Hamburg

Bau der Linie S 4: Sorge um jüdischen Friedhof in Tonndorf

Rena Schneider vor dem jüdischen Friedhof an der Jenfelder Straße. Links im Bild die Kartoffelhalle, unter der noch Grabstellen vermutet werden und die jetzt abgerissen werden soll.

Rena Schneider vor dem jüdischen Friedhof an der Jenfelder Straße. Links im Bild die Kartoffelhalle, unter der noch Grabstellen vermutet werden und die jetzt abgerissen werden soll.

Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services

Ein Teil des Geländes wird für die Strecke nach Bad Oldesloe benötigt. Unter dem Bauabschnitt werden jüdische Gräber vermutet.

Hamburg. Eine überschaubare Rasenfläche mit alten, verwitterten Grabsteinen – das ist alles, was von dem einst so imposanten und jüdischen Friedhof in der Jenfelder Straße geblieben ist. Von 1887 bis 1942 diente er der jüdischen Gemeinde, die sich im Bereich Wandsbek angesiedelt hatte, als Begräbnisstätte.

Geplant für 1000 Gräber, sollen hier nur 143 Bestattungen vorgenommen worden sein. Nachdem der Friedhof 1943 an die Stadt Hamburg zwangsverkauft worden war, wurde auf einem Teil des Geländes eine Lagerhalle für Kartoffeln gebaut. Der Friedhof war Baustelle und Arbeitsort geworden, der Schändung und Störung der Totenruhe preisgegeben – so beschreibt es die Hamburger Schriftstellerin und Historikerin Astrid Louven.

Bauarbeiten der neuen Linie S 4 stören die Totenruhe

Rena Schneider aus Marienthal, die aus Sorge vor Antisemitismus nicht möchte, dass ihr richtiger Name genannt wird, befürchtet nun die erneute Störung der Totenruhe. Denn es sind wieder Bautätigkeiten geplant – nicht auf dem eingezäunten Friedhofsgelände, aber direkt daneben: auf dem am Bahndamm liegenden Gelände mit der Kartoffelhalle.

Nachdem 1959 mit dem heutigen Friedhof nur ein Teil der Fläche an die jüdische Gemeinde zurückgegeben wurde, war dieses Areal bis vor Kurzem im Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA). 2018 wurde es an den Werkzeughersteller Makita verkauft, der auf dem Nachbargrundstück und gegenüber eine Produktionsstätte betreibt und diese ausbauen möchte. Ein Teil des Grundstücks wird außerdem von der Bahn für den Bau der neuen Linie S 4 nach Bad Oldesloe benötigt.

Jüdische Gemeinde hatte nicht genug Geld, um Grundstück zurückzukaufen

„Warum hat die jüdische Gemeinde den Friedhofsteil nicht zurückgekauft?“, fragt sich Rena Schneider, die sich mit dem Thema schon intensiv beschäftigt und mit allen Beteiligten darüber gesprochen hat. „Ich hätte einen Spendenaufruf organisiert.“ Tatsächlich hatte die jüdische Gemeinde lange die Gelegenheit, das Friedhofsgelände zurückzukaufen.

Nach Abendblatt-Informationen wurde ihr das Grundstück seit Jahrzehnten immer wieder angeboten, der geforderte Preis soll deutlich unter dem Verkehrswert gelegen haben. Noch 2014 hatte die Politik signalisiert, dass sie für einen Rückkauf auch Fördermittel bereitstellen könnte. Damals waren CDU und FDP auf die Gemeinde zugegangen.

„Ich bedauere, dass die Aktivität versandet ist und nicht weiter vorangetrieben wurde, auch nicht von der jüdischen Gemeinde“, sagt Thomas-Sönke Kluth von der FDP, der als Abgeordneter der Bürgerschaft und des Bezirks Wandsbek an den Gesprächen beteiligt war.

„Unsere Gemeinde hatte leider nicht genug Geld, um das Grundstück für viele Hunderttausend Euro zurückzukaufen“, sagt Landesrabbiner Shlomo Bistritzky – und man hört ihm an, dass er das bedauert. Aus seiner Sicht hätte man den Friedhof als Reservefläche gut gebrauchen können, denn auch in Wandsbek leben viele Juden. „Wir haben auf unseren anderen Friedhöfen wahrscheinlich noch Platz für die nächsten zehn Jahre. Aber dann wird es eng“, so Bistritzky.

Eigentümer plant, alte Gebäude östlich der Jenfelder Straße abzureißen

Weil die jüdische Gemeinde das Friedhofsgelände nicht zurückkaufte, nahm Makita die Gelegenheit wahr und erwarb es im November 2018. Das Unternehmen möchte seinen Standort ausbauen.

Um Platz für Neubauten zu schaffen plant es, sowohl die alten Verwaltungs- und Werksgebäude östlich der Jenfelder Straße als auch die mit dem Grundstück erworbene Kartoffelhalle abzureißen. Auf derem Areal sollen im vorderen Teil voraussichtlich 20 Parkplätze angelegt werden, im hinteren Teil, dort, wo noch Grabstellen vermutet werden, ist eine Grünfläche geplant.

„Wir sind uns der Sensibilität des Vorhabens vollends bewusst“, sagt Lars Vollmann, Projektleiter bei Makita. Der jetzige Friedhof bliebe selbstverständlich unangetastet – und das Grundstücksteil, auf dem Grabstätten vermutet werden, werde behutsam behandelt.

13 Gräber unter alter Lagerhalle?

Laut Überlieferungen sowie historischer Karten, die von der Gemeinde zur Verfügung gestellt wurden, müssten sich noch etwa 13 Gräber unter der alten Halle befinden, sofern sie nicht bei ihrem Bau zerstört wurden. „Mit dem Rabbiner der jüdischen Gemeinde ist vereinbart worden, dass er den Abriss der Halle begleitet, um die Bewahrung der Totenruhe sicherzustellen“, so Vollmann.

Die ist laut Shlomo Bistritzky nur dann gefährdet, wenn Erdarbeiten stattfinden. „Das werde ich nicht zulassen“, so der Rabbiner, der während der Baumaßnahmen täglich vor Ort sein will. Für Lars Vollmann ist das in Ordnung. „Wir werden im Bereich der vermuteten Grabstellen nicht in die Erde gehen. Sollte die Kartoffelhalle in diesem sensiblen Bereich ein Fundament haben, werden wir dieses stehen lassen und gartenbaulich in die geplante Grünfläche integrieren.“

Deutsche Bahn auf Teil des ehemaligen Friedhofsgeländes angewiesen

Aber der Abriss der Kartoffelhalle ist nicht nur wegen der Pläne von Makita erforderlich. Nach Auskunft der Deutschen Bahn steht die Kartoffelhalle dort, wo in wenigen Jahren die neue S-4-Strecke verlaufen soll. Für zwei zusätzliche Gleise und eine Lärmschutzwand benötigt die Bahn einen zwölf Meter breiten Streifen entlang des Bahndamms und ist unter anderem auf Flächen von Makita angewiesen – darunter auch auf einen Teil des ehemaligen Friedhofsgeländes.

„Der Nutzungsbedarf der Bahn wird sich nicht in Bereiche mit vermuteten Grabstellen erstrecken. Diese bleiben in unserem Besitz“, verspricht Lars Vollmann. Dass das Areal, auf dem die vermuteten Gräber liegen, bebaut werde, schließt auch die Bahn aus. „Das ist alles exakt berechnet worden“, sagt Sprecher Peter Mantik. „Die Halle wird nur oberhalb der jetzigen Geländelinie zurückgebaut; die Fundamente werden großflächig um die Verdachtsflächen im Boden verbleiben.“

Denkmalschutzamt mit Planungen einverstanden

Auch das eingebundene Denkmalschutzamt ist mit den Planungen einverstanden. „Der Abriss der Halle wird sehr vorsichtig durchzuführen sein, damit dabei nicht in den Boden eingegriffen wird“, so Enno Isermann, Sprecher der Kulturbehörde. „Diesen Bereich dann mit einer kleinen Grünfläche zu bedecken, ist das Beste, was man dort machen kann. Denn ob dort tatsächlich noch Gräber sind, ließe sich nur durch Ausgrabung klären – das aber würde die Totenruhe stören.“

Rena Schneider ist anderer Meinung. „Ich finde das Ganze pietätlos. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, einen Teil vom Friedhof Ohlsdorf abzuzwacken, um dort Gleise zu verlegen. Es darf einfach nicht sein, dass Züge und Baustellenfahrzeuge über oder neben Grabstellen fahren.“

Die Lage der Gräber sei nicht mehr hundertprozentig feststellbar, und „jeder von uns weiß, dass der Mensch in Abschnitten verwest und seine Reste nach Jahrzehnten ganz bestimmt nicht mehr noch an ganz genau der gleichen Stelle zu finden sind. Was sagen die Angehörigen der Toten? Sind sie informiert oder gefragt worden?“

Rena Schneider ist es wichtig zu betonen, dass sie sich auch für die Bewahrung der Totenruhe auf christlichen, buddhistischen oder muslimischen Friedhöfen einsetzen würde. Sie sei weder Jüdin, noch gehöre sie einer der Bürgerinitiativen an, die gegen den mit viel Güterzugverkehr verbundenen Ausbau der Bahnstrecke protestieren. „Ich habe nur das Gefühl“, sagt sie, „dass hier etwas passiert, das nicht in Ordnung ist.“