Stadtgeschichte

Deutschlands ersten Fixerraum gab es in Hamburg

Löffel, sterile Spritzen und desinfiziertes Verbandsmaterial liegen in einer Hamburger Fixerstube bereit.

Löffel, sterile Spritzen und desinfiziertes Verbandsmaterial liegen in einer Hamburger Fixerstube bereit.

Foto: picture-alliance / dpa

Vor 25 Jahren stellte der Senat in Billstedt einen Bus auf, in dem sich Heroinsüchtige Drogen unter Aufsicht spritzen konnten.

Hamburg. Das Problem ist brisant, die Lösung umstritten, die Aufregung enorm: Vor 25 Jahren bekommen Heroinsüchtige zum ersten Mal in Deutschland die Gelegenheit, sich die verbotene Droge zu spritzen, ohne dabei Angst vor der Polizei haben zu müssen. In einem umgebauten Linienbus an der Billstedter Legienstraße dürfen sie sich mit Zustimmung und unter Aufsicht der Gesundheits- und Sozialbehörden das Rauschgift injizieren – zwar noch nicht ganz legal, aber auch nicht mehr ganz illegal.

Die Reaktion der Öffentlichkeit auf das „Drug-Mobil“ in der juristischen Grauzone ist so kontrovers wie das Urteil der Experten: Anwohner protestieren gegen das Projekt, Angehörige von Drogensüchtigen loben es mit feurigen Appellen. Staatsanwälte ermitteln, Ärzte unterstützen die Betreiber, und die schon damals sehr aktive linke Szene ist mal dafür, mal dagegen.

Hamburg gilt Anfang der 1990er-Jahre als Drogen-Hauptstadt Deutschlands. Die Polizei kann die Dealer rund um den Hauptbahnhof kaum noch unter Kontrolle halten. Anwohner und Geschäftsleute klagen immer lauter über das erschütternde Elend der Junkies, die unhaltbaren hygienischen Zustände und die Gefahren etwa auf Spielplätzen durch weggeworfene Spritzen.

Katastrophale Folge

Die schlimmen Zustände sind die katastrophale Folge einer Entwicklung, die in den 1970er-Jahren mit einer neuen internationalen Jugendkultur begann. Hippies suchten mit LSD und Cannabisprodukten eigene Wege zum Weltfrieden. Viele junge Leute bekräftigten mit Drogen ihre Ablehnung elterlicher Wertvorstellungen, vor allem des deutschen Arbeitsethos. Mit Frankfurts „Haschwiese“, Berlins Bahnhof Zoo, Amsterdams Zeedijk und Zürichs Platzspitz wurde auch Hamburgs Hansaplatz zum Hotspot von Heroinkonsumenten.

„Trotz einer frappierenden Faszination“, resümierte Historiker Jan-Henrik Friedrichs, „überwog der Schock aufseiten der bürgerlichen Öffentlichkeit, deren Erwartungen in Bezug auf Homogenität, Ordnung und Sauberkeit in öffentlichen Raum durch die Sichtbarkeit der Drogenszene aufs Tiefste erschüttert waren.“

Um Sauberkeit und Ordnung wiederherzustellen, wird die Polizei angewiesen, die Junkies aus dem Bahnhofsviertel zu vertreiben. Prompt zieht die Szene in andere Stadtteile um. Anfang der 1980er-Jahre berichtet eine Drogenabhängige im „Spiegel“: „Die Dealerplätze der Szene sind zum größten Teil vor Hippie-Discos, in Cafés, in U-Bahn-Stationen.“ Die wichtigsten Treffpunkte heißen Grünspan, Gibli, Madhouse, Big Apple oder Café Adler, dessen Betreiber Dieter Bockhorn mit der Hippie-Ikone und Ex-Kommunardin Uschi Obermaier den Medien eine so attraktive wie populäre Muse präsentiert.

Sechs Jahre später wurde Rechtslage geklärt

Die Drogenszene verstärkt die Rolle St. Paulis und St. Georgs als, so Friedrichs, „Antithese zur bürgerlichen Stadt“. Nach dem Strafrechtler Lorenz Böllinger sind die beiden Viertel sogar bald noch mehr als zuvor „Orte der sexuellen Devianz“, wobei „es gerade der imaginäre Zusammenhang von Drogen und gesteigerter sexueller Lust war, der die Fantasie beflügelte“. Der „Spiegel“ schmückt die Expertise des Juristen mit eigenen Beobachtungen aus: Dank Kokain hätten „Prostituierte jetzt Spaß an ihrer Arbeit“ und machten „Männer mit Freude an“, bei denen wiederum „der Hang zu Perversionen“ gefördert werde.

Die Linke vor allem aus der Hausbesetzerszene an der Hafenstraße sieht die Entwicklung gespalten: Die einen fordern „Heroin in die Ghettos“, denn sie wollen mit dem Rauschgift „den Widerstand vernichten, ohne den Volkskrieg zu riskieren“. Die anderen fürchten Drogensüchtige als „Gefahr für linke Zusammenhänge“, weil diese leicht zu „Spitzeldiensten“ erpresst werden könnten: „Junkies raus aus unseren Stadtteilen!“, fordert ein Flugblatt deshalb, „Dealer, verpisst euch!“

Die pragmatische „Hamburger Linie“ beginnt mit einer öffentlichkeitswirksamen Umbenennung: Suchttreffs heißen jetzt „Gesundheitsräume“. In dem umgebauten Linienbus können „Drogenkonsumenten an vier Tagen in der Woche Kaffee trinken, Spritzbestecke tauschen und verschiedene gesundheitliche und psychosoziale Beratungsangebote wahrnehmen“, schreibt das Abendblatt.

Das gibt es allerdings auch anderswo. Was das Drug-Mobil wirklich einzigartig macht, ist, so der Bericht, „die Möglichkeit des Konsums illegalisierter Drogen, etwa von Heroin“. Es soll damit, sagt die damalige SPD-Sozialsenatorin Helgrit Fischer-Menzel, einen „hygienischen und menschenwürdigen Drogenkonsum ermöglichen“.

Die Politikerin stützt sich auf ein Gutachten des Hamburger Justizamtes, dass von einer Strafverfolgung abgesehen werden könne, wenn das Drücken in ein „breites Angebot medizinischer Versorgung und sozialer Beratung“ eingebunden sei. Die Staatsanwaltschaft leitet zwar gegen Drug-Mobil-Initiator Felix Dworsky und einige Mitstreiter Ermittlungen ein, lässt sie aber „bis zur endgültigen Klärung der Rechtslage“ ruhen.

Billstedter sind empört

Die Billstedter sind empört: „Wenn erst einmal die Drogenabhängigen aus den anderen Bezirken kommen, bleiben die auch hier!“, fürchtet eine Mutter aus der Nachbarschaft. „Kleinkinder spielen mit Spritzen, die sich auf dem Spielplatz finden. So kann das nicht weitergehen!“

Doch eine Demo der Betroffenen bleibt ohne Wirkung auf die Entscheider. Kurz darauf wird auch im „Druckraum“ im Altonaer „FixStern“ gespritzt. Das Hamburger Abendblatt beschreibt die betont nüchterne Einrichtung: „Ein gekacheltes Zimmer mit einem Stahltisch in der Mitte und sechs Stühlen drum herum“. Auf dem Tisch „stehen Schalen mit Alkoholtupfern zum Desinfizieren“, denn „Hygiene ist hier oberstes Gebot“. Die Süchtigen bekommen „zum Aufkochen einen desinfizierten Löffel, steriles Wasser und sterile Ascorbinsäure“.

Erst 2000 sind die Hamburger Gesundheitsräume durch Bundestag und Bundesrat rechtlich abgesichert. 2003 werden „Drug-Mobil“ und „FixStern“ zwar wieder geschlossen, doch die Auffassung, dass Drogensucht eine Krankheit sei und als solche behandelt werden müsse, setzt sich weiter durch. Trotzdem bleiben die Auflösung offener Drogenszenen und die Verfolgung der Dealer bis heute erklärtes Ziel der Politik.