Verkehr

Supersommer 2018 bringt Hamburg einen Radfahrerrekord

Grünen-Verkehrspolitiker Martin Bill (ohne Helm) und Fraktionschef Anjes Tjarks radeln die Dammtorstraße entlang

Grünen-Verkehrspolitiker Martin Bill (ohne Helm) und Fraktionschef Anjes Tjarks radeln die Dammtorstraße entlang

Foto: David Kappenberg / Grüne Bürgerschaftsfraktion

An 38 Stellen wurden 20 Prozent mehr Radler als 2017 gezählt. Die Grünen sehen Hamburg auf dem Weg zur Fahrradstadt.

Hamburg. Nie wurden mehr Radfahrer in Hamburg gezählt als in diesem Jahr. Das ist das Ergebnis der sogenannten „Fahrradpegel-Messungen“. Dabei werden in jedem Jahr zwischen April und Oktober an 38 Messstellen in der Stadt an jeweils einem Tag die Radfahrer gezählt. In diesem Jahr wurden dabei rund 20 Prozent mehr Radler registriert als 2017. Seit 2011 ist die Zahl um 50 Prozent gestiegen, seit dem Jahr 2000 um 80 Prozent. Das hat der Senat in einer Antwort auf eine Anfrage des Grünen-Verkehrspolitikers Martin Bill mitgeteilt.

Gezählt wird dabei an unterschiedlichen Stichtagen an 13 „Langzeitpegeln“ durchgängig zwischen 6 und 19 Uhr und an 25 „Kurzzeitpegeln“ zwischen 7 und 9 Uhr sowie 13 und 18 Uhr. Der Senat räumt ein, dass der „Einfluss der Witterung und anderer Störfaktoren“ schwer einzuschätzen sei. Insofern dürfte das besonders gute Wetter viel zu dem Radfahrerrekord beigetragen haben. Dass die Zahlen bisweilen stark schwanken, hatte auch das vergangenen Jahr gezeigt. 2017 waren an den Messstellen weniger Radler als 2016 gezählt worden. Trotz der Ungenauigkeiten gelten die Zählungen aber als Indiz für den langfristigen Trend.

Bill: "Die Ergebnisse sind der absolute Hammer"

Bei den Grünen lösten die Zahlen am Montag einen Anfall von Euphorie aus. „Die Ergebnisse der neuesten Messungen sind der absolute Hammer“, sagte Grünen-Politiker Bill. „Als leidenschaftlicher Radfahrer kann ich nur sagen: Weiter so! Wer – wie ich – regelmäßig mit dem Rad unterwegs ist, sieht an vielen Stellen der Stadt, dass unsere Radverkehrspolitik Wirkung zeigt.“

Die Fahrradpegelmessungen unterlägen zwar auch Wetterschwankungen, räumte Bill ein. „Und dieses Jahr hatten wir einen tollen Sommer, der zum Radfahren eingeladen hat. Trotzdem sind dies vor allem in der Langzeitbetrachtung Zahlen, die aufzeigen, dass Hamburg auf dem Weg zur Fahrradstadt ist.“

An manchen Messstellen hätten sich die Zahlen gegenüber dem Vorjahr fast vervierfacht. „Der Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur lässt immer mehr Hamburgerinnen und Hamburger auf’s Fahrrad steigen“, so Bill. „Das ist für mich ein enormer Ansporn unsere Radverkehrspolitik weiter mit vollem Engagement voranzutreiben.“

Mehr Radfahrer am Horner Weg und auf der Wandsbeker Allee

An den 38 Zählstellen wird an jeweils einem Tag zwischen April und Oktober gezählt – an 13 Langzeitpegeln durchgehend zwischen 6 und 19 Uhr und an 25 Kurzzeitpegeln an einem Tag zwischen 7 und 9 sowie 13 und 18 Uhr. Die höchste Zahl von Radfahrern wurde dabei am 4. September 2018 mit 9485 Radlern durch den Langzeitpegel an der Kennedybrücke registriert. Es folgen die Langzeitmessstellen Willy-Brandt-Straße/Kleiner Burstah (3513 Radfahrer, Erhebung am 13.9.) und Dammtorstraße/Große Theaterstraße (3319, Zählung am 4.9.).

Besonders starke Zuwächse wurden zum Beispiel am Horner Weg registriert. An diesem Kurzzeitpegel wurden 2017 lediglich 362 Radler registriert, 2018 waren es bereits 1030. Am Langzeitpegel Wandsbeker Allee/Wandsbeker Marktstraße stieg die Zahl von 584 auf 2209. Allerdings gingen die Zahlen an manchen Messstellen auch deutlich zurück – etwa an der Hoheluftchaussee/Eppendorfer Weg. An der dortigen Langzeitmessstelle wurden im Jahr 2017 noch 3273 Radfahrer gezählt, in diesem Jahr waren es im selben Messzeitraum nur noch 2232.

Auch diese Messung könnte den Einfluss der Witterung auf die Ergebnisse belegen. Denn an der Hoheluftchaussee wurde in diesem Jahr an einem ziemlich grauen und nassen Tag gemessen, dem 5. April. Ausweislich der Senatsantwort auf die Kleine Anfrage des Grünen-Verkehrspolitikers Bill lag die Höchsttemperatur an diesem Tag bei zwölf Grad, es fielen drei Millimeter Regen und die Sonne war nur für eine Stunde zu sehen. Die Rekordzahl an der Kennedybrücke wurden dagegen am 4. September bei neun Stunden Sonnenschein, null Niederschlag und perfekten 25 Grad erhoben.

Fahrrad als Schönwetter-Verkehrsmittel?

Messungen an Regentagen führten auch an anderer Stelle zu Rückgängen, etwa an Stadtbahnstraße oder Saseler Chaussee. Der Abgleich der Messungen mit den Witterungsverhältnissen lässt daher den Schluss zu, dass viele Hamburger das Fahrrad vor allem als Schönwetter-Verkehrsmittel nutzen – und an schlechten Tagen auf Auto oder öffentlichen Nachverkehr umsteigen.

Trotz der witterungsbedingten Schwankungen zeigen die Messungen seit dem Jahr 2000 jedoch in der Summe einen klaren Aufwärtstrend (siehe Grafik unten). Seit dem Jahr 2000 ist das Radfahraufkommen demnach bei den Messungen um 80 Prozent gestiegen – wobei es von Jahr zu Jahr immer mal wieder auch Rückgänge gegeben hat. „Da es sich bei den Daten um Stichprobenzählungen einzelner Tage handelt, ist ein Einfluss der Witterung und von anderen Störfaktoren schwer einzuschätzen“, schreibt der Senat in seiner Antwort auf die Grünen-Anfrage. „Jährliche Schwankungen sind stets möglich, im Vergleich zu den Vorjahren lässt sich jedoch ein deutlicher Anstieg des Fahrradverkehrs an den 38 Hamburger Fahrradpegeln erkennen.“

Dabei will Rot-Grün die guten Zahlen aber nicht allein auf den Jahrhundertsommer zurückführen. Der deutliche Zuwachs sei auch eine Folge der neuen Verkehrspolitik und des Ziels, Hamburg zu einer Fahrradstadt umzubauen, so Grünen-Verkehrspolitiker Bill. Gerade erst hatten die Grünen auf die massiv gestiegenen Investitionen in den Radverkehr hingewiesen.

Stadt investiert 15 Millionen Euro in Rad-Infrastruktur

Laut Senat hat die Stadt im vergangenen Jahr 15 Millionen Euro in die Infrastruktur, also in Sanierung und Ausbau des Radwegenetzes investiert. Zusätzlich wurden 1.090.000 Euro für den Aufbau von Bike+Ride-Anlagen und 3.818.399 Euro für den Betrieb von Bike+Ride, Leihsystem StadtRad und Winterdienst auf Radwegen ausgegeben. Insgesamt wurden demnach im vergangenen Jahr 10,56 Euro pro Einwohner für den Ausbau des Radverkehrs ausgegeben – mehr als je zuvor.

Neben einem Ausbau der Kontrollen von Auto- und Radfahrern (siehe Seite 1 und Seite 11) soll nun auch das Verkehrsklima verbessert werden. Eine Agentur soll eine „Sicherheitskampagne zur Stärkung des Miteinanders und der Rücksichtnahme“ konzipieren (Abendblatt berichtete). Ziel ist „die Förderung und Stärkung eines respektvollen und rücksichtsvollen Verkehrsklimas zwischen allen Verkehrsteilnehmern“.

Die Sicherheitskampagne baue „zusätzlich auf die Ende September vergebene Marketingkampagne“ auf, die an Jung von Matt/Sports vergeben worden sei. Die Kampagne soll im Frühjahr starten, bis Ende 2020 laufen und durch „Information, Motivation und Interaktion das Thema Sicherheit und Miteinander stärken“.