Fridays for Future

Eine Hamburgerin ist die "deutsche Greta Thunberg"

| Lesedauer: 8 Minuten
Elisabeth Jessen
Die Hamburgerin Luisa Neubauer mit der jungen Schwedin Greta Thunberg. Kürzlich demonstrierten sie gemeinsam auf dem Rathausmarkt.

Die Hamburgerin Luisa Neubauer mit der jungen Schwedin Greta Thunberg. Kürzlich demonstrierten sie gemeinsam auf dem Rathausmarkt.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Luisa Neubauer hat die Klimaschutz-Bewegung Fridays for Future mitgegründet. Im Interview spricht die Studentin unerwartet leise.

Hamburg.  Wenn man schon in frühen Lebensjahren lernt, dass Protest Wirkung zeigt, dann ist das wohl eine Lektion fürs Leben. Luisa Neubauer erinnert sich noch gut daran, als 2004 ihre Grundschule in Iserbrook geschlossen werden sollte. „Meine Mutter hat damals mit anderen den Protest organisiert“, erinnert sich die heute 22-Jährige. Die Schule gibt es immer noch.

Ihr Abi hat die Hamburgerin längst in der Tasche, sie studiert Geografie in Göttingen, doch seit Monaten widmet sie fast ihre gesamte Zeit dem Klimaschutz, der Bewegung Fridays for Future. Neubauer ist wohl das bekannteste Gesicht der Freitagsdemos. Als „deutsche Greta Thunberg“ wurde sie schon bezeichnet und als die 16-jährige Schwedin an der Freitagsdemo in Hamburg teilnahm und ein paar Wochen danach auch in Berlin, war Luisa Neubauer an ihrer Seite. Die 22-Jährige ist seit Monaten permanent auf Achse, in ihrer WG in Göttingen ist sie selten. Wann immer es möglich ist, verbringt sie den Sonntagabend dort – zum gemeinsamen „Tatort“-Gucken mit Freunden und Kommilitonen. Das bringt ein wenig Normalität ins Leben, das sie vor ein paar Monaten so ungeplant zur öffentlichen Person gemacht hat.

Die Studentin spricht unerwartet leise, aber konzentriert und druckreif. „Ich glaube nicht, dass die, die gehört werden, laut sein müssen“, sagt sie und lächelt. Das mussten auch Diskussionsteilnehmer in mehreren Fernsehsendungen bereits erleben, die dachten, sie hätten leichtes Spiel mit der jungen hübschen Studentin. Doch die ist voll im Thema und behauptet nie, sie habe selbst für alles Lösungen. Aber sie erwartet, dass die Politik sich mit dem Pro­blem des Klimawandels ernsthafter beschäftigt.

Ihre WG sieht sie fast nur sonntagabends

Die junge Frau ist mit einer Schwester und zwei Brüdern im Hamburger Stadtteil Iserbrook aufgewachsen, alle drei älter als sie. Das Nesthäkchen, aber ohne besondere Allüren, wie sie betont. „Bei mir haben meine Eltern wohl gedacht, was soll noch schiefgehen“, sagt sie. Sie sei aber konstruktiv erzogen worden, „wenn ein Problem auftaucht, löst man es“. Sie habe auch eine sehr politisch denkende Großmutter, die nach dem Gau in Tschernobyl die „Umweltgruppe Elbvororte“ gegründet hatte – mit älteren Damen. Das Bündnis ist noch aktiv.

Klimademo in Hamburg:

Luisa Neubauers großes Engagement bei den Klimademos von Fridays for Future hat sich eher beiläufig ergeben, obwohl ihr Interesse für Klimaschutz schon vor Jahren geweckt wurde. Anstatt gleich nach ihrem Einser-Abitur wie geplant Medizin zu studieren, habe sie beschlossen, sich ein Jahr zu gönnen, um Dinge zu tun, für die sie später im Leben vielleicht keine Zeit mehr haben würde, erzählt sie. Dazu gehörte ein Aufenthalt in Tansania im Zusammenhang mit ihrer Kirchengemeinde, bei der sie als Jugendleiterin aktiv war. „Wir haben eine Wasserleitung organisiert und eine neue Krankenstation“, erzählt Neubauer. Trotzdem seien weiter viele erkrankt, obwohl sie doch nun Zugang zu sauberem Trinkwasser haben sollten. „Aber es hat da einfach zu wenig geregnet und die Gesundheitsbildung fehlte.“ Da habe sie das Gefühl bekommen, „wir müssen globaler denken“.

Arbeit beim Greenpeace-Magazin

Auch ihre Arbeit beim Greenpeace-Magazin und die Begegnung mit Klimaschützern habe sie geprägt. Nach Erfahrungen im ökologischen Landbau in England hatte sie sich schließlich entschieden, nicht Medizin, sondern Geografie zu studieren. Um Geld muss sie sich gerade keine zu großen Sorgen machen, sie erhält ein Studienstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung. Und sie hat einen Job als Hilfskraft an der Uni, „und sehr kulante Professoren“. Zeit, großartig Geld auszugeben, habe sie ohnehin nicht.

Als es wegen der geplanten Abholzung des Hambacher Forsts rundging, fühlte sich Neubauer gefordert. In einem offenen Brief an die Bundesregierung, den sie im Oktober 2018 verfasst hatte und der von sehr vielen Jugendorganisationen und Einzelpersonen unterzeichnet worden war, kritisierte sie den nachlässigen Umgang mit Fragen der Generationengerechtigkeit und wies auf die Schlüsselrolle Deutschlands im internationalen klimapolitischen Kontext hin. Das Echo war ihr zu leise – der Bundespräsident habe zwar reagiert, „aber das Ganze war nicht nachhaltig“.

Kontakt zur Schwedin Greta Thunberg

Es folgte ihr Kontakt zu der jungen Schwedin Greta Thunberg. Deren Geschichte kannte Luisa Neubauer bereits, als sie die 16-jährige Skandinavierin im Dezember 2018 bei der Klimakonferenz im polnischen Katowice kennenlernte. Die Hamburgerin hatte sich dort erfolgreich um einen Platz als sogenannter Youth Observer beworben. „Ich hatte erwartet, dass man da auf Leute trifft, die die Klimakrise verstanden haben und angemessenerweise auch so etwas wie Panik haben“, sagt sie, „aber das war so eine Anzugträgerveranstaltung.“ Sie sei dann zurückgefahren und habe gedacht: „Wir müssen viel lauter werden.“

Plötzlich ging alles schnell. Sie schrieb an etliche Leute und organisierte mit anderen den ersten deutschen Klimastreik. Nicht in Göttingen, nicht in Hamburg, „ich dachte, das muss in Berlin am Bundestag-Tor sein“, sagt Luisa Neubauer. Mit einem Transparent sei sie am 14. Dezember morgens von Göttingen nach Berlin gefahren. Ohne jegliche Erfahrung, wie man eine Demonstration professionell organisiert, aber hochmo­tiviert. Amateurhaft, mit einem Generator, der lauter gewesen sei als der Lautsprecher, hielt sie eine Rede vor etwa 350 Demonstranten. Auf dem Rückweg rief bereits die BBC bei ihr an. Die Welle rollte an.

Ständig auf Achse

Luisa Neubauer glaubt, dass es gerade eine große Bereitschaft von Jugend­lichen gibt, sich zu engagieren. Und sie lobt deren Mut, dafür den Schulunterricht stundenweise sausen zu lassen. „Ich verpasse vielleicht ein paar Prüfungen an der Uni, aber die Schüler, die haben vielleicht Eltern, die das nicht gut finden.“ Die hätten mehr auszustehen.

Im Klein-Klein will sich Neubauer in ihrer Kritik nicht verlieren. Sie denke nicht über Flugverbote nach, sagt sie, aber sie frage sich, warum Bahnfahren so immens teuer sei. „Warum kostet Bahnfahren nicht bloß 20 Euro für weite Strecken? Das Günstigste und Bequemste muss das Klimafreundlichste sein.“

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Mit ihrer BahnCard 50 ist sie nun also ständig auf Achse. Neubauer checkt zwar während des Interviews immer mal ihr Handy, wirkt aber ansonsten hochkonzentriert und lässt sich nicht ablenken. Ein Freund nimmt ihr viel ab, er koordiniert Presseanfragen und beantwortet teilweise Mails für sie. An manchen Tagen bekommt sie rund 70.000 Nachrichten auf WhatsApp, sie kann nicht alle beantworten, das seien einfach zu viele für sie. Dass sie nicht mehr alle Mails ungefiltert liest, erspart ihr auch, zu viel von den Anfeindungen mitzubekommen. „Es gibt Menschen, die einen kategorisch blöd finden.“ Und die das auch ungehemmt kundtun.

Mitglied bei den Grünen

Luisa Neubauer, die seit ein paar Jahren Mitglied bei den Grünen ist, beschäftigen gerade andere Themen. Sie will sich endlich darum kümmern, ihre Bachelorarbeit zu schreiben. Was sie später mal beruflich machen will? „Ich habe kein konkretes Berufsfeld“, sagt sie. In die Politik dränge es sie nicht unbedingt. Aber auch bisher hat sich für die Hamburgerin ja alles irgendwie ergeben. Den Rückhalt ihrer Familie hatte sie dabei immer. Aber für diese bleibt sie die Tochter und Schwester.

Für ihre Mutter, eine Krankenschwester, seien ganz andere Dinge wichtig: „Sie will wissen, wann ich meinen Bachelor mache und möchte gern, dass ich ordentliche Schuhe trage“, sagt Luisa Neubauer und blickt auf ihre Chucks. Die waren irgendwann mal weiß, versichert sie.

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