Heilpflanzen

"Huch-Kraut" und mehr: Was alles im Niendorfer Gehege wächst

Die kräuterkundige Ökotrophologin Chrissi Breyer mitten im Springkraut, das sie gern „Huch-Kraut“ nennt

Die kräuterkundige Ökotrophologin Chrissi Breyer mitten im Springkraut, das sie gern „Huch-Kraut“ nennt

Foto: Michael Rauhe

Seit 2017 bietet Chrissi Breyer Kräutertouren an. Das Abendblatt hat die gelernte Ökotrophologin bei einer Exkursion begleitet.

Hamburg.  Chrissi Breyer watet über eine Wiese im Niendorfer Gehege. Die Sommersonne steht im Zenit und lässt die Äpfel hellgrün leuchten. Die Mittagsstille eines heißen Julitages liegt über dem Großstadtbiotop, Ameisen krabbeln über die Sportschuhe, dann über die Waden der kräuterkundigen Frau, als sie sich dem Johanniskraut nähert, das bei depressiven Verstimmungen hilft.

Chrissi Breyer kennt die Wege, Pfade und Schneisen im Niendorfer Gehege, dem 142 Hektar großen Waldgebiet in Eimsbüttel. Wo Haustierhalter ihre Vierbeiner spazieren führen, erkundet sie abseits der populären Wege die geheimnisvolle Welt der Pflanzen und Kräuter. Seit 2017 bietet die gelernte Ökotrophologin, Diabetes-Assistentin und ausgebildete Pflanzenexpertin Kräutertouren durch das Niendorfer Gehege an. Es ist eine Exkursion für alle Sinne in einem grünen Paradies. Schließlich heißt es in der Publikation­ „Hamburger Pflanzenatlas“ mit einem Vorwort von Loki Schmidt: „Hamburg ist die grünste Metropole Europas und gilt als Zentrum der Artenvielfalt. Insgesamt 1546 Pflanzenarten kommen hier wild wachsend vor.“

Kräuterverliebt und kräuterkundig

Ein Musiker, ebenfalls kräuterverliebt und kräuterkundig, begleitet die 51-Jährige bei einer Tour für die Abendblatt-Reporter. Wir bleiben im Schatten des Waldes vor einer Spezies stehen, die Springkraut genannt wird. Fast jedes Kind kennt die Kapselfrüchte. Wenn sie reif sind, reagieren sie auf kleinsten Druck und schleudern den Samen wie kleine Schrotkugeln durch die Lüfte. Chrissi Breyer nennt die Pflanze deshalb das „Huch-Kraut“, weil es bei den Betrachtern eben genau diesen verbalen Effekt auslöst.

Lecker! Wir werden aufgefordert, vom Samen zu naschen, und nehmen die unbekannte Naturspeise voller Vertrauen aus der Hand der Kräuterkundigen. Schließlich hat sie ihr Wissen erworben und perfektioniert bei der Hamburger Heilpraktikerin und Kräuterkundlerin Daniela Wolff. Das klitzekleine Samenkorn schmeckt nussig, und spätestens nach drei Stück ist man satt. Andere Wildkräuterkenner haben beobachtet: Röstet man die Samen etwa eine Minute ohne Öl in einer Pfanne, springen sie herum wie Popcorn und schmecken anschließend intensiv nach Pommes frites.

Hobby zum Beruf gemacht

Nur gesünder. Es war ein Traum, der Chrissi Breyer die Welt der heimischen Wildpflanzen erschlossen hat. Denn Krankheit heilt und Linderung schafft geheimer Kräuter Wunderkraft. Sie hatte vor einigen Jahren gesundheitliche Pro­bleme, da erschien ihr nachts im Traum eine Frau. Sie nannte ihr zwei Kräuter, die helfen können – Huflattich und Spitzwegerich. „Ich hatte damals gar keine Ahnung von Wildkräutern“, erinnert sie sich.

Die Mittel aus der Apotheke der Natur halfen Crissi Breyer tatsächlich, und so wollte sie mehr darüber erfahren. Nach der Kräuterkundigenausbildung machte sie ihr Hobby zum Beruf und verkaufte Kräuter auf Wochenmärkten. Zwei Jahre ging das so auf Märkten in Eimsbüttel, der Isestraße und anderen. Sie hatte Kräuter aus Biogärtnereien im Sortiment, darunter Eibisch, Dill, Zitronenverbene.

Touren für Erwachsene und Kinder

Nun bietet sie Touren für Erwachsene und Kinder an. Frauen jeden Alters sind dabei und zunehmend auch Männer. Sie alle werden begrüßt mit den Worten: „Ihr könnt ernten.“ Und damit alles hygienisch einwandfrei abläuft, hat die Kräuterfrau immer frisches Wasser dabei.

„Danke, liebe Schafgarbe“, ruft Chrissi Breyer dem weißen Korbblütler zu, der im Sommerlicht um die Wette wuchert. Schafgarbe, das hat sie selbst ausprobiert, hilft bei Menstruationsbeschwerden, wirkt blutstillend.

Fruchtig wie eine Ananas schmeckt dagegen die Strahlenlose Kamille, die am Wegesrand unscheinbar blüht. „Ein typisches Unterwegskraut“, sagt sie. „Es hilft bei Blähungen und Bauchweh.“ Danach zeigt sie uns im Dickicht des Niendorfer Waldes das Hexenkraut. Der Pflanzenmythologie nach soll es in der Lage sein, dass Männer vermehrt von Frauen angelockt werden. Außerdem bietet es, an Haus und Stall gehängt, Schutz vor allerlei Gefahr. In der Naturmedizin dient es der Wundbehandlung.

Eine Pflanze schmeckt wie Ziegenkäse

Schließlich fordert uns die Kräuterfrau auf, den Gundermann zu berühren, an ihm zu riechen (nach Zitrone!) und dann zu kosten. Schmeckt nach … Ziegenkäse. Auch dürfen wir die rote Frucht der Eberesche probieren, nur eine einzige dieser Vogelbeeren, weil sie leicht giftig sind. Dafür enthalten sie ganz viel Vitamin C. So erspart die Kräutertour durch das Niendorfer Gehege am Ende gleich zweierlei – den Einkauf im Supermarkt und den Besuch einer Apotheke. Nach nur wenigen Bissen von Mutter Natur ist man kalorienarm und vegan satt und womöglich gesünder.

Auf jeden Fall schlauer.

Die nächsten Termine für einen Kräuter­spaziergang im Niendorfer Gehege: 14. August, 18.30 Uhr; 17. August, 12 Uhr.

Kräutertour für Kinder: 31. August, 13 Uhr. Kinder bezahlen 6,50 Euro, Erwachsene 13 Euro. Weitere Informationen:

www.chrissis-kraeuterwelt.de