Deutsche Bahn

Bahnhof im Suff verpasst: Bahn suspendiert ICE-Lokführer

Ein Lokführer sitzt im Führerstand eines ICE 3. Im Hochgeschwindigkeitszug war nun ein Mann mit 2,5 Promille unterwegs. (Symbolbild)

Ein Lokführer sitzt im Führerstand eines ICE 3. Im Hochgeschwindigkeitszug war nun ein Mann mit 2,5 Promille unterwegs. (Symbolbild)

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Der 49-Jährige hatte zwischen Hamburg und Leipzig mit 2,5 Promille den Halt in Wittenberg vergessen. Was ihm nun droht.

Hamburg/Leipzig.  Diese Trunkenheitsfahrt hat Folgen. Nachdem ein ICE-Lokführer am Dienstagabend auf dem Weg von Hamburg-Altona nach Leipzig im Alkoholrausch den Halt am Bahnhof Wittenberg (Sachsen-Anhalt) vergessen hatte und in Bitterfeld volltrunken aus dem Zug geholt werden musste, hat die Deutsche Bahn Konsequenzen gezogen.

Dem 49 Jahre alten Mann, bei dem ein Atemalkoholwert von 2,5 Promille gemessen wurde, sei der Triebfahrzeugführerschein entzogen worden. Diese Forderung erhob auch der Fahrgastverband Pro Bahn. „Wer so erwischt wird, ist die längste Zeit seines Lebens Lokführer gewesen“, sagte Sprecher Karl-Peter Naumann.

Bahn sprach von Vezögerung im Betriebsablauf

Wie berichtet, hätte der ICE planmäßig gegen 22.10 Uhr in Wittenberg halten sollen. Da der Zug aber ohne zu bremsen durchgefahren war, hatte der Zugchef einige im ICE sitzende Bundespolizisten angesprochen, um den offenkundig berauschten Lokführer am nächsten Bahnhof aus dem Führerstand holen zu können. Als der ICE nach einem Lokführertausch mit 65-minütiger Verspätung an seinem Ziel in Leipzig angekommen war, sprach die Bahn zunächst offiziell von einer „Verzögerung im Betriebsablauf“.

Alkoholmissbrauch bei Lokführern sei laut Bahnangaben „äußerst selten“. Im vergangenen Jahr habe es lediglich zwei erkannte Fälle im Führerstand eines Fernverkehrszugs gegeben. „Bei 500.000 Zugfahrten entspricht das einer Quote von 0,0004 Prozent“, so eine Unternehmenssprecherin. Seit 20 Jahren gelte bei der Bahn ein striktes Suchtmittelverbot.

Lokführer müssen sich untersuchen lassen

Der betroffene ICE-Lokführer müsse nun bei medizinischen und psychologischen Untersuchungen belegen, dass kein krankheitsbedingter Alkoholmissbrauch vorliegt und eine Wiederholungsgefahr ausgeschlossen ist. Über die Wiedererlangung seines Führerscheins wacht nicht nur die Bahn, sondern vor allem das Eisenbahn-Bundesamt. Zu strafrechtlichen und arbeitsrechtliche Folgen könne das Unternehmen noch keine Angaben machen.

Ständige Alkoholkontrollen bei Lokführern seien laut Bahn nicht möglich. „Lokführer müssen sich jedoch alle drei Jahre, ab dem 55. Lebensjahr einmal pro Jahr, einer Gesundheitsuntersuchung unterziehen, zu der auch eine Untersuchung der Blutwerte auf Alkoholmissbrauch gehört“, so die Bahnsprecherin.

Bei akuten Verdachtsfällen können die Einsatzstellen auch Atemalkoholkontrollen durchführen oder die Bundespolizei zu Blutuntersuchungen hinzuziehen. Mitarbeiter mit Alkohol- oder Drogenproblem würden vom Unternehmen bei der Bewältigung unterstützt, für die Dauer einer Behandlung bestehe Kündigungsschutz. Nur wer sich verweigert, müsse das Unternehmen verlassen.

Auch im Flug- und Nahverkehr gelten strikte Regeln

Ähnlich strikte Vorgaben gelten sowohl im Flug-, als auch im öffentlichen Nahverkehr. Bei Piloten sieht das Gesetz ein absolutes Alkoholverbot im Dienst vor, sagt Janis Schmitt, Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit. Bei Dienstantritt gilt eine Null-Promille-Grenze, auch in den zwölf Stunden vor Dienstbeginn darf kein Alkohol getrunken werden. „Wer das nicht beachtet, begeht eine Straftat“, sagt Schmitt.

Die Kontrollen seien für Piloten nochmals verschärft worden. Es gebe verdachtsunabhängige, zufällige Tests. Zusätzlich wird mit Speichel- und Schweißtests der Konsum psychoaktiver Substanzen geprüft. Wer erwischt wird, werde vom Dienst suspendiert und muss mit einem Eintrag in die Fliegerakte rechnen. „Man riskiert damit Lizenz und Arbeitsplatz“, sagt Schmitt.

Die deutschen Airlines haben sich zu Hilfsprogrammen für „betroffene“ Kollegen verpflichtet. Technische Möglichkeiten, das Risiko von Alkoholmissbrauch im Cockpit zu minimieren, gebe es laut Schmitt nicht. Er hält mehr Kontrollen und Aufklärung für sinnvoll. Während das Luftfahrt-Bundesamt 2017 etwa 300 ausländische Flugbesatzungen kontrolliert hat, wurden in den USA ein Jahr zuvor 12.500 Piloten getestet – zehn Tests waren positiv.

Bei Hamburger Hochbahn gilt Alkoholverbot

Bei der Hamburger Hochbahn gilt nicht nur für Bedienstete striktes Alkoholverbot. Auch Fahrgästen ist der Konsum verboten. „Für Mitarbeiter haben wir an jedem Standort Atemalkoholmessgeräte. Bei Anfangsverdacht sind Führungskräfte verpflichtet, Kontrollen durchzuführen“, sagt Sprecher Christoph Kreienbaum. Schon bei der Einstellungsuntersuchung und Wiederholungsterminen werden die relevanten Blutwerte kontrolliert. Bei Verstößen müsse mit Kündigung, Abmahnung oder Versetzung gerechnet werden. 2018 gab es keinen entdeckten Fall des Missbrauchs bei der Hochbahn.

Dass Lokführer Haltestellen verpassen, kommt dagegen häufiger vor. Vor zwei Jahren etwa rauschte ein ICE schon ohne Halt durch Wittenberg, kurz zuvor vergaß ein Zugführer Bitterfeld. Mehrmals sind Züge an Wolfsburg vorbeigefahren, Göttingen und Uelzen waren ebenfalls bereits betroffen.