Blankenese

Mutter ließ Kind fast ertrinken: Gericht verhängt Geldstrafe

Die Mutter im Gerichtssaal

Die Mutter im Gerichtssaal

Foto: B. Mittelacher

Die 33-Jährige musste sich vor Gericht wegen Verletzung der Fürsorgepflicht im Schwimmbad Blankenese verantworten.

Hamburg.  Es hätte nicht viel gefehlt, und die kleine Jasmin (Name geändert) hätte ihr Leben verloren. Die Fünfjährige trieb auf dem Boden eines öffentlichen Schwimmbeckens, regungslos. Nur weil ein Bademeister beherzt eingriff, das Mädchen aus dem Wasser rettete und reanimierte, wurde das Schlimmste abgewendet. „Ich habe Gott gedankt, dass sie wieder gesund ist.“ Jasmins Mutter Abigail S. spricht mit leiser Stimme, den Kopf hält die Frau gesenkt. Sie war in der Nähe, als ihre Tochter in Gefahr geriet – und doch offenbar bei Weitem nicht nah und vor allem nicht aufmerksam genug.

Nicht aufmerksam genug

Das jedenfalls wirft die Staatsanwaltschaft der 33-Jährigen vor, die deswegen vor Gericht steht: Laut Anklage hatte die junge Mutter ihre fünf Jahre alte Tochter am 17.7.2018 im Schwimmbad an der Simrockstraße nicht ausreichend beaufsichtigt. Obwohl sie wusste, dass ihre Tochter nicht schwimmen konnte und keine Schwimmflügel trug, ließ sie den Ermittlungen zufolge das Mädchen bei einer befreundeten Mutter zurück und ging telefonieren. Insgesamt hätte die Freundin dann auf vier kleine Kinder aufpassen müssen. Jasmin fiel in das Nichtschwimmerbecken und trieb leblos auf dem Beckenboden, bevor ein Bademeister sie herauszog und reanimierte. Sie habe nur kurz den Raum verlassen, um einer weiteren Freundin am Telefon den Weg zum Schwimmbad zu erklären, sagt Abigail S., die neben der mittlerweile sechs Jahre alten Jasmin zwei Kinder im Alter von vier Jahren sowie drei Monaten hat.

Ihr Jüngstes hält die Altenpflegerin im Prozess im Arm, während sie über das Unglück ihrer Tochter spricht. Keiner der Kleinen habe Schwimmhilfen gehabt, räumt die 33-Jährige ein. Denn sie habe „nicht gewusst, dass so ein Unfall passieren kann“, erzählt sie. Die Staatsanwältin ist fassungslos: „Sie wussten nicht, dass man im Wasser ertrinken kann?“, hält sie der Angeklagten vor. „Doch, schon, aber nicht an dem Tag“, windet sich die Mutter. „Ich weiß nicht.“

Bademeister hat Kind gerettet

Als sie das Schwimmbad betreten habe, habe sie gesehen, wie ein Bademeister ihr Kind animiert. Drei Tage musste Jasmin zur Beobachtung in einer Klinik bleiben. Offenbar hat das Mädchen keinerlei Schäden davongetragen. Doch sie selbst habe ihre Lehren aus dem Vorfall gezogen, sagt Abigail S. „Ich bin so mitgenommen, dass ich meine Kinder nicht mehr jemandem anvertrauen mag.“

Eine Freundin der Angeklagten erzählt, sie sei mit den Kindern im Babybereich des Schwimmbades gewesen. „Und Jasmin stand am Rand und hat ins Wasser geguckt.“ Einen Augenblick sah sie nicht hin, dann geschah es. „Es war ein Schock! Ein Kind, mit dem ich lebend reingegangen bin, wird leblos aus dem Wasser gezogen. Ich hatte Panik.“

Bademeister Bernd P. schildert, wie die Mutter telefoniert habe. Auch ihre Freundin, die mit ihr die vier kleinen Kinder begleitete, sei mit ihrem Handy beschäftigt gewesen. Plötzlich habe er gesehen, wie ein kleiner Junge auf einer Matte im Wasser trieb. Er habe den etwa Dreijährigen aus dem Wasser holen wollen, doch ein Mann sei ihm zuvorgekommen, erzählt der 48-Jährige. „In diesem Moment sah ich das Mädchen auf dem Grund des Beckens liegen. Ich holte sie hoch. Sie hatte keinen Puls und hat nicht geatmet.“ Bernd P. beatmete das Kind und setzte Herzdruckmassage ein, bis Jasmin wieder zu sich kam. „Sie haben uns nicht auf die Schwimmhilfen aufmerksam gemacht“, wirft Abigail S. dem Mann vor, der ihrer Tochter das Leben gerettet hat. Die Amtsrichterin greift ein: „Das ist wohl nicht der richtige Moment, dem Zeugen Vorwürfe zu machen“, redet sie der Angeklagten ins Gewissen. „Eigentlich hätte man etwas anderes erwartet.“ Dann sagt die Richterin es selbst: „Toll, dass Sie im richtigen Moment so reagiert haben. Das hätte sonst auch ganz anders ausgehen können.“

Anklägern spricht von "schwerwiegender Gefährdung“

Nun wendet sich auch Abigail S. mit Tränen in den Augen an den Retter: „Ich danke Ihnen.“ „Die Kinder spielten eine Nebenrolle“, war der Eindruck eines Bademeisters. „Das war sehr nachlässig, wie sie telefoniert und sich nicht um die Kinder kümmert.“ Abigail S. sei zu sehr mit ihrem Smartphone beschäftigt gewesen, um auch nur nach Schwimmflügeln zu fragen. Und eine Kollegin des Bademeisters sagt. „Eltern mit ihren Handys: Wir weisen immer darauf hin“, sagt sie in Bezug auf die Gefahren, Kinder unbeaufsichtigt zu lassen. Die Staatsanwältin spricht in ihrem Plädoyer von einer „Blauäugigkeit“, mit der Abigail S. und deren Freundin mit vier kleinen Kindern das Schwimmbad besucht hätten. „Es bestand schon eine schwerwiegende Gefährdung“, so die Anklägerin, die beantragt, eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 10 Euro wegen fahrlässiger Körperverletzung durch Unterlassen zu verhängen.

Der Verteidiger plädiert indes auf Freispruch, weil es sich „um eine fatale Verkettung von Umständen“ gehandelt habe. Die Amtsrichterin verwarnt schließlich Abigail S. und verhängt eine sogenannte Geldstrafe auf Bewährung von 900 Euro. „Das ist keine Verkettung unglücklicher Umstände“, betont die Vorsitzende. „Das ist Unachtsamkeit und Sorglosigkeit.“ Kleine Kinder, die nicht schwimmen können, unbeaufsichtigt am Wasser zu lassen: „Da birgt jede Sekunde eine Gefahr. Das ist absolut fahrlässig. Und dass Wasser gefährlich ist, weiß eigentlich jeder.“