Leitartikel

Immer weniger Deutsche wollen körperlich arbeiten

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort des Hamburger Abendblattes.

Oliver Schade leitet das Wirtschaftsressort des Hamburger Abendblattes.

Foto: HA / Andreas Laible

Auf Hamburgs Baustellen findet man immer mehr Ausländer – zum Glück!

Hamburg. Wer an einer Baustelle in Hamburg vorbeigeht, hört fast immer ein Gewirr unterschiedlichster Sprachen. Denn hier arbeiten polnische Maurer Hand in Hand mit rumänischen Fliesenlegern und Fugern aus Bulgarien. Einen deutschen Pass haben oft nur noch die Führungskräfte. Es herrscht Multikulti unterm Baukran – und das ist gut so. Denn gebe es die Arbeitskräfte aus dem Ausland nicht, wären die Wartezeiten für die Fertigstellung von Gebäuden und Straßen noch länger.

Schon jetzt stöhnen die Baufirmen beim Blick auf den bundesweit leer gefegten Arbeitsmarkt. Zugesagte Termine können immer seltener eingehalten werden, die Kosten steigen dramatisch. Überall fehlen zuverlässige und ausgebildete Beschäftigte. Hamburgs Baustellen sind ein gutes Beispiel dafür, welche Vorteile die Freizügigkeit auf dem europäischen Arbeitsmarkt bringt.

Immer weniger Deutsche wollen körperlich arbeiten

Nun mag man bedauern, dass es immer weniger Fliesenleger, Maurer und Fuger mit deutschem Pass gibt. Doch die Schuld daran tragen nicht die Beschäftigten aus dem Ausland. Die Wahrheit ist: Immer weniger Deutsche wollen körperlich arbeiten. Das ist eine Folge des stetig steigenden Bildungsniveaus einhergehend mit höheren Abiturquoten.

Wer Abi hat, der möchte studieren oder zumindest im geheizten Büro arbeiten. Hände schmutzig machen? Rückenschmerzen in Kauf nehmen? Nein danke! Übrigens ist das kein Phänomen, welches sich auf den Bau beschränken lässt. Altenheime finden keine deutschen Pflegekräfte mehr, Landwirte suchen vergebens nach Spargelstechern aus der Region, Paketdienste greifen schon lange auf Subunternehmen aus Osteuropa zurück.

Jeder fünfte Azubi in der Baubranche ist Flüchtling

Die Liste ließe sich schnell verlängern. Der Einsatz von Arbeitskräften aus anderen Ländern ist folglich keine Gefahr für Deutschland. Im Gegenteil. Er stellt eine Notwendigkeit dar, wollen wir unseren Wohlstand und die Qualität des Sozialstaates langfristig sichern.

Darüber hinaus lässt eine überraschende Zahl vom Hamburger Bau aufhorchen. Schon jeder fünfte Auszubildende in der Branche ist ein Flüchtling. Junge Syrer und Afghanen begeistern sich für eine harte Arbeit mit Zukunftsperspektiven, füllen die Lücken, die gleichaltrige Deutsche hinterlassen. Die Unternehmen sind vom Engagement der Flüchtlinge zu Recht begeistert, möchten sie möglichst langfristig an sich binden. Und die Politik? Sie zaudert und ist nicht bereit, ausgebildeten Flüchtlingen einen langfristigen Aufenthaltsstatus zu geben. Aber nur dann gebe es die notwendige Verlässlichkeit, die der junge Beschäftigte und sein deutscher Arbeitgeber benötigen.

Fremdenfeindlichkeit fügt Wirtschaft Schaden zu

Und es gibt noch ein Problem: Die zunehmende fremdenfeindliche Stimmung hierzulande ist nicht nur mit Blick auf den einzelnen Menschen unerträglich, sie fügt auch der Wirtschaft erheblichen Schaden zu. Denn es ist eine Tatsache, dass Deutschland ausländische Beschäftigte braucht. Doch je mehr sich das Bild des fremdenfeindlichen Deutschen international verfestigt, desto weniger Menschen aus anderen Ländern werden bereit sein, bei uns und mit uns zu arbeiten.

Multikulti auf dem Bau ist nur ein Beispiel, wie international sich die deutsche Wirtschaft künftig aufstellen muss. Zudem taugt der Bau nicht einmal als perfektes Vorbild für andere Branchen, weil es sich um Saisonarbeit handelt, Steuern und Sozialabgaben deshalb oft im Herkunftsland des ausländischen Beschäftigten und nicht in Deutschland bezahlt werden. Mit Blick auf die gesamte Wirtschaft und deren Probleme müssen wir etwas bieten, das weit über einen guten Job hinausgeht – ein Gefühl des Willkommenseins.