St. Pauli

Polizeiausbilder nach Drogenkauf an der Hafenstraße gefasst

Die Balduintreppe an den berühmten Hafenstraßen-Häusern: Hier erwarb der Polizist vor den Augen seiner Kollegen vier sogenannte „Grip“-Beutel mit Marihuana.

Die Balduintreppe an den berühmten Hafenstraßen-Häusern: Hier erwarb der Polizist vor den Augen seiner Kollegen vier sogenannte „Grip“-Beutel mit Marihuana.

Foto: Andreas Laible/Imago; Montage: HA

Der 47 Jahre alte Hauptkommissar wurde von Kollegen an der Balduintreppe beobachtet. Diese erkannten ihren Ausbilder sofort.

Hamburg. Die Balduintreppe an den Hafenstraßen-Häusern ist einer der Schwerpunkte bei der Bekämpfung der Drogenkriminalität in Hamburg. Täglich sind dort Polizisten im Einsatz, um die Szene zu bekämpfen und Dealer festzunehmen. Ausgerechnet an diesem Ort haben die Beamten nun einen anderen Polizisten festgenommen. Der Hauptkommissar hatte dort zuvor Marihuana bei Straßendealern gekauft. Gegen den Beamten ist ein Strafverfahren eingeleitet worden.

Es war kein Polizei-„Neuling“, der am Mittwoch zum Hafenrand gegangen war, um vier sogenannte „Grip-Beutel“ mit Marihuana zu kaufen. Zusammen mit einem weiteren Konsumenten besorgte er sich bei einem Straßendealer Drogen. Dabei wurde er von Zivilfahndern beobachtet. Die erkannten ihren Kollegen sogar wieder. Denn der 47-Jährige ist schon Polizeihauptkommissar und arbeitete zu dem Zeitpunkt an der Akademie der Polizei, wo er junge Polizisten unterrichtet.

Die Fahnder verfolgten ihren Kollegen noch ein Stück. Dann griffen sie zu und nahmen ihn fest. Bei dem Mann wurde das Marihuana sichergestellt. Er leugnete den Kauf nicht. Die Polizei reagierte sofort und zog den 47-Jährigen von der Akademie ab. Er arbeitet jetzt an einer anderen Dienststelle. Zudem ist neben einem Straf- auch ein Disziplinarverfahren gegen den Mann eingeleitet worden. Vermutlich wird der 47-Jährige Polizist bleiben. Für eine Entlassung aus dem Beamtenverhältnis müsste ein Richter für den Besitz des Marihuanas eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr verhängen.

Schwerpunkt-Einsätze an der Balduin-Treppe seit 2016

Polizeiintern ist man über die Tat verwundert. Dass die Balduintreppe ein eng kontrolliertes Pflaster ist, hätte dem Beamten klar sein können. Das Risiko, dort erwischt zu werden, ist groß. Bereits seit 2016 führt die Polizei Schwerpunkt-Einsätze unter anderem an der Balduintreppe durch. Bis zum Sommer nahmen die Beamten 65.000 Personenkontrollen vor und erteilten 30.000 Aufenthaltsverbote und Platzverweise. Gegen 365 mutmaßliche Dealer wurde nach ihrer Festnahme bis Ende März dieses Jahres Haftbefehl erlassen.

Es handelt sich bei den Verdächtigen fast ausschließlich um Schwarzafrikaner. Zum ersten Mal seit zwei Jahren stürmten behelmte Einheiten am vergangenen Mittwoch außerdem eines der Gebäude an der Hafenstraße, das von der Polizei als Rückzugsort für Dealer und ihre Unterstützer aus der linken Szene identifiziert wurde. Dabei gab es elf Festnahmen – darunter zwei mutmaßliche Drogenhändler und neun weitere Männer, die sich offenbar illegal in Deutschland aufhielten. Es wurden kleinere Mengen an Kokain, Marihuana und Amphetaminen unter einem Wohnmobil und hinter einer Mülltonne sowie ein geringer Geldbetrag sichergestellt, der aus Drogengeschäften stammen soll.

Linke Gruppen kritisieren die Kontrollen als „rassistisch“

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer hatte gegenüber dem Abendblatt zuletzt von „erfolgreicher Arbeit“ der Task Force gesprochen. Es habe viele Beschwerden über den Drogenhandel gegeben. „Was wir machen, ist im Sinne vieler Anwohner“, sagte Meyer. Kinder müssten etwa in Ruhe zur Schule gehen können. Linke Gruppen und einige Anwohner bezeichneten die Kontrollen dagegen wiederholt als „rassistisch“ – auch viele unschuldige Dunkelhäutige sähen sich den Kontrollen ausgesetzt.

An der Balduintreppe wurden die Polizisten, die auch als „Präsenzstreife“ in Warnwesten aktiv sind, mit Plakaten verhöhnt. Einige Anwohner zeigten sich auch genervt davon, dass die Beamten seit dem Frühjahr praktisch rund um die Uhr an der Balduintreppe Wache stehen und Streife laufen, um es den Dealern schwerer zu machen. Viele andere begrüßen den Polizeieinsatz.

Trotz der Festnahmen und der Präsenz gelang es der Polizei bislang noch nicht, den Drogenhandel auf St. Pauli deutlich sichtbar zurückzudrängen. „Damit muss man umgehen können“, sagte ein hoher Polizist einmal. In Hamburg gibt es seit Jahrzehnten Brennpunkte der Drogenszene. Die liegen immer an den gleichen Orten: Am Hafenrand im Schatten der ehemals besetzten Hafenstraßenhäuser, im Schanzenpark und in St. Georg. „Man nimmt Dealer fest, einige kommen in Haft. Viele werden aber wieder, zumindest nach einiger Zeit, laufen gelassen“, sagt ein Beamter. „Wir werden auch in der Zukunft damit zu tun haben.“ Er ist der Überzeugung, dass ohne die Polizei die Situation deutlich schlimmer wäre.