Hamburg

Dramatische Rettung nach elf Stunden Operation

Operation geglückt: Prof. Dr. Carsten Zornig mit dem 19-jährigen Radwhan Barzani, Dr. Christian Kugler und Dr. Margret Alm (v.l.)

Operation geglückt: Prof. Dr. Carsten Zornig mit dem 19-jährigen Radwhan Barzani, Dr. Christian Kugler und Dr. Margret Alm (v.l.)

Foto: Andreas Laible

Es war der längste Eingriff, den es am Israelitischen Krankenhaus je gab: 19-jähriger Iraker wird von gewaltigem Tumor befreit.

Hamburg.  Als Radwhan Barzani im Dezember in das Israelitische Krankenhaus Hamburg kommt, ahnt er noch nicht, dass er sich wenige Tage später einer elfstündigen Operation unterziehen wird – der längsten, die es in der Alsterdorfer Klinik je gab. Er weiß nur, dass er einen großen Tumor im Bauch hat, aber nicht, dass dieser weitere Teile seines Körpers befallen hat.

Der 19-jährige Pharmaziestudent lebt eigentlich in Erbil, einer großen Stadt im Nordirak. Dort hat sein Vater drei Jahre gegen den IS gekämpft. Im Frühjahr 2019 erkrankt Radwhan Barzani an starken Schluckbeschwerden. Ärzte versuchen mehrfach, seine Speiseröhre endoskopisch aufzuweiten – ohne Erfolg. Im Juli schließlich steht eine Bauchoperation an, die seine Beschwerden lindern soll. Doch dabei wird überraschend ein Tumor gefunden.

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CT-Aufnahmen zeigen, dass der Krebs sich bereits weit ausgedehnt hat. Eine Hiobsbotschaft: Die irakischen Ärzte haben nicht die Mittel, um den Tumor effektiv zu behandeln. Sie raten Radwhan deshalb, ärztliche Hilfe in Deutschland zu suchen. Sein Vater und er beantragen ein Touristenvisum – ein langwieriger und komplizierter Prozess. Ihr Eindruck: Die Regierung im Irak hat Angst, dass Ausreisende nicht zurückkehren. Nach drei Monaten schließlich bekommen sie die Genehmigung und sitzen im Flieger nach Deutschland.

Nachdem Radwhan vergeblich versucht hat, in der Berliner Charité aufgenommen zu werden, kommt er mit seinem Befund in das Israelitische Krankenhaus – die größte Bauchchirurgie Norddeutschlands. Dort findet er beim Direktor der Klinik, Prof. Dr. Carsten Zornig, Hilfe. Der Mediziner stellt bei ersten Untersuchungen fest, dass der Tumor mehrere wichtige Organe wie Lunge, Magen und Speiseröhre befallen hat. Er ist offensichtlich sehr langsam wachsend und befindet sich schon mehrere Jahre in Radwhans Körper. Da sowohl Brustkorb als auch Bauchraum erkrankt sind, ist „klar, dass die Operation eine erhebliche Herausforderung darstellt, wenn überhaupt operabel“, so Zornig.

Operation war „an der Grenze des Machbaren“

Er ist in erster Linie auf Bauchchirurgie spezialisiert und zieht für die Operation der Lunge Dr. Christian Kugler, Chefarzt der LungenClinic Großhansdorf, hinzu. Sie verabredeten eine gemeinsame Operation. „Herr Barzani hatte nur eine Chance, wenn wir unser ganzes Können und unseren Mut zusammen organisieren“, sagt Zornig. Die Zusammenarbeit sei entscheidend gewesen für das Gelingen.

Die Kosten für so eine Behandlung sind schwer kalkulierbar. Zornig schätzt, dass es inzwischen mehr als 30.000 Euro sind. Radwhan hat eine Vorauszahlung geleistet. Alle Kosten, die diese übersteigen, übernimmt das Krankenhaus. In seiner Heimat, sagt Klinikdirektor Zornig, wäre diese Behandlung nicht möglich gewesen. „Es steht fest, dass im Irak nichts aus ihm geworden wäre.“

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Die Operation findet direkt vor Weihnachten statt. Sie dauert elf Stunden – damit ist sie die längste Operation, die je in diesem Krankenhaus durchgeführt wurde. Die Dimension des spektakulären Eingriffs war auch den Ärzten zunächst nicht klar. Sie entfernen Teile beider Lungenflügel, des Herzbeutels, der Leber, des Magens und der Speiseröhre. Die Nahrungspassage wird rekonstruiert, indem der Magenrest in den Brustkorb hochgezogen und mit dem oberen Anteil der Speiseröhre verbunden wird.

Zwischendurch steht es immer wieder kritisch; die Ärzte befürchten, dass der Patient verbluten könnte. Insgesamt verliert er mehr als fünf Liter Blut. Aber am Ende ist der Eingriff erfolgreich: Alle Teile der Tumors können entfernt werden. Die Operation sei „an der Grenze des Machbaren“ gewesen, sagen die Ärzte. Wenn man dann aber sehe, dass alles geklappt hat, dann sei das eine große Freude und Befriedigung.

Vier Wochen später sitzt Radwhan Barzani im Café des Krankenhauses und erzählt, dass er sich gestern eine Pizza bestellt hat. Ein großer Fortschritt, schließlich wurden Magen und Speiseröhre operiert. „Er hat die OP erstaunlich gut weggesteckt“, meint Zornig. In ein paar Tagen will der Iraker zurück in seine Heimat fliegen. „Ich bin so dankbar, dass ich hier behandelt werden konnte. Mir geht es wieder richtig gut.“