Stadtgeschichte

Steilshoop: Eine Utopie, in Beton gegossen

Anfang der 70er: Kinder auf der Baustelle in Steilshoop­.

Anfang der 70er: Kinder auf der Baustelle in Steilshoop­.

Foto: ullstein bild

Vor 50 Jahren startete der Bau der Großsiedlung Steilshoop. Was als „Stadt der Zukunft“ gedacht war, scheiterte an seiner Gegenwart.

Hamburg. Bei der Grundsteinlegung für den Stadtteil der Zukunft im Juli 1969 spielte das Musikkorps der Bramfelder Freiwilligen Feuerwehr auf, der Zweite Bürgermeister Wilhelm Drexelius war erschienen, und Baudirektor Arthur Dähn feierte Steilshoop in Superlativen: 7200 Wohnungen für 24.000 Menschen sollten hier entstehen, 22 Innenhöfe „größer als der Innocentiapark in Harvestehude“, insgesamt eine halbe Milliarde Mark sollte investiert werden. Das Abendblatt notierte: „Bei Bier und Knackwurst wurde aus der Grundsteinlegung ein kleines Volksfest.“

Dabei startete der Großprojekt mit den hochfliegenden Träumen mit Verzögerung: Ursprünglich sollte es schon 1964 losgehen. Doch mehrfach war das Großprojekt verschoben worden – der Ortsausschuss Bramfeld wollte den Plänen für die Großsiedlung nur unter der Bedingung zuzustimmen, dass die Hochbahn für die Bewohner erträgliche Verkehrsverbindungen schafft. Auf die damals versprochene U-Bahn warten die 20.000 Steilshooper immer noch.

1964 stand im Abendblatt: „Wichtig wird sein, dass rechtzeitig mit dem Bau der geplanten U-Bahn-Verbindung begonnen wird, da Bramfeld mit Steilshoop fast 100.000 Einwohner hat und eine Schnellbahnverbindung zur Stadtmitte unbedingt benötigen wird.“ Die Politik zeigte Pläne und versprach: 1980 sollten die Bahnen rollen. Wie man sich irren kann. Nun soll 2021 der Bau der U 5 beginnen, die in Bramfeld und Steilshoop halten soll – mit rund 50 Jahren Verspätung.

Planungen gehen bis in 50er-Jahre zurück

Die Planungen für Steilshoop gehen bis in die 50er-Jahre zurück, 1960 schrieb die Stadt einen internationalen Ideenwettbewerb aus. Geplant war südlich des Ohlsdorfer Friedhofs, zwischen Barmbek und Bramfeld, nicht weniger als eine „Stadt der Zukunft“. Die Fläche, auf der damals noch Kleingärten und 2000 Behelfsheime standen, sollte großzügig überplant werden: Insgesamt sollten dort 7200 Wohnungen entstehen, mehrere Schulen, Kirchen, Sportplätze und eine Sporthalle, ein Altenheim, aber auch „ein Fernmeldeamt und ein Heim der offenen Tür für die Jugend“. Hier sollte die passende Schlafstadt zur neuen Bürostadt City Nord in den Hamburger Himmel wachsen. 1969 begann der Bau der ersten beiden Wohnblöcke mit 536 Wohnungen.

Von vornherein wollten die Planer die Fehler früherer Wohnsiedlungen vermeiden: „In dem Bestreben, aufgelockerte Siedlungen zu schaffen, wurden oft bisher weit auseinander gelegene Wohnhäuser gebaut, in denen die Menschen isoliert lebten. Es gab keine Nachbarschaft“, hieß es damals. In Steilshoop sollten die Wohnblöcke deshalb gigantische Innenhöfe bekommen – mit Gärten für Mieter, Spielplätzen für Kinder und Ruhezonen für Senioren.

„Ein Biotop für Lehrer und Sozialpädagogen“

Die bis zu vierzehngeschossigen Blöcke mit ihren etwa 800 Menschen galten als aufgestapeltes Dorf. Der damalige Bausenator Cäsar Meister freute sich auf einen abwechslungsreichen Betonring: „Wir haben nur die Grundform vorgeschrieben. Den Architekten soll jede Freiheit eingeräumt werden.“ Die Innenhöfe sollten an die Sozialbauten des großen Oberbaudirektors Fritz Schumacher erinnern, die Dachwohnungen und Erdgeschosse mit dem Eigenheim auf der grünen Wiese konkurrieren. Die Presse feierte diese Ideen als „Musterbeispiel“: „Das sind Wohnungen“, lautete eine Überschrift.

Die Fantasie der Planer sprengte alle Grenzen; wie Sozialingenieure schufen sie ihre Vision von einer Stadt der Zukunft, ein betongewordenes Utopia, eine Wohnmaschine der kurzen Wege: Das Einkaufszentrum sollte für alle fußläufig erreichbar sein, ebenso Schulen und Sportstätten. Die Hamburger Landesplanung zeigte sich damals überzeugt, „dass die Wohnstadt Steilshoop weltweite Beachtung finden und Beispiel geben wird“. Im Dachgeschoss der Hochhäuser entstanden Gemeinschaftseinrichtungen mit Partyraum, Terrasse, Sauna oder Duschen. Das Abendblatt staunte über „Gemeinschaftssauna mit allen Schikanen“ – ohne die Schikanen näher auszuführen.

Der Reformeifer wuchs mit jedem Betonblock: Schließlich wagten der Senat und die Saga in Steilshoop ein besonderes Wohnprojekt am Gropiusring 42: Die 188 Bewohner sollten nicht in kleinen Wohnungen vereinzeln, sondern in große Wohngemeinschaften ziehen. Familien und Studenten, Lehrlinge und Lehrer, Selbstständige und Arbeiter sollten zusammen planen, wohnen, leben. Die Privaträume in diesem Block VI waren eher klein gehalten, Gemeinschaftsräume hingegen großzügig. Die Dachterrasse ersetzte Balkone, statt Abstellräumen gab es einen Kinderhort, eine Teestube und Tischtennisraum. Michael Gatermann zog 1973 als Student in den gerade fertiggestellten Block VI. Die brandneuen Wohnungen waren so modern wie attraktiv: In seiner Gemeinschaft mit sechs Bewohnern gab es zwei Bäder und eine große Gemeinschaftsküche, auf der Dachterrasse wurde regelmäßig gegrillt. Bald dämmerte dem 19-jährigen Studenten: „Das war ein Biotop für Sozialpädagogen und Lehrer.“

Wohnmodell schrieb international Schlagzeilen

Hinter dem mutigen Konzept standen der Architekt Rolf Spille und sein Verein „Urbanes Wohnen“ – er wollte Wohnen und Leben neu denken, die Mieter sollten ihre Grundrisse selbst gestalten, die Wände und Türen waren verschiebbar. Möglich war, was gefiel: Wohnkollektive und freiwillige Familien, 18-Zimmer-WGs, skurrile Grundrisse. Spille schlug ein Kommunikationsbad mit zwei Badewannen vor, in denen zugleich bis zu vier Personen ins Wasser steigen konnten. Ein Solidaritätsfonds sollte arme Mieter des Wohnmodells unterstützen. Zur Grundsteinlegung im Block VI reiste der damalige Bundesminister Lauritz Lauritzen (SPD) im August 1972 persönlich an.

Schon Monate zuvor waren die zukünftigen Bewohner in kleinen Gruppen zusammengekommen, um sich in Diskussionen auf das neuartige Wohnen vorzubereiten. Sie trugen seltsame Namen, die auch auf den Klingelschildern standen und jeden Briefträger Nerven kosteten: Rote Rübe, Waldfrieden, Panik, Prinz Eisenherz, Grautvornix. Was mit viel Verve, Optimismus und Revolutionsgeist startete, scheiterte bald an den Realitäten im Alltag. Viele sehnten sich nach bürgerlichen Wohnformen zurück, andere waren bald die ewigen Debatten- und Diskussionszirkel leid.

Jeden Donnerstag um 20 Uhr stand eine Sitzung im Glashaus auf der Dachterrasse an. „Das waren quälende Veranstaltungen“, erinnert sich Gatermann. „Das ging los mit Endlosdebatten um die Tagesordnung und endete mit Grundsatzreferaten zum Zusammenleben.“ Zudem nervte viele der Lärm der jahrelangen Baustelle – und die schlechte Anbindung. „Wir hatten das Gefühl, am Ende der Stadt zu leben.“ Gatermann floh nach drei Monaten aus dem Block VI.

Hohe Mietrückstände

Eine ZDF-Langzeitreportage begleitete sechs Paare, die 1973 nach Steilshoop gezogen waren. Als die Reportage im November 1974 ausgestrahlt wurde, war nur noch ein Paar geblieben. Auch bei der Saga sah man das Projekt bald deutlich kritischer: Sie beklagte hohe Mietrückstände gerade bei den Studenten-WGs – die Jurastudenten machten beispielsweise Mietminderungen wegen des Baulärms geltend. Die raschen Mieterwechsel stellten das Konzept bald infrage: Viele verließen ihr Utopia rasch wieder, dafür zogen immer mehr Arme, Arbeitslose und Ausländer in die günstigen Sozialwohnungen.

Was als Weltsensation und Sozialutopie begann, verwandelte sich binnen weniger Jahre in einen sozialen Brennpunkt.