Abendblatt-Serie

Hamburgs starke Frauen: Die Schöne auf dem Blankeneser Berge

Friederike Klünder war eine reiche Frau – und setzte sich für die Ärmsten der Armen ein.

Friederike Klünder war eine reiche Frau – und setzte sich für die Ärmsten der Armen ein.

Foto: HA

Immer dienstags ein neues Porträt. Heute: Friederike Klünder, die armen Fischerfamilien mit Arbeit und Impfstoffen half.

Blankenese.  Anfang des 19. Jahrhunderts: In dem Fischerdorf herrscht große Not. Die Menschen sind bitterarm, eine schlimme Seuche plagt die Bevölkerung, und die Kontinentalsperre beraubt die Fischerfamilien ihrer wirtschaftlichen Existenz. Das Leid ist unfassbar groß. Es bewegt auch eine Frau, die von all diesen Sorgen eigentlich nicht betroffen ist: Friederike Klünder, Gattin eines reichen Mannes. Friederike und ihr Angetrauter werden zu Rettern der Blankeneser Bevölkerung. „Friederike Klünder hat mich sehr fasziniert“, sagt die Blankeneserin Maike Holst. „Diese feine Dame ging zu den Ärmsten der Armen, um zu helfen, sie hatte dabei keine Berührungsängste. Sie scherte sich nicht um Standesunterschiede. Für sie stand immer nur der Mensch im Vordergrund.“

Kuhpocken-Epidemie in Hamburg

Die junge Friederike kommt durch Heirat mit dem Bankierssohn Rütger Heinrich Klünder nach Hamburg. Klünder kauft 1799 das Gelände des jetzigen Hesseparks, um hier ein Landhaus zu errichten und einen Park anzulegen. Friederike ist neugierig auf ihre neue Heimat, macht sich schnell daran, die Umgebung zu erkunden – und entdeckt dabei bittere Armut und Krankheit. „In dieser Zeit grassiert die Kuhpocken-Epidemie“, erzählt Maike Holst. „Friederike sieht, wie Kinder und auch Erwachsene aus der Nachbarschaft entsetzlich leiden. Sie haben hohes Fieber, ihre Gesichter und ihre Körper sind von eitrigen Beulen übersät, und sie sterben unter entsetzlichen Qualen.“ Die hoch ansteckende Krankheit endet meist tödlich. „Und die, die überlebten, behielten oft ihr Leben lang schreckliche Pockennarben – auch im Gesicht“, fährt die ehemalige Lehrerin fort. „Das Leiden der armen Kinder trieb Friederike Klünder ebenso um wie ihre eigene Ohnmacht.“

Da hört sie eines Tages von einem Impfstoff gegen die Pocken. In Altona, erfährt Friederike, gebe es ein Institut, in dem ein Serum gegen die Pockenkrankheit bereitgehalten wird. Die „Schöne auf dem Berge“, wie sie genannt wird, nimmt Kontakt mit dem Institut auf, lernt alles über die Wirksamkeit des Impfstoffs und auch, wie man ihn verabreicht.

Friederike Klünder impft die Bevölkerung

Und dann macht sich Friederike Klünder daran, die Menschen zu retten: „Als Erstes hat sie sich und ihre Familie geimpft, und dann ist sie in die Hütten gegangen und hat die Dorfbewohner über die Blatternimpfung aufgeklärt“, sagt Maike Holst. Die aber reagieren angstvoll und misstrauisch. Erst als Friederike ihre blühend aussehenden Kinder mitnimmt, deren Impfnarben als Beweis dienen, dass die Impfung nicht geschadet hat, beginnen die verängstigten Menschen, ihr zu vertrauen. Mehr als 2000 Impfungen nimmt sie zwischen 1805 und 1832 vor und führt darüber in ihrem „vaccinationsbuch“ gewissenhaft Protokoll. Tausende kann sie retten.

Doch kaum hat Friederike begonnen, sich um die Gesundheit ihrer Mitbürger zu kümmern, bricht mit Napoleons Kontinentalsperre neues Leid über die Blankeneser Fischer herein: Die wichtigen und lukrativen holländischen Märkte entfallen. Und wieder leiden die Jüngsten. Friederike blickt in vereiterte Kinderaugen, kleine Hände strecken sich ihr entgegen, die verzweifelt um einen Kanten Brot betteln. Was soll sie nur tun? Einfach nur Brot zu verteilen, wird das Problem nicht lösen.

Heimarbeit mit Spinnrädern

Und dann hat sie eine Idee: Sie hat beobachtet, dass viele Frauen Spinnräder besitzen. Wie wäre es, die Fischerinnen zu beauftragen, Garne zu spinnen und Tücher zu weben, um diese zu vermarkten? „Mit drei Frauen hat sie angefangen, aber es wurden immer mehr, sie alle wollten von der unerwarteten Verdienstmöglichkeit profitieren und so das Auskommen von sich und ihren Familien sichern“, erzählt Maike Holst. Gearbeitet wird zu Hause: „Die Häuser hatten alle große Dielen, in denen die Frauen schon früher gesponnen und gewebt hatten. Ihre Aufgabe war es gewesen, die Segel, Taue und Netze für die Boote ihrer Männer herzustellen“, erklärt die Autorin.

Während Friederike also für die Frauen eine Verdienstmöglichkeit schafft, tut ihr Gatte Rütger alles, um die Männer in Lohn und Brot zu bringen. Er lässt eine Ölmühle bauen und stellt die arbeitslosen Fischer ein. Doch auch das ist dem Ehepaar nicht genug: Die beiden gründen eine Armenhilfe für Alte, Kranke und Behinderte. Blankenese geht es besser – dank der Klünders.

Parkweg nach Friederike Klünder benannt

Doch Friederike Klünder und ihr Wirken gerieten in Vergessenheit. „Es war für meinen Mann und mich erschütternd, dass man diese Frau gar nicht mehr kannte“, sagt Maike Holst. Dem wollte das Ehepaar mit einem Aufsatz in seinem Buch über Blankeneser Frauen entgegenwirken. Und nach langem Kampf ist es den beiden gelungen, dass Friederike mit der Benennung öffentlichen Raums geehrt wird: Ein bisher namenloser Weg quer durch den Hessepark trägt künftig ihren Namen.