30 Jahre Mauerfall

Chirurg flüchtete im Kofferraum eines Diplomatenautos

Wolfgang Teichmann (r.) mit Helmut Schmidt (l.) und Berthold Beitz auf der Kieler Woche.

Wolfgang Teichmann (r.) mit Helmut Schmidt (l.) und Berthold Beitz auf der Kieler Woche.

Foto: Koehler Verlag

Der Hamburger Wolfgang Teichmann verließ seine Heimat 1977. Die Biografie des Mediziners ist Dokument der Zeitgeschichte.

Bleiben oder gehen? Für immer hinter der Mauer den Beschränkungen und Repressalien des „realen Sozialismus“ ausgesetzt sein oder eine Flucht in den Westen riskieren, um dort in Freiheit zu leben? Zwischen 1961 und dem Fall der Mauer am 9. November 1989 haben sich viele DDR-Bürger irgendwann diese Frage gestellt, sind aber meistens vor dem „illegalen Grenzübertritt“ zurückgeschreckt, da das damit verbundene Risiko hoch war. Misslang die Flucht, drohte jahrelange Stasi-Haft und im schlimmsten Fall sogar der Tod. Wer sich dennoch zur „Republikflucht“ entschloss, wusste genau, was das für Konsequenzen haben konnte.

Als der Rostocker Chirurg Wolfgang Teichmann am Nachmittag des 24. Oktober 1977 mit seinem weißen Lada von der Ostseeküste nach Ostberlin fuhr, wusste er, dass sich sein bisheriges Leben auf jeden Fall ändern würde. Nachdem er jahrelang den Repressionen der Stasi ausgesetzt gewesen war, schien der SED-Staat gerade seinen Frieden mit ihm gemacht zu haben: Mit nur 36 Jahren war er Professor und stellvertretender Chef der chirurgischen Klinik der Rostocker Universität, ein Traumjob mit enormen Privilegien. Doch dann eröffnete sich ihm völlig unerwartet die Chance zur Flucht in die Bundesrepublik – woran er gerade zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr gedacht hatte. Sollte er es dennoch riskieren?

Der Mediziner musste sich in wenigen Minuten entscheiden

Im Gespräch mit einer ehemaligen Freundin, die sich inzwischen als Fluchthelferin betätigte, hatte sich der junge Arzt im September 1977 innerhalb von wenigen Minuten entscheiden müssen. „Würde ich erwischt, wäre meine Karriere schlagartig zu Ende, möglicherweise würde ich sogar meine Approbation verlieren und nach der Haftentlassung nicht mehr als Arzt arbeiten dürften“, erinnert sich Wolfgang Teichmann in seiner eben erschienenen Biografie.

Darin schildert er auch, was sich in den Abendstunden des 24. Oktober 1977 ereignete, nachdem er das Auto in der Karl-Marx-Alle im Zentrum von Ostberlin geparkt hatte:

„Dann lief ich stadtauswärts Richtung Frankfurter Tor und bog 19.59 Uhr in die Koppenstraße ein. Das ist eine Querstraße, die damals relativ dunkel und wenig belebt war. Zunächst konnte ich niemanden sehen, doch dann lief ein dunkelhäutiger Mann, wohl ein Afrikaner, direkt auf mich zu. ‚In welche Richtung wollen Sie gehen, mein Herr‘, fragte er mich. Ich war zunächst erstaunt, dass ich es mit einem Afrikaner zu tun hatte, antwortete aber gemäß der Absprache: ‚In Richtung Tiergarten.‘ Er nickte und bedeutete mir, ihn zu begleiten. Schon nach wenigen Schritten erreichten wir ein großes Auto, einen richtigen amerikanischen Straßenkreuzer, der mit laufendem Motor am Straßenrand wartete. Auf dem Beifahrersitz saß ein ebenfalls dunkelhäutiger Mann. Wortlos öffnete der Mann, der mich angesprochen hatte, den riesengroßen Kofferraum, der mit Decken ausgepolstert war und in den ich mich problemlos hineinlegen konnte. Dann schloss sich die Klappe über mir, und ich lag im Dunklen. Jetzt war es entschieden, gab es kein Zurück mehr. Ich hatte nichts mehr in der Hand, musste alles nehmen, wie es kam. Als der Wagen anfuhr, überfiel mich Panik. Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass ich in spätestens einer halben Stunde wissen würde, wie und wo ich die nächsten Jahre verbringen würde: entweder als Arzt im Westen oder als Häftling im Stasi-Knast.“

Auf einem Westberliner Parkplatz verließ Teichmann den Kofferraum

Es dauerte tatsächlich etwa 30 Minuten, bis der Wagen eines in der DDR akkreditierten afrikanischen Diplomaten den Checkpoint Charlie passiert hatte und Wolfgang Teichmann auf einem Westberliner Parkplatz den Kofferraum wieder verlassen konnte, um sein zweites Leben in Freiheit zu beginnen.

Teichmann kam nach Hamburg, arbeitete am Allgemeinen Krankenhaus Altona und begann eine atemberaubende Karriere als Chirurg. Mit der von ihm entwickelten Methode der „Etappenlavage“ gelang es ihm, zahlreichen Menschen das Leben zu retten und die Traditionschirurgie nachhaltig zu verändern.

Dass er Patienten dafür anfangs einen im Alsterhaus gekauften Reißverschluss in den Bauch nähte, zeigt den Mut und die Originalität dieses außergewöhnlichen Mediziners, dessen atemberaubender Lebensbericht sich zugleich als Dokument der Zeitgeschichte erweist.