jahr 2015 auf einen neuen Rekordwert von 203,7 Tonnen im vergangenen Jahr. Dies liegt offenbar an einer großen Menge von nach Stürmen exportiertem Bruchholz und an neuen Vorschriften der Zielländer für den Export. Das Umweltbundesamt attestiert dem Gas eine 4090-mal so starke Klimawirksamkeit wie Kohlendioxid (CO). Das heißt: Ein Molekül befördert die Erderwärmung so stark wie 4090 CO-Moleküle. Die im vergangenen Jahr genutzte Menge entspricht also mehr als 833.000 Tonnen CO2.. Demnach ist SF ein echter Klimakiller.

Bei dem Treffen in der Umweltbehörde stellten UVHH-Präsident Gunter Bonz und Geschäftsführer Norman Zurke nach Abendblatt-Informationen die von der Behörde genannten hohen Zahlen in Frage. „Es ist unzweifelhaft, dass die Verbrauchsmengen von SF angestiegen sind, da immer mehr Länder eine Begasung zwingend vorschreiben und zudem der Export von Holz zugenommen hat“, sagte Zurke dem Abendblatt. „Da im letzten Jahr jedoch nur rund 150 Tonnen des Begasungsmittels SF in Deutschland verkauft wurden, haben wir erhebliche Zweifel, dass die Mengenangabe des Senates in Höhe von 204 Tonnen Verbrauch nur im Hamburger Hafen stimmt. Wir haben die Umweltbehörde daher gebeten, die Mengen noch einmal zu prüfen.“

Umweltbehörde hat Zahlen erneut geprüft

Zurke betonte jedoch, dass das Gespräch mit der Behörde „sehr konstruktiv“ verlaufen sei. „Einigkeit bestand darin, dass es hilfreich wäre, wenn in der EU alternative Begasungsmittel mit weniger schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt zugelassen wären“, so der UVHH-Geschäftsführer. „Wir haben die Behörde gebeten, sich auf europäischer Ebene für die Zulassung alternativer Stoffe einzusetzen.“

Die Umweltbehörde hat die Zahlen aufgrund der Zweifel nun erneut geprüft. „Die Begasungsunternehmen haben dem Institut für Hygiene und Umwelt (HU) die Menge von 204 Tonnen SF im Jahr 2019 gemeldet“, sagte Behördensprecher Jan Dube dem Abendblatt. „Das HU hat die Zahlen an die Gesundheitsbehörde und diese an uns weitergegeben. Der Einsatz des klimaschädlichen und hochgiftigen Gases ist streng geregelt und meldepflichtig, daher gehen wir davon aus, dass die von den Unternehmen gemeldeten Mengen korrekt sind.“ Wie das zu den geringeren Verkaufsmengen passt, blieb zunächst offen. Möglicherweise bezögen nicht alle Firmen das Gas direkt vom Hersteller, hieß es.

Schädlinge lassen sich auch klimafreundlicher bekämpfen

„Das Gespräch zwischen dem UVHH und dem Umweltsenator verlief kon­­­struktiv“, sagte auch Dube. „Es wurde betont, dass man gemeinsam nach Lösungen zur Verringerung der Einsatzmengen von SF suchen wolle.“ Aus Sicht der Behörde seien „vor allem die Rückhaltetechnik und alternative Methoden und Stoffe zur Schädlingsbekämpfung in den Blick zu nehmen“. Ein großer Einsatzbereich des Gases sei der Export von Bruch- und Stammholz. „Hier kann Hamburg im Schulterschluss zwischen Wirtschaft und Verwaltung Alternativen erproben, um den SF-Einsatz zu senken“, so Dube. „Bei Nadelhölzern lassen sich Schädlinge zum Beispiel klimafreundlicher über eine Entrindung bekämpfen, noch gibt es aber nicht genügend Anlagenkapazitäten dafür in Hamburg.“

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Umweltsenator Kerstan hatte angesichts der erst kürzlich deutlich gewordenen Problematik mit SF an Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) geschrieben. In dem Antwortschreiben, das dem Abendblatt vorliegt, betonte Schulze, sie sehe „die zunehmende Verwendung ebenfalls mit Sorge“. Sie teile Kerstans Einschätzung, dass man das Thema auch auf internationaler Ebene angehen müsse, „da die Verwendung offenbar weltweit ansteigt“. Zudem wolle sie es gemäß Kerstans Vorschlag auf die Agenda der zuständigen Bund-Länder-Arbeitsgruppen und der nächsten Umweltministerkonferenz setzen.

Dass Hamburg mit dem Problem nicht allein dasteht, zeigen auch Zahlen aus Bremen, die der Hamburger Umweltbehörde vorliegen. Demnach hat sich die Nutzung von SF auch dort stark erhöht und zwischen 2018 und 2019 sogar deutlich mehr als verdoppelt – allerdings auf sehr viel niedrigerem Niveau als in Hamburg. Der SF-Einsatz für die Begasung stieg demnach in Bremen binnen eines Jahres von 3,6 auf 8,6 Tonnen.