Hamburg

Autofrei im Rathausquartier – ein voller Erfolg

PK Initiative "Altstadt für alle " präsentiert Ideen für den Umbau der Stadt, wie z.B. Grüner Teppich am Hauptbahnhof, Parkhaus wird Wohnprojekt (ike) Nissen-Hochhaus. Wibke Kähler-Siemssen, Frank Engelbrecht, Rolf Kellner, Jörg Herrmann und Florian Marten (von links)

PK Initiative "Altstadt für alle " präsentiert Ideen für den Umbau der Stadt, wie z.B. Grüner Teppich am Hauptbahnhof, Parkhaus wird Wohnprojekt (ike) Nissen-Hochhaus. Wibke Kähler-Siemssen, Frank Engelbrecht, Rolf Kellner, Jörg Herrmann und Florian Marten (von links)

Foto: Marcelo Hernandez

Die meisten Gastronomen, Händler und Besucher sind mit dem dreimonatigen Versuch in der Hamburger City zufrieden.

Hamburg. Dieser Erfolg überrascht selbst die Initiatoren: Die dreimonatige Umwandlung von Teilen des Rathausquartiers in Hamburg in eine weitgehend autofreie Fußgängerzone hat die Erwartungen der Initiative „Altstadt für alle“ weit übertroffen. Image und Qualität des Quartiers haben sich deutlich verbessert, die Umsätze von Gastronomen und der Mehrzahl der Einzelhändler sind während des im August gestarteten Modellversuchs gestiegen.

Dies zumindest ist das Ergebnis einer – allerdings nicht repräsentativen – Online-Umfrage mit 804 Teilnehmern. „Wir haben mit großem Erfolg gezeigt, wie sich die Innenstadt beleben und neu gestalten lässt“, sagt Johannes Jörn, Vorstand der Patriotischen Gesellschaft, die die Initiative mit trägt. Wenn es nach den Beteiligten geht, soll der Versuch im kommenden Jahr wiederholt und ausgeweitet werden.

Rathausquartier in Hamburg: Wenig Umsatzrückgänge durch Autofrei

In der Umfrage zeigten sich 85 Prozent der Befragten zufrieden mit dem Autofrei-Versuch; nur 14 Prozent waren unzufrieden. 93 Prozent fanden, dass sich das Pilotprojekt positiv auf die Lebensqualität im Quartier ausgewirkt habe, 90 Prozent sahen positive Effekte für das Quartiersimage. Das Nachbarschaftsgefühl sahen 81 Prozent gestärkt.

Überraschend: Umsatzrückgänge, die zuvor einige Händler befürchtet hatten, gab es kaum, wie auch Workshops und Einzelgespräche gezeigt hätten. So verzeichneten vor allem die Gastronomiebetriebe „eine bessere bis deutlich bessere Umsatzentwicklung“, heißt es von der Initiative. Viele Bars und Restaurants hatten während der drei Monate Tische auf die Straße gestellt, Events und Feste organisiert.

Uneinheitliches Bild bei den Einzelhändlern

Bei den Einzelhändlern ist das Bild uneinheitlicher: Etwa die Hälfte der Händler verzeichneten höhere Umsätze, ein Viertel der Betriebe hatte mit Umsatzrückgängen zu kämpfen, bei einem weiteren Viertel blieben die Umsätze unverändert.

Seit dem 1. August sind die Kleine Johannisstraße und die Schauenburger Straßen in der Nähe des Rathauses autofrei; Lieferverkehr ist nur in der Zeit von 8 bis 11 Uhr vormittags zulässig. Das Experiment ist einzigartig: Entstanden aus einer Idee auf einem städtebaulichen Workshop, hat die zivilgesellschaftliche Initiative „Altstadt für alle“ die temporäre Fußgängerzone konzeptionell entwickelt, langwierig beantragt und dann gemanagt.

Ziel war es zu erproben, ob und wie sich die Innenstadt durch eine andere Nutzung des öffentlichen Raums beleben lässt. Im März beschloss die Bezirksversammlung Mitte, das insgesamt rund 180.000 Euro teure Projekt finanziell anteilig zu unterstützen. Nach Widerstand einiger Händler wurde das Vorhaben, das ursprünglich mehr Straßen umfassen sollte, abgespeckt.

Autofrei: Vieles war improvisiert

Die endgültige Genehmigung lag schriftlich erst drei Tage vor dem Start des Modellversuchs vor; entsprechend war der Auftakt improvisiert. Nach einem Fest zur Eröffnung der Fußgängerzone am 8. August entwickelte sich der Stadtraum „Tag für Tag und Schritt für Schritt weiter“, erinnern sich die Initiatoren: eine Sitzgruppe vor dem Friseurgeschäft, eine Tischtennisplatte vor dem Herrenausstatter, kleine mobile Gärten, selbstgezimmerte Holzbänke und Gastronomie auf ehemaligen Parkplätzen.

Einigen Befragten war die Optik „zu trashig“ oder „etwas wüst“, wie die Umfrage zeigte. 85 Prozent der Befragten fanden die Gestaltung allerdings positiv, zehn Prozent negativ. „Der improvisierte Charakter verlieh dem ganzen sogar Authentizität, alle konnten mitwirken", meint Florian Marten, Sprecher von „Altstadt für alle“. Anstatt Fahrzeuge, die trotz des Verbots in die Zone eingefahren waren, abzuschleppen, habe man die Fahrer angesprochen und auf Überzeugungsarbeit gesetzt.

Mit dem Lieferverkehr gab es weniger Probleme

Insgesamt sei die Stimmung sehr friedlich gewesen, betonen die Initiatoren. „Unsere zivilgesellschaftliche Handschrift, der umfassende Dialog mit allen Akteuren, aber auch viel Spontanität und Kreativität haben zum Erfolg entscheidend beigetragen“, sagt Johannes Jörn.

Sehr viel weniger Probleme als gedacht gab es mit dem Lieferverkehr. „Es hat sich gezeigt, dass die Anlieferung während der festgesetzten drei Stunden am Vormittag völlig problemlos ist; die Effizienz ist hoch, weil die Lieferzonen, die sonst von privaten Fahrzeugen zugeparkt sind, frei sind“, sagt Mario Bloem, Initiator und Verkehrsplaner des Projekts. 53 Prozent gaben in der Befragung an, die Qualität des Lieferverkehrs sei unverändert; 27 Prozent fanden sie besser, 20 Prozent schlechter als zuvor.

Überwältigende Mehrheit für Fortsetzung

Geht es nach dem Willen der Beteiligten, wird das Projekt im kommenden Jahr fortgesetzt. Dafür sprachen sich in der Umfrage 93 Prozent der Beteiligten aus. Auch Grundeigentümer, Gastronomen, Händler und Berufstätige im Quartier wollten eine Fortsetzung. Der Zeitraum soll deutlich ausgeweitet werden. Die meisten Beteiligten präferierten die erneute Einrichtung einer Fußgängerzone von April/Mai bis September/Oktober, also in der etwas wärmeren Jahreszeit.

Andere könnten sich eine ganzjährige Fußgängerzone vorstellen – vorausgesetzt, es gäbe in den Herbst- und Wintermonaten eine andere Gestaltung der Straßen. 49 Prozent der Befragten plädieren für eine schrittweise Entwicklung der Fußgängerzone, 44 Prozent dagegen für einen einmaligen Umbau mit hohem Standard.

Initiative „Altstadt für alle“ hatte den Versuch möglich gemacht

Die Initiatoren sehen nun die Politik am Zuge: „Wir stellen unsere Ergebnisse und Erfahrungen zur Verfügung und wollen nun mit Vertretern der Bürgerschaft und der Bezirksversammlung besprechen, was möglich ist“, sagte Johannes Jörn von der Patriotischen Gesellschaft.

Die Initiative „Altstadt für alle“, die den Versuch mit viel Engagement möglich gemacht habe, könne eine Wiederholung im kommenden Jahr nicht erneut federführend tragen. Auch der Business Improvement District (BID) soll einbezogen werden. „All diejenigen, die verantwortlich sind und die Mittel haben, müssen jetzt in die Bütt springen“, sagt Pastor Frank Engelbrecht von der Hauptkirche St. Katharinen.

Umfrage ein Baustein für Entscheidung

„Die Bezirkspolitik wird jetzt ein Verfahren entwickeln, wie wir die Ergebnisse diskutieren können“, kündigte Falko Droßmann, Bezirksamtsleiter in Hamburg-Mitte, gegenüber dem Abendblatt an. Man werde sich zusammensetzen, die Erfahrungen auswerten, darüber sprechen, was gut und was schlecht lief, und überlegen, wie und ob man den Versuch wiederholen solle. Die jetzt veröffentlichte Umfrage sei nur ein Baustein für diese Entscheidung. Er persönlich sei etwa 30 mal vor Ort gewesen, um sich das Autofrei-Projekt anzusehen. „Wir müssen uns auch fragen, ob die kulturelle Nutzung nur ein Feigenblatt war und es nur zu einer Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes geführt hat“, so Droßmann. Im Klartext: Die Belebung der Fußgängerzone darf nicht nur darin bestehen, dass Gastronomen mehr Tische nach draußen stellen.

Die Initiative „Altstadt für alle“ wurde 2016 von der Bürgerinitiative „Hamburg entfesseln!“, der Evangelischen Akademie der Nordkirche und der Patriotischen Gesellschaft von 1765 gegründet.