Hamburg

Kiefer Sutherland – ein Hollywood-Star im Gruenspan

 Schauspieler und Sänger Kiefer Sutherland (51), geboren in London, tourt als Sänger mit Band durch Deuschland

Schauspieler und Sänger Kiefer Sutherland (51), geboren in London, tourt als Sänger mit Band durch Deuschland

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Der Schauspieler tritt am Sonntag mit Country-Musik auf. Das Abendblatt traf ihm zum Gespräch.

Hamburg.  Beim letzten Interview, 2009 in München, da war Kiefer Sutherland noch Special Agent Jack Bauer in der weltweit erfolgreichen Serie „24“. Er war härter drauf als zwei James Bonds mit übler Laune und trug eine dieser bayerische Trachtenwesten, die aus norddeutscher Sicht eher sonderbar sind. „Die hab ich immer noch, und trage sie auch“, erzählt er beim Wiedersehen in Hamburg. Zuletzt kam die durch einen Terroranschlag ausgelöste Beförderung vom harmlosen Bauminister zum US-Präsidenten; als Tom Kirkman hütete er in „Designated Survivor“ das Wahre und Gute im Weißen Haus. Nun aber ist Sutherland, Sohn der Hollywood-Legende Donald Sutherland, Country-Rocker. Neue Tour, aber kein ganz neues Glück. Songs schreiben und sie singen, das praktiziert er schon seit vielen Jahren und mit enormer Hingabe.

In Ihren beiden bekanntesten Rollen hatten Sie viel mit ­Politik zu tun – und jetzt widmen Sie sich Country Music, für mich eines der ­politischsten Musik-Genres, denn da wird ständig von Land und Heimat und großen Gefühlen gesungen …

Kiefer Sutherland: Für mich ist Country gar nicht so. Denn Country in den USA, das sind drei Akkorde und die Wahrheit. Es geht mehr darum, wie jemand durch seinen Tag kommt, wie ihm das Herz gebrochen wird, wie er mit Alkohol umgeht. Wenn ich an Hank Williams, Merle Haggard, Johnny Cash, Waylon Jennings oder Kris Kristofferson denke – sie haben alle ehrlich und unschmeichelhaft über ihr Leben geschrieben. Wenn ich mal Fehler machte, und ich habe nun wirklich viele gemacht, konnte ich mir ihre Songs anhören und erkennen: Das ist vor mir schon anderen passiert. Wenn man an die Ursprünge von Coun­try denkt, ging es immer darum, wie hart es war, in den USA klarzukommen …

…. und Sie sind nicht mal Amerikaner …

… ich bin Nordamerikaner, in Kanada aufgewachsen. Aber mein Großvater hat mir Geschichten erzählt, wie schwer es für die Farmer in Saskatchewan war. Mich hat an Country immer interessiert, dass ganz eindeutige Geschichten erzählt werden. Wenn Johnny Cash „A Boy Named Sue“ singt, ist ganz klar, worum es da geht. Keine Metaphern, sondern ein Vater, der seinem Sohn einen üblen Namen gibt, und der kommt zurück, um sich zu rächen. Ich will als Songwriter klare Geschichten erzählen: Anfang, Mitte, Ende. Deswegen diese Musik.

Weil Sie das eben erwähnten: Wie wichtig ist es, Fehler gemacht zu haben, um bessere Country-Songs zu schreiben?

Absolut unverzichtbar. Es sind aber nicht nur die Fehler, sondern auch die Dinge, die einem einfach passieren. Ich habe Menschen verloren, diese Trauer kann man mit dem Publikum teilen. Keine Ahnung, warum, aber ich fühle mich dadurch besser.

In den Drehpausen der Serie „Designated Survivor“ haben Sie rund 200 Konzerte mit ihrer Band gegeben, hieß es …

… inzwischen fast 300…

Das ist sehr weit vom Klischee-Schauspieler entfernt, der sagt, ach was, ich mache das ein paar Mal nebenbei, kann ja ganz nett sein. Das ist ernst gemeint, echte Arbeit. Ab wann fühlte sich das okay an?

Tut es nach wie vor nicht. Ich habe 35 Jahre als Schauspieler gearbeitet. Wenn ich zum Set komme, habe ich eine sehr klare Vorstellung davon, was ich tun möchte und die Zuversicht zu wissen, was ich vom Drehbuch will. Konzerte zu geben, das ist für mich noch sehr neu. Fünf Jahre, 300 Konzerte in den letzten zweieinhalb Jahren. Wir hatten gerade 43 Shows in 50 Tagen, davon zwei Konzerte in Kalifornien, die echt schlecht verkauft waren. Verdammt, 200 Leute bei 1000 Plätzen! Wie geht man damit um? Das ist auch eine Chance, ihnen den Abend wirklich speziell zu machen.

Wissen Sie noch, wann der Spaß, da raus ins Rampenlicht zu gehen, größer war als die Panik, da rauszugehen?

Fairerweise: Die Panik wird immer da sein, sobald man raus geht. Wenn man aber eine Band hat, ist man geborgen. Das fing schon in der vierten, fünften Show an und ging seitdem nicht mehr weg.

Wie schwer war es, andere Musiker davon zu überzeugen, dass Ihnen das alles wirklich wichtig ist, dass Sie nicht nur ein Schauspieler sind, der einen Musiker darstellt?

Ich hatte fast zehn Jahre lang ein Label, Ironworks, in Los Angeles, deswegen kannte ich viele Musiker. Ich habe also nicht einfach nur irgendeine Band-Besetzung von der Stange gebucht. Und ich musste sie auch nicht erst von meinen ernsten Absichten überzeugen. Es war genau das Gegenteil. Sie wussten, dass ich nervöser war als sie und dass für mich mehr auf dem Spiel stand als für sie. Es ist harte Arbeit. Wenn Schauspieler-Freunde von mir sagen, ich müsste ja so viel Spaß haben, macht mich das wirklich sauer. Das ist kein Spaß! Wir waren gerade 16.000 Meilen unterwegs! In einem Bus! Keine Chance für frische Wäsche, keine anständige Mahlzeit! Wir machen das alles, weil die Belohnung für diese zwei Stunden Konzert so groß ist.

Haben Sie mit anderen Songwritern gesprochen, wie man das Handwerk lernen kann?

Als ich etwa 35 war, gab es einen Punkt, ab dem ich sehr viel produktiver wurde. Ich hatte ein Label, tolle Künstler, ich war da immer dabei und da habe ich die Formate gelernt. Sonderbare Vorstellung, morgens um neun einen Tee zu machen und dann mit dem Schreiben zu beginnen, aber zumindest bei mir musste es diese Art von Disziplin sein. Das war ein Anfang. Ich habe einen fürchterlichen Fehler begangen – zu denken, die 35 Jahre vor der Kamera würden mir als Performer und Sänger helfen. Das Gegenteil war der Fall. Persönliche Geschichten zu erzählen, nachdem ich mich 35 Jahre hinter Charakteren versteckt und meine Privatsphäre beschützt hatte – daran musste ich mich erst gewöhnen. Als ich zum ersten Mal, in Michigan, auf der Bühne darüber gesprochen habe, war das einer der befreiensten Momente, die ich jemals hatte.

Gestern war ich im Konzert mit Barock-Arien, am Ende war die Sängerin von sich und der Musik so gerührt, dass sie weinen musste. Country ist extrem persönlich. Wie ist das für Sie, wenn Sie auf der Bühne Ihre sprichwörtliche Hose herunterlassen?

Es gibt etwas, das Schauspielern passiert, mein Vater und ich haben beide darüber gelacht, weil wir beide es schon erlebt haben: Man hat seinen Text bestens drauf, die anderen auch. Und dann, wenn die Szene sich so real anfühlt, verliert man den Faden. Der Text ist weg. Genau das ist mir auch auf der Konzertbühne passiert. Man kommt an einen Ort, an dem man sich selbst den Song vorsingt – auf eine Weise, die so ehrlich mit dem Grund umgeht, warum man ihn geschrieben hat. Und in diesen Momenten ist man extrem nah an der Wahrheit dessen, was diese Kunstform ist. Großartige Momente sind das.

Käme jetzt eine Karrierewahl-Fee vorbei und Sie könnten wählen: Entweder eine Hauptrolle oder ein neues Album mit Tour – was würden Sie wählen?

Diese Entscheidung würde ich nicht treffen wollen. Beide Dinge sind so untrennbar miteinander verbunden: Beim Schauspielen interessiert mich das Geschichtenerzählen; wenn ich in einer Bar sitze, interessiert mich das Geschichtenerzählen; wenn ich Musik schreibe, inter­essiert mich das Geschichtenerzählen. Ich wüsste nicht, wer ich wäre, wenn ich kein Schauspieler wäre. Und ich werde Schauspieler sein, bis ich sterbe.

Gibt es Pläne nach Tom Kirkman? Sind Sie froh, dass nach der Staffel zwei Schluss ist?

Komplett entschieden ist das noch nicht. Es gibt noch Möglichkeiten mit Netflix, abwarten. Auf einige Aspekte dieser Serie bin ich stolz. Haben wir das Potenzial dieser Idee erfüllt? Nein. Es gab zu viele Köche in der Küche. Aber die Grundidee war großartig. In diesen Zeiten ist es wichtig, selbst wenn es nur in der Fantasiewelt einer TV-Serie ist, einen US-Präsidenten zu zeigen, der in der Lage ist, komplizierte und schwierige Situationen mit Verständnis und Mitgefühl zu begegnen. Und nicht mit Ignoranz und … (seufzt) Aber ich höre jetzt lieber auf.

Wir haben noch gar nicht über aktuelle Politik gesprochen.

Ist auch besser so.

Zurück zur Musik. Übers Songwriting war von Ihnen zu lesen: „If it doesn‘t make you want to fuck or fight, don‘t write about it“.

Na ja, da wollte ich wohl lustig sein. Und ich finde es auch immer noch witzig. Aber das Leben ist doch deutlich komplizierter.

Konzert So 10.6., 20.00 Gruenspan
(S Reeperbahn), Große Freiheit 58, Karten zu 41,95 im Vvk; CD: „Down In A Hole“