Medizin

UKE-Professorin erklärt, wie Kinder gesund aufwachsen

Prof. Ania C. Muntau, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, sprach unter anderem über die Impfproblematik.

Prof. Ania C. Muntau, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, sprach unter anderem über die Impfproblematik.

Foto: Roland Magunia / HA

Welche Vorsorge wichtig ist und wie notwendig Impfungen sind. Rat an Eltern: „Lassen Sie auch mal locker“.

Hamburg. Wenn Kinder über Kopf- oder Bauchschmerzen klagen, oft müde sind und trotzdem abends schwer in den Schlaf finden, denken Erwachsene an diverse Ursachen – aber selten an Überforderung. „Viele Eltern merken gar nicht, wie angestrengt ihre Kinder sind“, sagte die Professorin Ania C. Muntau in ihrem Vortrag an der Gesundheitsakademie des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE). Die Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin sprach von einer „Optimierungswelle“.

Muntau zufolge haben etliche Kinder „einen Terminkalender vergleichbar mit den Chefs großer Unternehmen“. Nach der Schule eile der Nachwuchs jeden Tag etwa in den Sportverein, zum Musik- oder Chinesisch-Unterricht und sei deshalb kaum mehr in der Lage, „einfach mal mit sich und für sich“ zu sein. „Kindern den Raum zu geben, einfach mal gar nichts zu tun – ich glaube, das gibt es kaum noch“, sagte Muntau.

Impfungen sind wichtig

Die UKE-Forscherin zitierte wissenschaftliche Untersuchungen, die ihre Einschätzung stützen. Nach einer Studie der Universität Bielefeld leiden jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugend­liche unter hohem Stress. Mögliche Folgen­ seien Depressionen, Versagensängste und ein erhöhtes Aggressionspotenzial. Muntau rät Eltern, „auch mal lockerzulassen“. „Leben Sie Gelassenheit vor, vermitteln sie realistische Erwartungen, vermeiden Sie Leistungsdruck“, sagte die Kinder- und Jugendärztin in ihrem Vortrag, den sie mit dem Titel überschrieben hatte: „Für starke Kinder – Kinderkrankheiten vorbeugen, erkennen und behandeln“.

Auch mal lockerzulassen, das dürfe keinesfalls für Impfungen gelten, sagte Muntau. „Impfungen gehören zu den effektivsten und zugleich sichersten Vorsorgemaßnahmen der Medizin.“ Das Risiko für einen Schaden durch Impfungen sei viel kleiner als das Risiko für Erkrankungen, zu denen es durch einen Verzicht auf Impfungen kommen kann. Vielen jungen Eltern falle die Entscheidung für das Impfen zwar nicht leicht, weil sie durch eine kontrovers geführte öffentliche Debatte verunsichert würden. Aus Sicht von Kinderärzten gelte es jedoch als gesichert, dass Impfungen vor ansteckenden Krankheiten schützen, die teils nur eingeschränkt oder gar nicht behandelbar seien und mitunter lebensbedrohlich verliefen.

Gesamtgesellschaftliche Verantwortung

Muntau verwies etwa auf Maserninfektionen. Typische Symptome dieser Erkrankung sind hohes Fieber und rotfleckiger Ausschlag. Bei einem Kind von 1000 Kindern kommt es in Folge der Erkrankung zu einer Gehirnentzündung, die bleibende Schäden hinterlassen oder tödlich enden kann. Kinder sollten einen umfassenden Impfschutz erhalten, um möglichst gesund aufzuwachsen, sagte Muntau und verwies auf den Impfkalender für Säuglinge, Kinder und Jugendliche, der auf Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) basiert. Allerdings gehe es bei Impfungen nicht nur um den Schutz für das eigene Kind, sagte Muntau. Vielmehr sei damit auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung verbunden, weil sich durch Impfungen die Verbreitung von Infektionskrankheiten stoppen lasse. Davon profitierten auch Menschen, die nicht geimpft werden können, etwa weil ihr Immunsystem stark geschwächt ist.

Um eine altersgerechte, gesunde geistige und körperliche Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen zu unterstützen, sollten Eltern mit ihrem Nachwuchs zu den Vorsorgeuntersuchungen (U1– U9) in den ersten sechs Jahren und im Alter von zwölf bis 14 Jahren (J1) gehen. Die von den Krankenkassen bezahlten Untersuchungen orientieren sich an Entwicklungsschritten, die stark variieren können, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt vollzogen sein sollten. Vor allem in den ersten Lebensjahren könnten Mediziner bestimmte Krankheiten noch heilen oder die Folgen deutlich vermindern, wogegen sich später nur noch die Symptome lindern ließen, sagte UKE-Medizinerin Muntau. Das gelte etwa bei Hüftleiden, einigen Herzkrankheiten und Stoffwechselerkrankungen.

Jedes siebte Kind ist übergewichtig

Etwa jedes siebte Kind in Deutschland ist übergewichtig oder sogar fettleibig. Das geht aus der KiGGS-Langzeitstudie des Robert-Koch-Instituts hervorgeht, auf die Ania Muntau in ihrem Vortrag auch zu sprechen kam. Als Hauptursachen für Übergewicht gelten fett- und zuckerreiche Ernährung und Bewegungsmangel. Im Idealfall sollten Eltern schon ihrem Säugling möglichst viel Raum und Anregungen für Bewegungen geben, sagte Muntau. Denn Bewegung sei für Kinder und Jugendliche nicht nur der Schlüssel, um die Welt zu begreifen und Selbstvertrauen zu gewinnen, sondern auch unerlässlich, damit Knochen und Muskeln stark würden, damit sich die Gelenke, das Gehirn, der Stoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System gut entwickeln könnten.

Der nächste Vortrag an der Gesundheitsakademie findet am 20. Mai ab 18.30 Uhr statt und beschäftigt sich mit diesem Thema: „Schlagkräftiges Herz – den Taktgeber des Lebens stabil erhalten.“ Ticket pro Veranstaltung: 10 Euro (zzgl. Gebühren). Partner ist das Abendblatt. Karten gibt es in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18–32 (Mo–Fr 9 bis 19 Uhr, Sa 10–16 Uhr), bei der Abendblatt-Ticket-Hotline: 040/30 30 98 98 sowie im Internet unter abendblatt.de/leserevents. Veranstaltungsort: UKE, Gebäude N55, Martinistraße 52.