Debatte

1500 bei Klimaschutz-Demo – dürfen Schüler schwänzen?

Zur Klimademo am Freitag kamen etwa 1500 Schülerinnen und Schüler.

Zur Klimademo am Freitag kamen etwa 1500 Schülerinnen und Schüler.

Foto: Thorsten Ahlf

Am Freitag gingen wieder viele Jugendliche bei „Fridays for Future“ in der Schulzeit auf die Straße. Das sagen Hamburger Prominente.

Hamburg.  Der Park Fiction auf St. Pauli füllt sich mit Demonstrantinnen und Demonstranten. Immer wieder ist zu hören „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut“. Auf Plakaten ist zu lesen: „Gluck, gluck und weg war sie“ – gemeint ist die Erde. Rund 1500 Schülerinnen, Schüler, Eltern und Studierende sind an diesem Freitag nach St. Pauli gekommen, um im Rahmen der „Fridays for Future“-Bewegung für den Klimaschutz zu demonstrieren. Anlässlich des Weltwassertags lautet das Motto „Flutwarnung“. An den vergangenen Freitagen hatten jeweils deutlich mehr Kinder an den Protesten teilgenommen – allerdings waren da auch Schulferien.

Organisatorin Nele Brebeck ist immer dabei. Als Greta Thunberg, die schwedische Schülerin, die „Fridays for Future“ ins Leben gerufen hatte, zum ersten Mal in den Medien erschien, war für die 19 Jahre alte Hamburgerin sofort klar, dass sie sich beteiligen möchte. „Ich bin ökologisch aufgewachsen“, erzählt Nele Brebeck.

Sie macht sich Gedanken über gefährdete Korallenriffe und ihre Bedeutung für das Gleichgewicht im marinen Ökosystem. „Wir sind auf das Meer angewiesen“, sagte Nele Brebeck. Der Klimawandel bereite ihr große Sorgen, sagte die 19-Jährige. Sie wolle ihren Kindern und Enkelkindern nicht erklären müssen, warum Hamburg im Meer versunken sei.

"Es werden noch viele mehr"

Lena, Studentin aus Düsseldorf, wurde erst vor etwa einem Monat auf die Bewegung aufmerksam. Seitdem war sie schon auf drei Demos. „Es werden aber noch viele mehr“, sagt die 21-Jährige. Um gegen den Klimawandel zu kämpfen, kauft sie viel in „Unverpackt“-Läden – von denen es aus ihrer Sicht noch zu wenige gibt.

Greta Thunberg: "Wir werden sie nicht davonkommen lassen"
Greta Thunberg: "Wir werden sie nicht davonkommen lassen"

Nele und Lena sind typisch für ihre Generation. Wie eine Umfrage des Opaschowski-Instituts für Zukunftsforschung ergab, wollen Jugendliche bei gesellschaftlichen Zukunftsfragen mehr gehört werden und mehr mitbestimmen. 94 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus. Für die Studie wurden 1000 Personen ab 14 Jahren befragt. Sie wünschen sich außerdem klare Vorstellungen darüber, wie unsere Gesellschaft in 20 oder 30 Jahren aussehen soll.

Deutsche überwiegend für Demos während der Schulzeit

Laut ZDF-"Politbarometer" finden die umstrittenen Demonstrationen während der Schulzeit überwiegend Zuspruch. Demnach sprechen sich 67 Prozent der Befragten dafür aus und nur 32 Prozent dagegen. Lediglich die Anhänger der AfD sind mit 67 Prozent mehrheitlich gegen den Protest. Das Abendblatt hat prominente Hamburger befragt: „Was halten Sie davon, wenn Schüler zur Klimademo gehen statt in die Schule?“


Peter Tschentscher (SPD), Erster Bürgermeister:
„Ich begrüße sehr, dass sich unsere Schülerinnen und Schüler Gedanken über ihre Zukunft machen und für besseren Klimaschutz eintreten. Zugleich benötigen sie eine gute Grundlage für Ausbildung und Studium, um die Herausforderungen der Zukunft besser bewältigen zu können.“


Michael Otto, Ehrenbürger, Unternehmer und Initiator der Stiftung 2° – Deutsche Unternehmer für Klimaschutz: „Ich finde es hervorragend, dass sich Schülerinnen und Schüler weltweit engagieren zu einem der wichtigsten Themen der Gegenwart, nämlich dem Klimaschutz. Auch dass am Freitag während der Schulzeit demonstriert wird, ist wichtig, da die Medien leider erst dann darüber berichten. Wir sollten die Forderungen der Schülerinnen und Schüler zum Anlass nehmen, dass Politik und Wirtschaft ihr Handeln und ihre Entscheidungen in Zukunft noch viel stärker auf die Auswirkungen auf zukünftige Generationen überprüfen.“


Jens Kerstan (Grüne), Umweltsenator: „Ich finde es richtig und wichtig, dass die jüngere und direkt betroffene Generation seit Wochen kreativ, ernsthaft und laut protestiert. In der Schule soll man fürs Leben und für die Zukunft lernen; wenn es darum geht, diese Zukunft und das künftige Leben grundlegend zu sichern, dann darf das aus meiner Sicht auch am Freitagvormittag geschehen.”


Karin Beier, Intendantin Schauspielhaus:
„Das Thema ist nicht das Schule-Schwänzen: Obwohl wir wissen, dass wir mit einem ,Weiterso’ eine Katastrophe erdgeschichtlichen Ausmaßes verursachen, sind Politik und Gesellschaft einer der reichsten Länder dieser Welt offenbar nicht in der Lage, die selbst gesteckten – und ohnehin nicht besonders ambitionierten – Klimaziele umzusetzen. Das ist der Skandal über den wir reden müssen, alles andere ist Ablenkung. Also: Weiter streiken, auch die Erwachsenen!“


Ties Rabe (SPD), Schulsenator:
„Ich freue ich mich, wenn junge Menschen für den Klimaschutz demonstrieren. Und ich wünsche mir, dass sich täglich mehr Menschen für die Zukunft unseres Planeten einsetzen. Aber es ist falsch, den Klimaschutz gegen die Schule auszuspielen. Beides ist wichtig: Für eine bessere Zukunft brauchen wir Klimaschutz und kluge junge Menschen. Da ist noch viel zu tun: 20 Prozent der Schüler in Deutschland können nach der vierten Klasse kaum lesen und schreiben. Deswegen können wir es nicht zulassen, wenn künftig jeden Freitag Tausende Schülerinnen und Schüler die Schule schwänzen.“


Mojib Latif, Meteorologe und Klimaforscher:
„Das mögen grundsätzlich andere entscheiden. Aber würden sie außerhalb der Schulzeit demonstrieren, würde sich keiner dafür interessieren – wenn man Aufmerksamkeit erreichen will, muss man auch bereit sein, kleine Grenzüberschreitungen zu tätigen. Mein Anliegen ist es, zu zeigen, dass die Forderungen der Schüler absolut berechtigt sind.“


André Trepoll, CDU-Fraktionschef:
„Als Schüler bin ich gegen die katastrophale Schulpolitik der SPD-Senatorin Rosemarie Raab auf die Straße gegangen. Ich finde Jugendprotest daher auch grundsätzlich vollkommen okay. Dieser kann jedoch nicht auf Dauer während der Schulzeit stattfinden. Damit bestrafen sich die Schüler am Ende nur selbst.“


Alexander Porschke, Vorsitzender des Nabu Hamburg: „Es ist gut und wichtig, dass Schülerinnen und Schüler sich um ihre gemeinsame Zukunft kümmern. Schlimm genug, dass wir unseren nachfolgenden Generationen Probleme hinterlassen, die wir selbst hätten lösen müssen. Was ist ein kleiner Verstoß gegen die Schulpflicht im Vergleich zu den gebrochenen Versprechen zu wirkungsvollem Klimaschutz.“


Anna von Treuenfels-Frowein, FDP-Fraktionschefin: „Wir freuen uns, dass die Jugend politisch aktiv wird – ob bei ,Fridays for Future‘ oder bei der Demo am Sonnabend gegen Uploadfilter – und sich vehement für ihre Ziele einsetzt. Gleichzeitig finden wir aber auch, dass politisches Engagement außerhalb der Schulzeit besser aufgehoben ist.“

Joachim Lux, Intendant des Thalia-Theaters: „Was soll man sich mehr wünschen: Die Jugend der Welt engagiert sich für Ihre eigene Zukunft und stellt sich gegen die Verfehlungen ihrer Elterngeneration. Das ist sehr ermutigend und zeugt von Engagement und Zivilcourage! Für einen begrenzten Zeitraum ist es durchaus vertretbar, dafür auch mal eine Regelverletzung zu begehen.“


Alexander Wolf, AfD-Fraktionschef: „Widersinniger geht es kaum: Mit Lernverweigerung wollen diese Schüler einer so komplexen Thematik wie dem Erdklima beikommen. Aber da sind sie in guter Gesellschaft: Die links-grünen ,Klima-Aktivisten’ scheren sich ohnehin kaum um wissenschaftliche Fakten, wenn sie ihre Weltuntergangsszenarien verbreiten.“


Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant Elbphilharmonie
: „Der Klimawandel ist das größte Problem unserer Zeit; den Kindern ist klar geworden, dass sie von uns, der Politik und den angeblichen ,Profis’ komplett im Stich gelassen werden. Wir Erwachsenen müssten eigentlich jeden Freitag mitgehen, die Lehrer eingeschlossen. Was die Schulpflicht betrifft, finde ich, dass so schwerwiegende Anlässe außergewöhnliche Maßnahmen rechtfertigen.“


Manfred Braasch, Geschäftsführer des BUND Hamburg:
„Der BUND Hamburg und BUNDjugend Hamburg begrüßen die Schulstreiks ausdrücklich. Die Generation, die jetzt zurecht auf die Straße geht, wird die dramatischen Folgen des Klimawandel direkt miterleben, wenn es uns nicht gelingt, das Ruder herum zu reißen.“


Dirk Kienscherf, SPD-Fraktionschef:
„Wir haben früher auch gestreikt und demonstriert. Ich finde es gut, wenn sich junge Menschen für politische Themen engagieren. Jedem sollte aber bewusst sein, dass das Fehlen im Unterricht nicht immer ohne Konsequenzen bleibt. Das ist ein Stück Eigenverantwortung und war früher auch schon so.“

Amelie Deuflhard, Intendantin Kampnagel: „Die Schüler setzen sich gemeinsam für ihre eigene Zukunft und die Zukunft der Welt ein, weil Erwachsene nicht entschieden genug gegen den Klimawandel handeln. Inzwischen sind die Friday-for-Future-Demonstrationen zu einer internationalen Bewegung geworden. Einer Bewegung, bei der die Teilhabenden und organisierenden Kinder und Jugendlichen sicherlich mehr lernen, als sie in der Schulstunde lernen könnten, die sie dadurch verpassen.“

Anjes Tjarks, Grünen-Fraktionschef: „Die Schüler haben ein politisches Anliegen und gehen dafür auf die Straße. Und zwar unabhängig und selbstorganisiert. Das finde ich gut und wichtig. Und es ist eine Form des praktischen Politikunterrichts, eine klare Aufforderung an uns alle, zu Handeln. Das Fernbleiben von der Schule ist dabei ein Aufmerksamkeitsgarant, aber das Anliegen steht dabei klar im Vordergrund: Die größte Demonstration fand nämlich während der Schulferien statt.“


Moritz Fürste, Hockey-Olympiasieger:
„Diese Frage kann man nicht mit Ja oder Nein beantworten. Es ist grundsätzlich gut, wenn sich Schüler für wichtige Themen engagieren. Das Schulschwänzen hat mit dem Anliegen nichts zu tun, bringt ihm aber eine erhöhte Aufmerksamkeit. Aber wäre es auch okay, wenn Schüler zum Beispiel für die Abholzung des Regenwaldes demonstrieren und dafür schwänzen würden? Oder gilt das nur für gesellschaftlich mehrheitlich akzeptierte Themen?“


Sabine Boeddinghaus, Fraktionschefin Linkspartei: „Ich bin absolut begeistert über den Willen, die Entschlossenheit und die fachliche Kompetenz, die die jungen Menschen auf die Straße bringen. Sie sprechen sehr selbstbewusst der herrschenden Politik ihr tiefes Misstrauen aus und erinnern uns alle daran, dass die Rettung unseres Klimas keinen Aufschub mehr duldet.“

Hamburger Liebesbrief für Greta Thunberg
Hamburger Liebesbrief für Greta Thunberg