Hamburger Firmen

Hochsommer im Job: Eis für alle und hitzefrei

Kurze Hose und leichte Sandalen. Am Brunnen auf dem Otto-Campus genießen junge Mitarbeiter in der Mittagspause ein Eis

Kurze Hose und leichte Sandalen. Am Brunnen auf dem Otto-Campus genießen junge Mitarbeiter in der Mittagspause ein Eis

Foto: Andreas Laible / HA

Wie hohe Temperaturen den Arbeitsalltag in Hamburger Firmen verändern – und was die Arbeitgeber jetzt für ihre Mitarbeiter tun.

Hamburg. Verwaiste Schreibtische, stillstehende Maschinen – die Belegschaften in den Büros und Werkhallen von Hamburger Firmen sind ausgedünnt. Ferienzeit. Und die, die noch – oder schon wieder – da sind, ächzen seit Wochen unter tropischen Temperaturen. Was tun die Unternehmen, um ihren Mitarbeitern den Job jenseits der 30-Grad-Marke zu erleichtern? Wie verändert der Hochsommer den Alltag in Großraumbüros, Chefetagen und Montagehallen? Eine Umfrage mit überraschenden Ergebnissen.


Die letzten Schlipse fallen
Dass ein Unternehmen seinen Angestellten verbindliche Vorgaben macht, wie sie am Arbeitsplatz gekleidet sein sollen, ist längst eine Ausnahme. Eine Erwartung des Arbeitgebers, einen Dresscode, gibt es zwar meist, feste Vorschriften aber nicht. Bei der Allianz in der City Nord heißt es, die Kleiderordnung sei schon „vor vielen Jahren“ abgeschafft worden. In der Wandsbeker Zentrale des Gabelstaplerbauers Jungheinrich hatte die Krawattenpflicht für Herren mit dem Umzug in den Neubau Ende 2015 ein Ende. Bei der Haspa gilt seit mehr als zwei Jahren der Grundsatz: „Gute Beratung braucht weder Anzug noch Kostüm“. „Die früher übliche Krawatte ist seither entbehrlich“, sagt Sprecherin Stefanie von Carlsburg. Die Hamburger Volksbank ist eine der letzten Bastionen der Binderpflicht für den männlichen Mitarbeiter.

Aber auch dort ist es damit erst einmal vorbei. „Auf Krawatte und Sakko darf wegen der großen Hitze gern verzichtet werden“, so Sprecherin Heidi Melis. Für Mitarbeiterinnen ist die Kleiderordnung ebenfalls lockerer geworden. Das könnte auch nach dem Ende der Hitzewelle so bleiben. „Es ist noch offen, was aus der sommerlichen Kleiderordnung wird“, sagt Melis. Die Volksbank begreift sie auch als Test. Es könnte ja durchaus sein, dass die Kunden gar nicht mehr erwarten, dass der Berater Krawatte und die Beraterin Strumpfhose und geschlossene Schuhe trägt. „Unter den Mitarbeitern hat sich ein interessanter Diskussionsprozess darüber entwickelt“, sagt Melis.


Frau zeigt Schulter
Spaghettiträger oder gar gänzlich schulterfrei am Arbeitsplatz? Für viele Mitarbeiterinnen in der Niendorfer Zentrale des Modekonzerns Tom Tailor stellt sich diese Frage gar nicht. Sie tun es. „In einem Modeunternehmen geht es kleidungsmäßig ja ohnehin etwas freizügiger zu. Wir haben einen hohen Frauenanteil und viele junge Mitarbeiterinnen, die sich einen lockeren Dress auch leisten können. Viele tragen jetzt trägerlose Tops“, sagt Personalchefin Sylvia Schlegel. Auch in der Beiersdorf-Zentrale und in den Büros der Agenturen-Gruppe Hirschen gehört „schulterfrei“ bei Damen zum akzeptierten Dresscode.

Das ist nicht überall so, üblich aber ist jetzt in den meisten Büros: Sommerkleid oder eine leichte Bluse und Leinenhose statt Kostüm, Freizeit- statt Businessdress. Bei der Haspa sind – bei Frauen wie Männern – mittlerweile auch Jeans genehm. Verwaschen oder zerrissen sollen sie aber nicht sein. Und während Benimm- und Etikette-Expertinnen betonen, bei Sommerschuhen sei für Damen am Arbeitsplatz allenfalls ein fersenfreies Modell statthaft, sind in der Realität des Sommers 2018 vorn offene Sandalen in vielen Firmen gang und gäbe.


Mann zeigt Knie
Bis vor wenigen Jahren war kniefrei bei Männern allenfalls für Fahrradkuriere und in hippen Start-ups akzeptiert. Mittlerweile steigt auch in den Büros großer und etablierter Unternehmen mit den Temperaturen der Anteil der männlichen Mitarbeiter, die in kurzen Hosen am Schreibtisch sitzen – wenn auch nicht überall. „Männer in kurzen Hosen habe ich bei uns noch nicht gesehen“, sagt Jungheinrich-Sprecher Martin Wielgus. Bei der Otto-Einzelgesellschaft in Bramfeld ist das anders.

„Wir haben generell einen etwas lockereren Dresscode. In der IT-Abteilung sitzen jetzt schon mal Männer in Bermuda-Shorts“, sagt Unternehmenssprecher Frank Surholt. Offenbar sind es vor allem die Abteilungen mit vielen jungen Mitarbeitern, in denen das Tabu des nur halb verhüllten Männerbeins am Arbeitsplatz fällt. In der Tom-Tailor-Zentrale, schätzt Personalchefin Schlegel, liegt der Anteil der Männer in kurzen Hosen jetzt bei 30 bis 40 Prozent. „In der Design- und in der Marketingabteilung ist er aber deutlich höher.“


Ganz locker in der Chefetage
Luftige Sommer- und Freizeitklamotten statt Anzug mit Krawatte oder strenges Kostüm – das ist da und dort auch in den Büros und auf den Fluren der Führungsetagen das gängige Bild. „Vorstandsmitglieder im Polohemd sind ganz normal bei uns“, sagt etwa Frank Surholt von der Otto Einzelgesellschaft. Beim börsennotierten Modekonzern Tom Tailor gelte „Marscherleichterung“ auch für den Vorstand, sagt Unternehmenssprecherin Lena Wulfmeyer. Wie das aussieht? „Polo-Shirt, hochgekrempelte Jeans, Turnschuhe.“


Atmungsaktive Sicherheitsschuhe
Doch längst nicht alle Beschäftigten können der Hitze mit luftigerer Kleidung begegnen. In Werkhallen, in denen Flugzeuge gewartet, ausgestattet oder montiert werden, und im Hafen, wo schwere Lasten bewegt werden, sind Schutzkleidung, Sicherheitsschuhe und Helm oft vom Arbeitsschutz vorgeschrieben. Da könne auch jetzt keine Ausnahme gemacht werden, sagt Annette Krüger, Sprecherin der Hamburger Hafen- und Logistik AG (HHLA). Aber viele Unternehmen sind bemüht, den Mitarbeitern kühlende Luft zu verschaffen. So bleiben bei Airbus jetzt die Hallentore offen, damit es Durchzug gibt. Wie in den Produktionshallen von Jungheinrich werden bei Bedarf Ventilatoren aufgestellt. Bei der HHLA dürfen die Fahrer der Van Carrier und unklimatisierter Containerbrücken kurze Sicherheitshosen tragen. „Zudem bieten wir für einige Arbeitsbereiche Sommersicherheitsschuhe an, die luftdurchlässiger sind“, sagt Annette Krüger.


Die Grenzen des Legeren
In der Kleiderfrage am Arbeitsplatz haben sich die Grenzen zwar Richtung Freizeitdress verschoben, doch Grenzen gibt es weiterhin. Das wichtigste Kriterium: Kundenkontakt. „Von Mitarbeitern mit Kundenkontakten wird die Krawatte durchaus noch getragen“, sagt Tim Seifert, Sprecher der Reederei Hapag-Lloyd. Sie tun das freiwillig. Auch Edzard Bennmann, Sprecher der Signal Iduna, hat beobachtet: „Es gibt Kollegen im Außendienst, die sind auch bei hohen Temperaturen in Anzug und mit Krawatte unterwegs.“ Geschäftskleidung bei Mitarbeitern im Kundenkontakt sei „erwünscht“, sagt Sprecher Wolfgang Reinert von Lufthansa Technik. In anderen Firmen wird sie stillschweigend erwartet.

Bei der Agenturgruppe Hirschen heißt es: „Bei Kundenmeetings versteht es sich von selbst, dass die Kleiderwahl schicker und entsprechend repräsentativ ausfallen sollte.“ Beim Makler Grossmann & Berger gilt im Grundsatz, dass sich Berater und Kunden kleidungsmäßig „auf Augenhöhe“ begegnen sollen. Was durchaus heißen kann: kein Jackett, hochgekrempelte Hemdsärmel. Die Servicekräfte der Bahn dürfen jetzt Jacke, Schlips und Halstuch ihrer Dienstkleidung ablegen. Auf einem Bahnsteig eingesetzte Mitarbeiter müssen aber weiter die übliche rote Kappe tragen. „Sie sollen für die Kunden ja erkennbar sein“, sagt Sprecher Egbert Meyer-Lovis. Manchmal macht ein kleines Stück Kragenstoff den Unterschied, ob ein Kleidungsstück akzeptiert wird. Bei der Haspa gilt: T-Shirt bitte nicht, Polohemd ist okay.


Wasser und Eis für alle
Beim Kupferhersteller Aurubis ist ab Montag Eiswoche. Auf dem Werksgelände werden Kühltruhen aufgestellt und regelmäßig mit gefrorenen Snacks aufgefüllt. Das Unternehmen zahlt. Es ist eine weit verbreitete Aufmerksamkeit des Arbeitgebers, um den Mitarbeitern die hohen Temperaturen erträglicher zu machen. Beiersdorf, Bahn, Jungheinrich, Airbus, Grossmann & Berger, Flughafen – überall hieß es schon: „Der Chef spendiert Eis.“ Mal in der Abteilung, im Team oder in der Filiale, mal gleich für alle.

„Das ist ja auch gut für die Seele“, sagt Hapag-Lloyd-Sprecher Seifert. Die Reederei ist eine der Firmen, die jetzt kostenlos gekühltes Wasser bereitstellt. In vielen anderen Firmen ist das ohnehin schon lange üblich. Etwa in den Büros der Hamburg Airport Group. Jetzt profitieren aber auch die Mitarbeiter auf dem Vorfeld: „Dort werden während der heißen Tage mehrmals täglich Wasser, isotonische Getränke und zeitweise Obst verteilt“, sagt Flughafensprecherin Janet Niemeyer.


Arbeiten kann man auch woanders
Viele Firmen ermuntern ihre Mitarbeiter, von zu Hause aus zu arbeiten, wenn es dort angenehmer ist. Oder die Gleitzeitregelungen so auszunutzen, dass sie während der heißen Stunden gar nicht am Arbeitsplatz sind. Bei Otto in Bramfeld sind die Büroräume jetzt schon ab 5 Uhr morgens geöffnet. Für gewöhnlich sind sie es ab 7 Uhr. Der Makler Grossmann & Berger dagegen fand eine ganz konsequente Antwort auf die hohen Temperaturen. An einem besonders heißen Freitagnachmittag schickte er alle Mitarbeiter schlicht nach Hause. Hitzefrei.