Verkehrswende

Als Radfahren in Hamburg noch Rebellion war

Deutschland in den 70ern: Wer mit dem Rad unterwegs war, galt als Exot.

Deutschland in den 70ern: Wer mit dem Rad unterwegs war, galt als Exot.

Foto: Imago/Werner Otto

Es ist eine späte Liebe: Noch vor zwei Jahrzehnten spielte das Velo in Hamburgs Straßenverkehr kaum eine Rolle.

Hamburg.  Was waren das noch für Zeiten! Wir Radler waren Rebellen. Fahren konnten wir in Hamburg überall, auf Wanderwegen an der Alster, falsch herum in sämtliche Einbahnstraßen und als Geisterfahrer auf jedem der wenigen Fahrradwege. Wir hatten keine Rechte, also nahmen wir sie uns: Lampen leuchteten nur sporadisch, Helme waren Hüte für Spießer, und Regeln waren zum Brechen da. Wer vor einem Vierteljahrhundert in der Hansestadt freiwillig Fahrrad fuhr, hatte etwas Anarchisches in sich. Und vielleicht auch etwas Selbstmörderisches. Nicht einmal jeden zehnten Weg legten die Hamburger damals mit dem Rad zurück.

Wie sich die Zeiten ändern: Heute ist das Radfahren zur Massenbewegung geworden: Plötzlich sind nicht nur auf allen Straßen Radler unterwegs, sondern sie beherrschen die Schlagzeilen. Radfahren ist in. Hamburg spricht über Velorouten, Radprogramme, die Fahrradoffensive. Jeder, der noch etwas werden will, lässt sich im Sattel ablichten. Und immer mehr steigen vom Auto aufs Rad um. Der Fahrradanteil hat sich auf 18 Prozent verdoppelt. Damit verdrängt die Straßenverkehrsordnung zwangsläufig das Anarchische. Das Rad hat die kritische Masse erreicht – es ist wie bei der Motorisierung der jungen Bundesrepu­blik. Erst als immer mehr Autos fuhren, führte die Regierung 1957 Tempo 50 in Ortschaften ein.

Das Rad kennt keinen Stau

Das Fahrrad steht vor einem Durchbruch wie einstmals das Auto im Wirtschaftswunder: Denn es ist – abgesehen von den klimatischen Einschränkungen in Hamburg – das optimale Verkehrsmittel für die Stadt: Es kennt keinen Stau und ist pünktlicher als jeder Bus und jede Bahn; es macht die Stadt lebenswerter, weil es emissionsfrei ist und weniger Platz verbraucht – vor allem ist es gesund. In einer wachsenden Stadt, die seit 2011 rund 120.000 Einwohner gewonnen hat, wachsen die Verkehrsströme mit; sie zu leiten und zu verteilen wird zu einer Lebens- und Überlebensfrage von Metropolen. Gerade für kurze und mittlere Distanzen ist das Fahrrad die bessere, schnellere und umweltfreundlichere Alternative. Das Radeln verändert nicht nur das Leben der Menschen, sondern auch das Lebensgefühl einer Stadt.

Seit einigen Jahren pilgern Stadtentwickler in die dänische Hauptstadt, um dem Rätsel der Kopenhagisierung auf die Spur zu kommen. Die Dänen haben schon in den 80er-Jahren einen Paradigmenwechsel eingeleitet und den Schwerpunkt vom Auto aufs Fahrrad verlagert. Jede Zweite pendelt mit dem Rad zur Arbeit, zur Schule oder Universität, 30 Prozent aller Wege legen die Dänen auf zwei Rädern zurück. Und vier von fünf Kopenhagener nutzen das Rad – vor einem Jahrzehnt war es nur jeder zweite. Es ist spannend, die Umsteiger nach ihren Gründen zu befragen: Es ist schneller, sagen 51 Prozent.

Menschliches Maß respektieren

Und ein Drittel argumentiert, es sei bequemer. In allen internationalen Städterankings liegt Kopenhagen inzwischen weit vorne. Die etwas langweilige Metropole des 20. Jahrhunderts hat sich zur In-Stadt des 21. Jahrhunderts gemausert. Einer, der diesen Weg mitgeprägt hat, ist Jan Gehl. Der dänische Stadtplaner hat es auf den Punkt gebracht: Eine Stadt ist nach seiner Definition dann lebenswert, wenn sie das menschliche Maß respektiert: „Wenn sie also nicht im Tempo des Automobils, sondern in jenem der Fußgänger und Fahrradfahrer tickt“, sagte er „Brand eins“. Wenn sich auf ihren überschaubaren Plätze und Gassen wieder Menschen begegnen können. Darin besteht schließlich die Idee einer Stadt.“

Nun ist Hamburg nicht Kopenhagen – die dänische Hauptstadt hat nur knapp 600.000 Einwohner und ist mit einer Fläche von knapp 90 Quadratkilometern nicht viel größer als der Bezirk Altona. Mit dem Großraum Kopenhagen aber kommt die Metropole an Hamburg heran. Beide Städte haben ein vergleichbares Klima (auch wenn es in Hamburg etwas mehr regnet), eine vergleichbare flache Topografie und blicken auf eine gemeinsame Geschichte der autogerechten Stadt. Die Verkehrswende ist machbar – auch an Alster und Elbe.

Züge von Sadismus

Hamburg muss dabei nicht immer auf Kopenhagen schielen: Auch ein Blick nach Holland öffnet Augen. Selbst Bremen, ja, ausgerechnet Bremen, liegt mit einem Radanteil von 25 Prozent meilenweit vor Hamburg. Verwundern kann das kaum: Viele Fahrradwege in Hamburg spotten jeder Beschreibung: Einige sind nicht breiter als ein Handtuch, andere als Parkplätze für Sportwagen zweckentfremdet, wieder andere erinnern eher an Hindernisparcours, die mit Pollern und einem Schilderwald eng bepflanzt wurden.

Die Idee, Radler ausgerechnet auf eine gemeinsame Spur mit XXL-Bussen zu zwingen, trägt Züge von Sadismus, die Ampelschaltungen erfüllen jeden Tatbestand des Mobbings, und Kopfsteinpflasterstraßen mögen ein Segen für Reparaturservices sein, für Radler sind sie eine Zumutung. Eine grüne Welle lässt noch auf sich warten wie konsequente Radschnellwege in die Stadt.

Stiefkinder von einst sind heute die Lieblinge

Verkehrspolitik lässt sich so wenig über Nacht verändern wie das Verhalten der Menschen. Aber die Masse hat sich in Bewegung gesetzt: Grüne und Schwarze, Hippies und Anzugträger, Rebellen und Rechtsanwälte entkommen strampelnd dem Stau. Und die Politik reagiert, erklärt die Stiefkinder von einst nun zu ihren Lieblingen. Der Anteil der Radler in Hamburg soll bis zum Jahr 2025 auf 25 Prozent steigen. Für eine Millionenstadt wären das phänomenale Werte.

Hamburg könnte das neue Kopenhagen werden. „Städte konkurrieren heutzutage nicht mehr mit den breitesten Straßen, der größeren Zahl an Parkplätzen oder dem billigeren Land um Kapital und Köpfe“, sagt Gehl, „sondern mit Lebensqualität“. Und erzählt: „Als meine Frau und ich vor einiger Zeit unseren 45. Hochzeitstag feierten, sind wir die 20 Kilometer von unserem Haus zum Restaurant quer durch die Stadt geradelt. Wir haben nicht groß darüber nachgedacht. Damals jedoch, als wir heirateten, wären wir auf dem Rad nicht lebend durch Kopenhagen gekommen. Dieser Wandel, den meine Stadt seither geschafft hat, bedeutet für Zigtausende eine Verbesserung ihrer Lebensqualität. Mal abgesehen von dem nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass ich mir als Radfahrer ein Glas Rotwein mehr erlauben kann.“

Was werden das für Zeiten!