Die wilden Zwanziger

Morgens um sechs ist die Welt noch in Ordnung

Als mein Wecker um 6 Uhr morgens klingelt, mit dieser ekelhaft fröhlichen Gitarrenmelodie, schießen mir zwei Gedanken durch den Kopf. Erstens: was für eine bescheuerte Idee. Und zweitens: was für eine bescheuerte Idee. Trotzdem quäle ich mich aus dem Bett. Wie ein Kleinkind, das gerade seine ersten Schritte läuft, schwanke ich von einem Bein aufs andere. Ja, ich bin nicht gerade das Paradebeispiel eines Morgenmenschen.

Der Grund, warum ich nicht wie gewohnt um 7 Uhr aufstehe, heißt „Mi­ra­cle Morning“. Kurz gesagt, geht es bei diesem Trend darum, sich jeden Morgen eine Stunde Zeit für sich zu nehmen. Um Sport zu treiben, ein Buch zu lesen oder etwa zu meditieren. Die Idee stammt aus einem 192-seitigen Werk des amerikanischen Bestsellerautors Hal Elrod. Zugegeben: Wenn man jede Woche ein neues Kolumnenthema sucht, probiert man manchmal komische Sachen aus. Seit einer Woche halte ich schon durch. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass mich das Experiment so fasziniert. Jetzt bin ich also wach. Zumindest halte ich die Augen offen. Und, was fange ich nun mit meiner gewonnenen Zeit um 6 Uhr morgens an?

Seltsamerweise kommt mir als Erstes in den Sinn, joggen zu gehen. Das mache ich sonst nie. Wahrscheinlich hatte ich gute Gründe dafür. Zum Beispiel diesen: Ich schlafe für mein Leben gern. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Immer und überall. Beim Aufstehen führe ich täglich einen Kampf gegen mich selbst. Die Schlummer-Funktion am Handy reizen Menschen wie ich gnadenlos aus.

Der Park am Eppendorfer Mühlenteich ist menschenleer. Nur die Müllreste neben den Tonnen lassen erahnen, dass die Wiese am Vorabend zum Grillen genutzt wurde. Die Sonne geht langsam auf und spiegelt sich in der glatten Wasseroberfläche wider. Die Ruhe hat etwas Mystisches. Irgendwie dreht sich die Welt morgens langsamer, fernab der Hektik. Zwar fühlt sich das Joggen durch meine Müdigkeit eher wie Schlafwandeln an. Aber es geht mir prima. Ja, sogar besser als sonst.

Bis auf einen Angler, einen Hundebesitzer und einen betrunkenen Partyrückkehrer, der von seinen Kumpels gestützt wird, treffe ich auf meinem Weg niemanden. Ich bin völlig allein mit meinen Gedanken. Zum ersten Mal beschäftigt mich die Frage: Wie oft hole ich eigentlich das Beste aus meinem Tag heraus?

Es gibt da diesen Spruch, häufig in Glückskeksen, den ich vor einigen Jahren mal als ein Lebensmotto auserkoren habe. „Glücklich sein heißt nicht, das Beste von allem zu haben, sondern das Beste aus allem zu machen.“ Aber mache ich das wirklich?

Schöne Aktivitäten stopfe ich gern in die Abendstunden. Nach der Arbeit fällt es mir schwer, bei Kinobesuchen, Afterwork-Partys oder Abendessen mit Freunden nicht vor Erschöpfung einzuschlafen. Zeit, in der ich nur mir einen Gefallen tue, nehme ich mir selten. Bis jetzt.

Seitdem ich das Prinzip des „Miracle Mornings“ verstanden habe, achte ich auf Auszeiten vom stressigen Alltag. Neben dem Joggen habe ich morgens vor allem gelesen. Normalerweise brauche ich für ein Buch mehrere Wochen. Am späten Abend im Bett – da lese ich am liebsten – fallen mir nach wenigen Minuten die Augen zu. Blöd. Zum Vergleich: Während meiner Testwoche saß ich bewusst mit meinem Psychothriller „Das Paket“ von Sebastian Fitzek eine Stunde lang auf dem Balkon (übrigens eine Grenzerfahrung für Schnulzenfans wie mich).

Nur einmal in sieben Tagen habe ich auf den „Miracle Morning“ verzichtet. Am vergangenen Dienstag hat meine Frühschicht in der Online-Redaktion bereits um 6 Uhr begonnen. Für nichts auf der Welt wäre ich noch eine Stunde früher aufgestanden. Unmenschlich.

Mein Fazit: Das Anti-Morgenmuffel-Experiment hat definitiv Schattenseiten. Wer früher aufsteht, ist auch früher müde. Nur mit einer großen Portion Selbstzwang habe ich mich jeden Morgen aus dem Bett gequält. Anders funktioniert es nicht. Und trotzdem: Es gibt mir das Gefühl, seltener wertvolle Zeit zu vergeuden. Tagsüber bin ich fitter. Und im Büro motivierter. Einen „Mira­cle Morning“ wird es weiterhin in meinem Leben geben. Aber bitte nicht mehr jeden Tag. Ausschlafen ist auch toll.