Gastbeitrag

Den Schulbau darf man nicht den Senatoren überlassen

Gert Kähler ist Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung  und der Freien Akademie.

Gert Kähler ist Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung und der Freien Akademie.

Foto: Andreas Laible

Architektur-Historiker Gert Kähler kritisiert den Sparzwang und fordert eine gesellschaftliche Diskussion über Sinn und Stellenwert.

Hamburg. Toll – es gibt endlich Streit um den Schulbau! Der Schulsenator auf der einen, die Hamburgische Architektenkammer auf der anderen Seite streiten über die Kosten im Schulbau, wobei der Senator die ganz große Keule herausholt: Schulbau darf keine Preissteigerungen haben wie die Elbphilharmonie! Da hat er recht – auch wenn das mit dem Schulbau nichts zu tun hat.

Der Senator beantwortet die falsche Frage. Über allem geht es darum: Welche Bildung wollen wir unseren Kindern vermitteln? Und wie können wir das in qualitätvolle Bauten umsetzen? Erst dann darf man fragen, ob wir Steuerzahler die nötigen Finanzmittel dafür ausgeben wollen.

Architektur drückt etwas aus

Eine Diskussion, die bei den Kosten ansetzt, hört auch damit auf. Dann ist der beste Schulbau der billigste Schulbau. Was vermitteln wir aber unseren Kindern, wenn der Schulbau billig sein soll – ihr seid uns nichts wert? Der Eindruck beginnt heute meist schon, wenn man sich neuen Schulbauten nähert: Der billigste Betonstein als Pflaster scheint gerade gut genug.

Die Architektur von Schulen drückt wie jedes Bauen etwas aus. Ein Rathaus oder eine Kirche in einer mittelalter­lichen Stadt ist so einleuchtend, weil die Bedeutung des Gebäudes in der Architektur ablesbar wird. Es ergibt sich eine Hierarchie, die Orientierung im städtischen Gefüge vermittelt, die über „schön“ und „hässlich“, über „teuer“ oder „billig“ weit hinausgeht.

Die Elbphilharmonie hat viel Geld gekostet. Ja, und? Warum darf ein Gebäude für alle Bürger an prominenter Stelle nicht viel Geld kosten? Die Bürger erkennen sich darin und sind stolz darauf! Wenn wir vor der Fassade des Hamburger Rathauses stehen, denken wir doch nicht darüber nach, wie teuer der Bau war! Dann wäre er besser in Wilhelmsburg oder Billstedt angesiedelt, wo die Grundstückspreise niedriger sind; schließlich könnte man das Stadtzen­trum viel besser vermarkten.

Bildung ist wichtige Ressource

Die „Schulbau Hamburg“ ist Teil der Finanzbehörde. Kennt man sich dort besser damit aus, das Beste für unsere Kinder und Jugendlichen zu bauen? Auf der Homepage heißt es: „Wir bauen fortschrittliche Lernumgebungen.“ Die Finanzbehörde scheint da Experte zu sein. Aber wenn man sich in den neuen Schulen umsieht, stellt man fest: Es gibt immer noch die alten rechteckigen Klassenräume; nur die Cafeteria für den Ganztagesbetrieb ist neu. Daran ist nichts fortschrittlich, es funktioniert allenfalls.

Die wilhelminischen Schulbauten um 1900 waren sichtbare Zeichen in der Stadt, die den Anspruch des Staates auf folgsame Untertanen ausdrückten. Die Schulbauten Fritz Schumachers in den 20er-Jahren drückten den Anspruch auf Bildung für alle in den neuen Wohnquartieren aus. Und heute? „Gute Räume für gute Bildung“ meint die „Schulbau Hamburg“ zu schaffen. Das hatte Willy Brandt noch viel anspruchsvoller formuliert; „die Schule der Nation ist die Schule“, hatte er 1969 erklärt. Von Geld hat er nicht gesprochen.

Wir wissen doch, dass die Bildung unserer Kinder unsere wichtigste Ressource ist. Die bestmögliche Förderung junger Leute durch hohen architektonischen Anspruch zu erreichen scheint uns aber völlig fremd, und dem Finanzsenator ohnehin. Warum ist der Schulbau nicht bei der Schulbehörde verankert? Ein Rathaus, ein Opernhaus darf kostbar sein und das auch zeigen – mit Recht. Aber eine Schule? Die soll vor allem pflegeleicht und preiswert werden.

Aufgabe der gesamten Gesellschaft

Wir fordern selbstständig denkende Staatsbürger, die sich für ihr demokratisches Gemeinwesen engagieren und es verteidigen; wir wollen möglichst weitgehende Fertigkeiten für eine funktionierende Volkswirtschaft anerziehen; wir wollen freundlich zu Menschen aus anderen Ländern sein – so etwa könnte man das heutige Erziehungsideal beschreiben. Daran sind Schulbauten zu messen. Nicht an Geld.

Wir haben Schulbaurichtlinien. Wir wissen alles über Klassengrößen und die notwendige Zahl der Toiletten. Aber wer diskutiert, wozu Schulen eigentlich da sein müssen? Wer diskutiert, welchen Stellenwert sie in der Stadt und für die Gesellschaft haben sollen? Und wer diskutiert, mit welcher Architektur das verwirklicht werden soll? Schulbauten sind Lern-Umgebung; sie stellen einen Anspruch dar, an dem sich die Kinder messen können. Oder sagen sie, das Billigste ist gerade gut genug für euch?

Schulbau ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Man darf ihn nicht den Verwaltungen und Senatoren überlassen – die sind lediglich von uns bestellte ausführende Organe. Sie gehen mit unserem Steuergeld um. Deshalb ist die öffentliche Diskussion darüber notwendig, was die Schulbauten in der Stadt sein sollen. Dabei geht es auch um Geld, um Vorschriften, um Haltbarkeit, um die Zahl der Toiletten. Aber eigentlich geht es nur: um glückliche Kinder. Um Spaß am Lernen in einer Umgebung, die ihnen zeigt, dass sie das Wichtigste sind, das wir für unsere Zukunft haben.