Film-Kritik

Star-Regisseur dreht Thriller, der in Lokstedt spielt

Neta Riskin als Naomi in einer Szene des Films "Aus nächster Distanz"

Neta Riskin als Naomi in einer Szene des Films "Aus nächster Distanz"

Foto: Gordon Timpen / dpa

„Aus nächster Distanz“ von Eran Riklis spielt unter anderem in der Lenzsiedlung – dort sah der Israeli zum ersten Mal Stolpersteine.

Hamburg.  In seinem Film „Aus nächster Distanz“ erzählt Regisseur Eran Riklis von zwei Frauen, die einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Die ehemalige Mossad-Agentin Naomi (Neta Riskin) wird wieder in den Dienst berufen, weil sie die libanesische Kollaborateurin Mona (Golshifteh Farahani) beschützen soll. Die hatte eine Gesichts-OP, die ihr eine neue Identität verschaffen soll. Zusammen sind sie in einer Hamburger Wohnung untergebracht. Angeblich kennt niemand die Adresse oder Telefonnummer. Aber natürlich klingelt es ständig, und es tauchen verdächtige Gestalten auf. Die Frauen wissen nicht, ob sie ein­ander trauen können. Gedreht wurde der Film auch in Hamburg.

Der Film sollte ursprünglich in Paris spielen. Als die französischen Produzenten sich zurückzogen, wandte Riklis sich an alte Bekannte: Bettina Brokemper und Michael Eckelt. Mit dem Hamburger Produzenten hat er mittlerweile vier Filme gedreht. „Uns verbindet Integrität und dass wir mit Leidenschaft gute Filme machen wollen. Das führt aber auch zu Kämpfen, und davon hatten wir schon einige richtig heftige“, sagt Riklis.

Stolpersteine "erden" den Film in Hamburg

Als sie Außenaufnahmen in der Lenzsiedlung in Lokstedt drehten, entdeckte Riklis zwei Stolpersteine vor dem Haus. Er hatte vorher noch nie welche gesehen und ließ sich ihre Bedeutung erklären. „Das war für mich ein wichtiger Moment“, sagt er, „das erdet diese Geschichte hier in Hamburg. Das Haus ist heimgesucht worden. Hier wurden Menschen schon einmal betrogen.“

Der Film ist eine Mischung aus Drama, Spionage-Thriller und Kammerspiel. „Es geht aber auch um Paranoia und Klaustrophobie“, sagt Eran Riklis im Gespräch mit dem Abendblatt. Inspiriert haben ihn die bedrohliche Stimmung in „Rosemary’s Baby“ von Polanski und „Der amerikanische Freund“ von Wim Wenders. Riklis zählt mit „Die syrische Braut“ und „Lemon Tree“ zu den international erfolgreichsten israelischen Regisseuren.

Eine der Hauptdarstellerinnen, Golshifteh Farahani, sieht man fast den ganzen Film hindurch mit einem heftig verbundenen Gesicht. Das ist ungewöhnlich für eine Schauspielerin, deren Gesicht ja auch ihr berufliches Kapital ist. „Sie war zuerst nicht besonders glücklich damit, denn sie will sich ja auch gern zeigen“, erinnert sich Riklis, „aber sie mag Herausforderungen. Ich finde, sie ist überhaupt eine sehr tapfere Frau, weil sie als Iranerin für einen israelischen Regisseur arbeitet.“ In der Politik sind beide Länder heftig verfeindet.

Neta Riskin ist keine ausgebildete Schauspielerin

Die andere Hauptdarstellerin, Neta Riskin, ist keine ausgebildete Schauspielerin, sondern Drehbuchautorin. Kameramann Sebastian Edschmid zeigte sich von ihrer Präsenz verblüfft. Er sagte zu Riklis: „Ich kann es kaum glauben. Mit meinem linken Auge sehe ich sie, bevor sie das Set betritt, und mir fällt nichts auf. Dann sehe ich sie mit meinem rechten Auge vor der Kamera, und sie kommt mir vor wie eine andere Person.“

Im Hintergrund agieren in diesem Film ständig Geheimdienste, ohne dass man genau weiß, was sie eigentlich vorhaben. Glaubt der Regisseur, dass diese Organisationen irgendwelche Probleme tatsächlich lösen können? „Sie sind wahrscheinlich besser darin, welche zu schaffen“, meint er. „Aus nächster Distanz“ ist Riklis’ zwölfter Film. Hat er eine filmische Handschrift entwickelt? Er erklärt: „Ich bin aufmerksam, was aktuelle Themen angeht. Als israelischer Regisseur fühle ich auch eine bestimmte Verantwortung. Und ich will das erzählen, was das Publikum interessiert. Festivalpreise sind mir nicht so wichtig. Ich möchte gern die Popularität des amerikanischen Kinos mit der Raffinesse und Intelligenz des europäischen verbinden.“

Riklis arbeitet oft im Ausland. Wie denkt er über sein Heimatland Israel? „Ich sehe ein Land in Schwierigkeiten. Einerseits bemüht man sich dort, normal, gut und human zu sein. Aber es gibt eben auch dunkle Kräfte.“

Auch seinen nächsten Film hat Riklis schon abgedreht, diesmal in Belgien. Es ist wieder ein Spionage-Thriller. Hauptdarsteller in „Spider In The Web“ sind Ben Kingsley und Monica Bellucci.

„Aus nächster Distanz“ läuft im Studio-Kino, Bernstorffstraße.