Dubioser Fall

Anwalt verletzt sich selbst – das kommt auf den Hamburger zu

Der 55-Jährige hatte am Landgericht einen Messerangriff auf sich selber offenbar vorgetäuscht. Wie es nun weitergeht.

Hamburg. Einer der ungewöhnlichsten Kriminalfälle in Hamburg geht in die nächste Runde: Der Anwalt, der sich am Dienstag offenbar mit einem Messer selbst verletzt und dies als Attacke auf sich hatte wirken lassen wollen, muss nun mit weiteren Konsequenzen rechnen.

Zum Hintergrund: Ein Schöffengericht hatte den Hamburger im Januar dieses Jahres zu drei Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe wegen Untreue verurteilt. Zusätzlich verhängte das Gericht ein fünfjähriges Berufsverbot. Beide Entscheidungen hatte der 55-Jährige in der Berufungsverhandlung an diesem Tag anfechten wollen.

Drei Zentimeter tiefe Wunde

Als die Verhandlung beginnen sollte, beobachtete der Wachmann im Landgericht, dass sich ein Verletzter in den Eingangsbereich des Gebäudes schleppte. Der Unbekannte hatte eine Messerverletzung, es sah zunächst nach einer Attacke aus. Polizei und Notarzt rückten an, umliegende Bus- und Bahnstationen wurden abgesperrt.

Wenig später kam ein Verdacht auf, der sich immer weiter erhärtete: Der Mann hatte sich die etwa drei Zentimeter tiefe Wunde selbst beigebracht. Es war der beschuldigte Anwalt, offenbar wollte er die Berufungsverhandlung verzögern.

Der Mann war zunächst im UKE ärztlich versorgt und dann von einem Mediziner auch daraufhin untersucht worden, ob er sich die Stichverletzung selbst zugefügt haben könnte. Außerdem wurde er von einem LKA-Beamten befragt. Der 55-Jährige gab an, sich an nichts erinnern zu können, sagte der Sprecher des Oberlandesgerichts, Kai Wantzen. Nach ersten Erkenntnissen war die Verletzung nur von einem kleinen Obstmesser verursacht worden und nicht tief.

"Bewusstloser" Anwalt blinzelt während Untersuchung

Außerdem gaben Polizisten an, dass der Mann sich nach dem "Angriff" bewusstlos gestellt und bei der Untersuchung mit den Augen geblinzelt hatte. Die Kammer kam am Dienstagnachmittag aufgrund dieses Gesamteindrucks zu dem Schluss, dass der Angeklagte sich die Verletzung selbst zugefügt hatte: Die Berufung wurde verworfen.

Nun kann der Angeklagte wiederum Revision einlegen. Das Oberlandesgericht muss dann den Fall noch einmal prüfen.

Eine halbe Million Euro versickert

In dem Prozess ging es um viel Geld. Das Amtsgericht hatte es als erwiesen angesehen, dass Peter D. als Anwalt Erbschaften veruntreut habe. In einem Fall war es der Verein SOS-Kinderdorf, dem eine Dame 232.000 Euro hatte vermachen wollen.

In einem anderen Fall hatte ein Mann sein Pflichtteil von gut 270.000 Euro aus einem Erbe bekommen sollen. Doch die mehr als 503.000 Euro, die Anwalt Peter D. an seine Mandanten hätte weiterleiten müssen, hat der 55-Jährige, davon war das Gericht überzeugt, für sich behalten.

Man könne nur spekulieren, sagte der Richter damals in der Urteilsbegründung, warum der Anwalt so viel Geld gebraucht habe, „dass eine halbe Million Euro versickert ist“.

Anwalt rutschte bühnenreif vom Stuhl

Es kam am Dienstag schnell der Verdacht der vorgespielten Attacke auf, da der Anwalt mit dieser Masche schon mehrfach vor Gericht aufgefallen war. Einmal war er bühnenreif vom Stuhl gerutscht, ein anderes Mal hatte er sich einer Amtsarzt-Untersuchung entziehen wollen, indem er sich in seiner Wohnung verbarrikadierte und unter einem Tisch verkroch.