Uni Hamburg

AfD-Gründer Bernd Lucke wehrt sich gegen AStA-Kritik

Der Wirtschaftswissenschaftler Bernd Lucke hatte die AfD 2013 mit gegründet. 2015 verließ er die Partei. Nun will er an der Universität Hamburg lehren.

Der Wirtschaftswissenschaftler Bernd Lucke hatte die AfD 2013 mit gegründet. 2015 verließ er die Partei. Nun will er an der Universität Hamburg lehren.

Foto: Frank Molter / dpa

„Ich werde mich nicht wegducken“ – Wirtschaftswissenschaftler lädt AStA zu Aussprache ein und weist Vorwürfe zurück.

Hamburg. AfD-Mitgründer Bernd Lucke wehrt sich gegen die Kritik an seiner Rückkehr als Professor für Volkswirtschaft an die Uni Hamburg: „Ich stehe zu meinen Überzeugungen und werde mich nicht wegducken“, sagt der 57-Jährige. Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) von Hamburgs größter Hochschule hatte am Montag zur Teilnahme an einer Protestkundgebung am 16. Oktober aufgerufen. An diesem Tag soll Luckes Vorlesungsreihe „Makroökonomik II“ im Hauptgebäude an der Edmund-Siemers-Allee beginnen.

Lucke verweist auf eine 27-seitige Dokumentation

Ein Vorwurf des AStA lautet, Lucke sei nach „rechts außen tolerant“. „Dass der Mensch, der eine Mitverantwortung für die heutigen gesellschaftlichen Verwerfungen in Deutschland trägt, ohne weiteres in den wissenschaftlichen Betrieb zurückkehren kann, ist in unseren Augen unzumutbar“, teilte der AStA mit. Auf Abendblatt-Anfrage schreibt Lucke in einer E-Mail: „Die Vorhaltungen des AStA sind falsch und unbelegt.“ Er verweist auf eine 27-seitige Dokumentation, die er dem AStA habe zukommen lassen. Die dazugehörigen Quellen habe er auf seiner Webseite zum Download hinterlegt.

Die Auflistung, die auch dem Abendblatt vorliegt, belegt Lucke zufolge, was er getan habe, „um ein Abdriften der AfD in neurechtes oder rechtsradikales Fahrwasser zu verhindern“. Lucke verweist etwa darauf, dass er sich schon in seinem ersten Mitgliederrundschreiben im April 2013 gegen Extremismus und Ausländerfeindlichkeit gewandt und dann mehrfach gegen „rechtslastige“ Mitglieder und AfD-Unterstützer vorgegangen sei.

Lucke hat Gespräch mit AStA der Uni Hamburg vereinbart

Lucke wehrt sich auch gegen den Vorwurf des AStA, es gebe „Zweifel an der Neutralität“ seiner Lehre. Lucke sei „radikal neoliberal“, schrieb der AStA. der eine „ideologiegelenkte Wissenschaft“ befürchtet. Lucke erklärt dazu: „Meines Wissens hat nie ein AStA-Vertreter an meinen Lehrveranstaltungen auch nur kurzfristig teilgenommen. Ich lade den AStA dazu ein, meine Veranstaltungen dieses Semester zu besuchen und dann ein Urteil zu fällen.“ Er habe mit dem AStA ein Gespräch vereinbart.

Der AStA teilt mit, Lucke lenke von den „eigentlichen Kritikpunkten“ ab. „Er hat nicht dazu aufgerufen, den rechten äußeren Rand mitzunehmen. Wir kritisieren, dass er sich von solchen Tendenzen hat mittragen lassen.“ Es sei Luckes Recht, auf seine Stelle zurückzukehren. „Wir sind aber dagegen.“ Ein Gespräch mit Lucke könne der AStA „erst später wahrnehmen“, da der sich zunächst um Studienanfänger kümmern müsse.

Luckes Wiederwahl in das Europaparlament scheiterte

Lucke hatte sich nach seiner gescheiterten Wiederwahl in das Europaparlament entschieden, an die Uni zurückzukehren. Er war von 2014 an im Sonderurlaub gewesen. „Außer vom AStA erlebe ich an der Uni überhaupt keinen Gegenwind“, schreibt Lucke. „Ich werde überall sehr freundlich aufgenommen. Von den Studenten meines Fachbereichs hat es meines Wissens keinerlei kritische Reaktionen gegeben und ich erwarte auch keine.“ Lucke distanzierte sich erneut von der AfD. „Eine islam- und fremdenfeindliche Partei halte ich für unwählbar.“ Er hatte die AfD 2015 aus Protest verlassen und die Partei der Liberal-Konservativen Reformer (LKR) gegründet.

Wissenschaftler beurteilen Luckes Rolle unterschiedlich. „Bernd Lucke hat für die AfD als Feigenblatt fungiert; er war das bürgerlich-professorale Gesicht der Partei, das es dem Rechtsradikalismus erst erlaubt hat, aus seiner Nische zu kommen“, sagt Matthias Quent, Rechtsextremismusforscher am außeruniversitären Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena, das vom Freistaat Thüringen gefördert wird. „Inzwischen ist die AfD massiv nach rechts gerückt. Ohne Lucke hätte es diese Entfesselung nicht gegeben“, sagt Quent. Von den Wahlerfolgen der AfD im Jahr 2014 in Ostdeutschland habe sich Lucke mittragen lassen und dabei in Kauf genommen, dass diese Erfolge unter Beteiligung der rechtsnationalen Flügel-Gruppierung der AfD und ihrer Vertreter wie Bernd Höcke erreicht wurden.

Wegen dieser Rolle dürfe man Lucke aber nicht seinen Posten als Professor verwehren. „Er ist kein Extremist.“ Die Meinungsfreiheit und die Autonomie an den Universitäten müsse gewahrt bleiben. „Ich kann trotzdem die Empörung der Studierenden verstehen“, sagt Quent. „Dass Lucke zurückkehrt, müssen sie zwar aushalten, aber nicht ohne einen kritischen Diskurs.“

Milderes Urteil über Lucke aus Dresden

Ein milderes Urteil über Lucke fällt der emeritierte Professor Werner Patzelt aus Dresden. Der Politikwissenschaftler war anderem durch Einschätzungen zur AfD und zu der fremdenfeindlichen „Pegida“-Bewegung bekannt geworden. Kritiker werfen ihm eine zu große Nähe zu seinen Forschungsgegenständen vor. „Bernd Lucke hat sich gegen den Zustrom von Rechtsradikalen in die AfD nach Kräften gewehrt, aber diesen Kampf letztlich verloren“, sagt Patzelt. „Es ist eine große Errungenschaft der europäischen Universität, dass sie einen offenen Zugang bietet für verschiedene wissenschaftliche und menschliche Positionen. Das ermöglicht erst einen kritischen Diskurs und die Chance, Neues zu entdecken.“ Es sei ein „Alarmzeichen für die politische Kultur, wenn Mitglieder einer Hochschule Menschen mit anderen politischen Einstellungen nicht in ihrer Nähe dulden wollen“, sagt Patzelt.