Hamburger Goldschmied

Silber-Schmuck aus dem Kaugummi-Automaten

Goldschmiedemeister Jonathan Johnson
vor seinen Automaten

Goldschmiedemeister Jonathan Johnson vor seinen Automaten

Foto: Andreas Laible / HA

Ungewöhnliche Accessoires – auch für Männer. Seine Scheiße-Kollektion begeistert nicht nur Musiker Rocko Schamoni.

Hamburg.  Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie früher zehn Pfennig in den Kaugummi-Automaten steckten, drehten und aufgeregt waren, was wohl rauskommt? Dieses Kindheits-Erlebnis können nun auch Erwachsene haben, denn es hängen fünf Luxus-Kaugummi-Automaten-Varianten in der Poolstraße 11. Dort hat Jonathan Johnson sein Atelier, ein Goldschmiedemeister mit einem Abo für ausgefallene Ideen.

Wer seine Vitrinen anschaut, muss ein bisschen Zeit mitbringen, denn sein Schmuck ist anders, teilweise provokant, manchmal absurd, auf jeden Fall aber erklärungsbedürftig. „Jedes Schmuckstück hier hat eine Geschichte“, sagt Johnson, und zeigt auf eine Goldkette, die vom Stil her so aussieht wie die von Rappern, die jobmäßig auf Gangster machen. Die Aufschrift: „Lehman Brothers“. Johnson entwarf sie nach dem großen Banken-Crash. „Ich wollte zeigen, wer die wahren Verbrecher in unserer Gesellschaft sind.“

Anhänger mit Colts

Außerdem gibt es Anhänger mit Colts, Kalaschnikows und Panzer. Sind wir hier bei einem Waffen-Nerd zu Besuch? Wohl eher nicht. Zwergspitz Wippo kuschelt sich an Herrchens Beine, Johnsons schwangere Frau trinkt Apfelschorle, die Wände sind in Rosa gestrichen, die Automaten vergoldet. Also wieso dieser martialische Schmuck? „Ich spüre so eine Mischung aus Faszination und Ekel zu Panzern und U-Booten. Dinge, die gleichzeitig Schutzhülle und Waffen sind, verrückt. Dieser Sherman-Panzer hier, der hat uns Deutsche zum Beispiel befreit. Und dieser Colt war im Gebrauch der US-Armee, als die Sklaverei abgeschafft wurde. Mir geht es um den revolutionären Hintergrund.“

Ein Stormtrooper steht in der Ecke des Ladens – Johnson ist begeisterter „Star Wars“-Fan. Als er den ersten Film sah, verspürte er das erste Mal in seinem Leben das Gefühl, einer Bewegung anzugehören. Ansonsten macht Johnson gerne das Gegenteil des Common Sense.

Nostalgie kommt auf

Der 42-Jährige heißt in Wirklichkeit Oliver Pfeiffer, sein Künstlername entstand zu seiner Zeit als DJ in Karlsruhe. Pfeiffer trug damals eine Arbeiterjacke, auf der Jo stand, sowie ein Hemd mit der Aufschrift Johnson. Fertig war der deutlich coolere Name für einen DJ.

„Jetzt versuche mal dein Glück!“ sagt er. Für 39 Euro kauft man eine Münze, die in einen der Automaten passt. Nostalgie kommt auf. Spannung. Klar ist nur, dass vergoldete Silberringe in den runden Verpackungen sind, aber welchen wird man bekommen? Möglich sind Hunde, lustige Sprüche und Zeichen wie diejenigen, die Spieler von ihren einarmigen Banditen kennen – Kirschen, Zitronen, Hufeisen.

Glücksbringerwert unendlich

Johnson zog seinen ersten Bubblegum-Ring mit 12 aus einem Automaten. Ein Totenkopf mit einem Schwert, er bewahrt ihn immer noch in seinem Tresor auf. Materialwert null, Glücksbringerwert unendlich.

Glück hatte Johnson beispielsweise, als er durch die Musik Rocko Schamoni kennenlernte, und dessen Frau den Goldschmied fragte, ob er ein lustiges Geburtstagsgeschenk für Schamoni herstellen könne. Johnson war damals schon der Ansicht, dass es kaum interessanten Schmuck für Männer gäbe, alles so streng und spaßbefreit. Also entwarf er eine goldene Kette mit dem Schriftzug: Scheiße. Nicht nur Rocko Schamoni fand sie super, sondern auch viele Fans des Pudel-Clubs. So entstand eine ganze Scheiße-Kollektion, die sich heute noch gut verkauft. „Der Schriftzug war gar nicht als Tabubruch gedacht, eher als Spaß. Schmuck als Alltags-Revolution, der dem Träger Kraft verleiht“, sagt Johnson.

Oder Gewinne ermöglicht. Der Ring kommt aus dem Automaten. Seine Aufschrift: Big Win.